ArchivDeutsches Ärzteblatt PP7/2013Sicherstellung der Versorgung: Die Mischung macht es

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Sicherstellung der Versorgung: Die Mischung macht es

PP 12, Ausgabe Juli 2013, Seite 297

Rieser, Sabine

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Welche Planung hilft, Arztsitze sinnvoll zu besetzen? Wie bekommt man die Versorgung der Alten und die Berufswünsche der Jungen unter einen Hut? Diese Fragen treiben viele um, wie beim diesjährigen Hauptstadtkongress zu hören war.

Die sind nicht rechtzeitig fertig geworden“ – den Vorwurf hören Vertreter von Krankenkassen und Kassenärztlichen Vereinigungen (KVen) regelmäßig. Zum Hauptstadtkongress Medizin und Gesundheit hatte die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) allerdings zwei Akteure eingeladen, die fertig geworden sind: Dr. med. Monika Schliffke, Schleswig-Holstein, und Dr. med. Hans-Joachim Helming, Brandenburg. Die beiden KV-Vorstandsvorsitzenden haben sich mit den Kassen auf die neue regionale Bedarfsplanung verständigt.

„Die Landschaft sieht nun planerisch etwas anders aus“, erläuterte Schliffke. Die KV-Vorstandsvorsitzende ist zufrieden damit, dass man zum Beispiel 17 neue Facharztsitze „dort ausweisen konnte, wo es problematisch ist, nämlich in den Westküstenregionen“. Streng genommen hätte es eher einen Zuwachs in der Region um Hamburg geben müssen. Doch weil die Schleswig-Holsteiner in Zusammenarbeit mit der KV Hamburg nachwiesen, dass sich viele Bürger aus dem Hamburger Umland in der Metropole behandeln lassen, war eine flexiblere Lösung möglich – dies sieht die neue Richtlinie vor.

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Relativ schnell einigten sich Kassen und KV auch in Brandenburg. Nach der neuen Planung gibt es etwa 60 Hausarztsitze weniger, dafür aber fast so viele Facharztsitze mehr. „Das spiegelt die Versorgungsrealität wider“, befand KV-Vorstand Helming. „Aber allein dadurch, dass ich 60 Stellen mehr ausgewiesen habe, habe ich noch nicht einen Augenarzt mehr, der Patienten behandelt.“ Schliffke verwies auf einen weiteren Aspekt, nämlich dass der Leistungsumfang von ermächtigten Ärzten oder Institutsambulanzen schwer einzuplanen ist: „In diesen Bereichen haben wir oft Zulassungen ausgesprochen zur Erbringung bestimmter Leistungen oder Untersuchungen. Die sind weder zeit- noch stellengebunden.“

Statt zwei Ärzten bald drei

Gute Planung für eine gute Versorgung bedeutet: Mit den anderen Akteuren im Gespräch bleiben, vorhandene Instrumente flexibel einsetzen, das machten die beiden KV-Vorstände klar. Abschaffung der Residenzpflicht? „Eine sehr gute Entscheidung“, lobte Helming. „Wir haben inzwischen 180 Zweigpraxen in Schleswig-Holstein“, berichtete Schliffke. Die Aufhebung der Residenzpflicht ermögliche es einem Vertragsarzt nun auch, eine Zweigpraxis zu übernehmen und einen Kollegen dafür anzustellen.

Helming gab aber zu bedenken, dass es nicht immer effizient ist, die Ärzte aufs Land zu schicken. Brandenburg testet deshalb gerade als Modellprojekt einen Patientenbus. In Schleswig-Holstein befürworte das Ge­sund­heits­mi­nis­terium eher ein „Docmobil“, das Ärzte zu Patienten bringe, berichtete Schliffke: „Ich bin aber überzeugt, dass das langfristig nicht das richtige Konzept ist. Wir werden immer weniger Ärzte haben, und die Arztzeit wird das wichtigste Gut. Die können wir nicht verschwenden, indem wir Ärzte über Land schicken.“

Die Zukunft der Versorgung war auch Thema von „KBV kontrovers“ während des Kongresses. „Wir haben nicht weniger Ärzte, das Gegenteil ist der Fall“, rechnete Prof. Dr. med. Ferdinand M. Gerlach vor, Vorsitzender des Sachverständigenrates zur Begutachtung der Entwicklung im Gesundheitswesen. Der KBV-Vorstandsvorsitzende, Dr. med. Andreas Köhler, gab zu bedenken, dass man aufgrund der Wünsche zur Vereinbarkeit von Familie und Beruf auch mehr Ärzte brauche: „Da, wo heute zwei arbeiten, werden Sie bald drei benötigen.“ Dr. Joachim Rock vom Deutschen Paritätischen Wohlfahrtsverband forderte, Ärzte sollten Leistungen anderer Versorgungssysteme einfacher für ihre Patienten einbeziehen können. Als Beispiele nannte er die Kurzzeitpflege oder die Betreuung mit Hilfe eines Sozialarbeiters.

Auch bei „KBV kontrovers“ wurde diskutiert, wie hilfreich eine andere Bedarfsplanung für die medizinische Versorgung sein wird, beispielsweise in Form einer stärkeren Beteiligung der Länder. Rock zeigte sich skeptisch: Aufgrund regionaler Unterschiede sei mehr Planung vor Ort sicher sinnvoll, aber: „Wer bestellt, bezahlt auch.“ Ob die Länder das, was sie sich wünschten, auch mitfinanzierten, hielt er für fraglich – keiner widersprach.

Sabine Rieser

PLANUNG: BESSER REGIONAL

Die neue Bedarfsplanungs-Richtlinie ist zum 1. Januar 2013 in Kraft getreten. Bis 30. Juni soll sie in allen Bundesländern in Form regionaler Bedarfspläne umgesetzt sein. Diese legen KVen und Kassen einem Landesausschuss vor, in dem für Vertreter des Landes und der Patienten Mitspracherechte vorgesehen sind. Neben einer feineren Planung sieht die Richtlinie regionale Spielräume und flexible Lösungen vor.

Der Gemeinsame Bundes­aus­schuss hat im Frühjahr weitere, zunächst noch offene Fragen geklärt, beispielsweise zu Sonderbedarfszulassungen und zu Über- und Unterversorgung. Das Ministerium prüft die Vorgaben derzeit.

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