ArchivDeutsches Ärzteblatt PP7/2013Männer und Psychotherapie: Spezifische Angebote für Männer

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Männer und Psychotherapie: Spezifische Angebote für Männer

PP 12, Ausgabe Juli 2013, Seite 299

Bühring, Petra

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Nur ein Drittel der Patienten von Psychotherapeuten sind Männer. Und nicht, weil sie psychisch gesünder sind als Frauen. Warum Männer schlechter versorgt sind, beleuchtete ein Symposium der Deutschen Psychotherapeuten-Vereinigung.

Die Therapiesitzung mit dem Smartphone aufnehmen, Übungen und Rollenspiele mit dem Camcorder mitschneiden, das Tablet oder iPad zur Visualisierung von Therapiefortschritten – der Psychologische Psychotherapeut Johannes Vennen greift in seiner „Schwerpunktpraxis für Männer und Väter“ in Kiel die Technikbegeisterung vieler Männer auf. Er arbeitet seit Jahren erfolgreich mit männerspezifischen Angeboten, bietet beispielsweise Therapiegruppen nur für Männer oder Sprechzeiten zu „männergerechten Zeiten“ abends und am Wochenende an. Der Verhaltenstherapeut nutzt bei seinen Geschlechtsgenossen andere Therapieformen, mehr Übungen, Rollenspiele, Präsentationen, Konfrontation oder Provokation. „Seit Jahrhunderten sind Frauen und Männer unterschiedlich sozialisiert, wieso sollte gerade in der Psychotherapie ein unisexueller Ansatz funktionieren?“, fragte Vennen bei dem Symposium „Mann kriegt die Krise – Männer und Psychotherapie, geht das zusammen?“, das die Deutsche Psychotherapeuten-Vereinigung (DPtV) am 6. Juni in Berlin veranstaltete.

Suizidrate bei Männern dreimal so hoch

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Im Publikum kam nach dem Vortrag des „Männertherapeuten“ die Frage auf, ob eine solche Beziehungsgestaltung auch mit einer Therapeutin funktionieren kann? Ticken alle Männer gleich, und was ist mit ihren femininen Anteilen? Für eine Gender-Diskussion sah der Zeitplan aber keinen Platz vor.

Einig waren sich alle, dass es mehr männerspezifische Psychotherapie und mehr psychosoziale Versorgungsangebote geben müsse. Denn Männer sind mit nur einem Drittel Anteil in der ambulanten Psychotherapie unterrepräsentiert. Darauf wies Prof. Dr. rer. soz. Anne Maria Möller-Leimkühler, Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Universität München, hin. Und das nicht, weil Männer psychisch gesünder sind als Frauen. Die Suizidrate sei bei Männern dreimal so hoch wie bei Frauen, erklärte Anne Starker vom Robert-Koch-Institut (RKI) mit Verweis auf den Männergesundheitsbericht des RKI. Psychische und Verhaltensstörungen durch Alkohol sind zudem die häufigste Diagnose für einen stationären Aufenthalt von Männern (Krankenhausstatistik 2012). Leberzirrhose tritt entsprechend als Erkrankung mit Todesfolge bei Männern bereits im mittleren Erwachsenenalter auf.

Die Diagnose Depression werde bei Frauen wesentlich häufiger gestellt als bei Männern, erklärte Starker weiter. Beispielsweise liegt die Zwölf-Monats-Prävalenz der Depression bei den 40- bis 49-jährigen Männern bei 3,6 Prozent im Vergleich zu 8,5 Prozent der Frauen (Männergesundheitsbericht). Möller-Leimkühler führt das darauf zurück, dass es „das Konzept der männlichen Depression in den Diagnosesystemen noch nicht gibt“. Denn das männliche depressive Syndrom äußere sich anders: geringere Stresstoleranz, ausagierende Verhaltensweisen, geringere Impulskontrolle, Irritabilität, Ruhelosigkeit und Unzufriedenheit, Substanzmissbrauch, antisoziales Verhalten. Depressionen bei Männern werden deshalb oft nicht erkannt mit der Folge von Chronifizierungen sowie psychischen und somatischen Komorbiditäten. Nach Möller-Leimkühler werden 80 Prozent der psychisch kranken Männer bei niedergelassenen Ärzten wegen somatischer Erkrankungen behandelt, 35 Prozent in Allgemeinkrankenhäusern, zehn Prozent in suchttherapeutischen Einrichtungen und nur 0,5 bis ein Prozent bei Psychotherapeuten.

Neben dem Gender-Bias in der Diagnostik seien auch Barrieren im Kopf der Männer selbst verantwortlich dafür, dass sie nicht bei Psychotherapeuten ankommen, sagte die Soziologin Möller-Leimkühler: „Je stärker ein Mann sich an den Normen traditioneller Männlichkeit orientiert, desto geringer ist die Wahrscheinlichkeit, sich Hilfe zu suchen.“ „Männlichkeitsindikatoren“, wie wenig Schlaf zu brauchen, Schmerzen ertragen zu können, viel Alkohol zu vertragen, allein zu sein, um vermeintlich frei zu sein, wirkten kontraproduktiv. Hinzu komme die Angst vor Stigmatisierung, die bei Männern stärker ausgeprägt sei.

Auch mehr männliche Therapeuten sind nötig

„Wir müssen umdenken und die gesellschaftliche Verantwortung für die psychische Gesundheit von Männern sehr ernst nehmen“, fordert deshalb Dipl.-Psych. Barbara Lubisch, stellvertretende Bundesvorsitzende der DPtV. Neben einer ausreichenden Zahl an Therapieplätzen sei eine höhere Anzahl männlicher Psychotherapeuten in der Versorgung notwendig. Zurzeit sind fast doppelt so viele Psychotherapeutinnen niedergelassen. Auch in Betrieben und Organisationen sollte mehr Sensibilität für die psychischen Probleme der Männer geschaffen werden, fordert Lubisch. Und die Epidemiologin Starker vom RKI wies darauf hin, dass es bisher kein umfassendes Erklärungsmodell für die Geschlechtsunterschiede im Risiko für psychische Störungen gibt. Die Forschung ist gefragt.

Petra Bühring

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