ArchivDeutsches Ärzteblatt PP7/2013Diabetes mellitus und Psychische Störungen: Die Mortalität ist erhöht

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Diabetes mellitus und Psychische Störungen: Die Mortalität ist erhöht

PP 12, Ausgabe Juli 2013, Seite 303

Bühring, Petra

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Psychische Störungen sollten in der Therapie von Patienten mit Diabetes mellitus nicht unterschätzt werden. Oft bleiben sie unerkannt und unbehandelt. Die Versorgungsangebote für die Betroffenen sind unzureichend.

Chronische Erkrankungen bringen häufig schwere Belastungen mit sich. Die häufigste Folgeerkrankung bei Patienten mit Diabetes mellitus ist die Depression: Jeder dritte Betroffene weist eine erhöhte Depressivität auf, jeder achte leidet an einer Depression. Die psychische Erkrankung werde jedoch oftmals nicht erkannt, und die Versorgungsangebote seien unzureichend. Darauf machte die Deutsche Diabetes Gesellschaft (DDG) aufmerksam.

„Bleibt die psychische Erkrankung bei Diabetes-Patienten unerkannt, wird eine gute Diabeteseinstellung erschwert. Eine verkürzte Lebenserwartung ist die Folge“, sagte Dr. med. Erhard Siegel, Präsident der DDG. Diabetes und psychische Erkrankungen begünstigten sich wechselseitig. „Für die Therapie und die langfristige Prognose sind somatische und psychosoziale Faktoren gleichermaßen wichtig“, betonte Siegel. Meist ständen derzeit jedoch immer noch die Blutzuckerwerte im Vordergrund. Der Patient müsse die Therapiemaßnahmen aber selbstständig und eigenverantwortlich steuern. Gelinge ihm das aufgrund psychischer Störungen nicht, erhöhe dies die Mortalität, erläuterte der DDG-Präsident.

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Die neue S2-Leitlinie „Psychosoziales und Diabetes“ soll die Erkennung psychosozialer Probleme und psychischer Erkrankungen, deren Behandlung und die Schulung von Diabetes-Patienten verbessern. Nach Angaben der DDG, die die Leitlinie zusammen mit anderen Fachgesellschaften erstellt hat, ist sie praxisnah und die weltweit erste des Fachgebiets.

Nicht nur Depressionen erschweren das Diabetes-Management, sondern auch psychotische Störungen, Suchterkrankungen, Essstörungen und Demenz. „Die Ziele der Diabetes-Therapie erreichen wir bei den betroffenen Patienten nicht“, sagte Dr. phil. Dipl.-Psych. Bernhard Kulzer, Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft Diabetes und Psychologie der DDG. „Doch im Gegensatz zu anderen chronischen Erkrankungen findet die Behandlung hier in einem psychotherapiefreien Raum statt.“ Es gebe keine einzige Diabetes-Beratungsstelle, in der Betroffene Unterstützung finden. In der stationären wie in der ambulanten Therapie existiere zudem keine adäquate Abrechnungsziffer für psychosoziale Leistungen.

„Der Hausarzt muss wissen, dass sich bei Typ-2-Diabetes häufiger Depressionen entwickeln“, sagte Prof. Dr. med. Johannes Kruse, Gießen, Vorstand der Deutschen Gesellschaft für Psychosomatische Medizin und Ärztliche Psychotherapie. Einfache Screening-Fragen würden helfen, die psychische Erkrankung zu entdecken: „Studien haben gezeigt, dass initial dafür nur zweieinhalb Minuten aufgewendet werden müssen, damit der Patient sich mitteilt.“

Bei Verdacht auf eine psychische Erkrankung fehlten jedoch die Strukturen, die eine zeitnahe psychotherapeutische Versorgung ermöglichten, so Kruse: „Wir brauchen Sprechstundenpraxen, nicht nur Richtlinien-Psychotherapie.“ Bei reaktiver Depression seien oftmals schon zwölf bis 14 Therapiestunden ausreichend. Verbessert werden könne die Versorgung ab dem kommenden Jahr mit der Möglichkeit, Psychosomatische Institutsambulanzen an Kliniken einzurichten, erläuterte Kruse. Diese könnten schnelle Diagnostik und kurze Therapien anbieten.

Auf das hohe Risiko von adoleszenten und jungen Frauen mit Typ-1-Diabetes für Essstörungen, insbesondere Bulimia nervosa, wies Prof. Dr. med. Stephan Herpertz, Bochum, hin: „Sie leiden fast doppelt so häufig an gestörtem Essverhalten wie gesunde Altersgenossinnen.“ Doch die Kombination sei gefährlich, die Betroffenen riskierten durch ihren schwankenden Blutzuckerspiegel deutlich früher Folgeschäden an Augen, Nieren oder Nerven. Bulimisches Essverhalten sei geprägt durch Kontrollverluste bei der Nahrungsaufnahme und gegensteuernde Maßnahmen, um Gewicht wieder zu verlieren, erläuterte Herpertz.

Typisch für essgestörte Patientinnen mit Diabetes sei ein Gegensteuern durch „Insulin-Purging“: Bewusst werde dabei zu wenig Insulin gespritzt. Durch den niedrigen Insulinspiegel bleibe mehr Zucker im Blut, den die Nieren dann über den Urin aus dem Körper schwemmen. „Das Ziel, Gewicht zu verlieren, wird erreicht, diabetische Spätschäden sind jedoch vorprogrammiert“, sagte Herpertz. Die S2-Leitlinie empfiehlt bei den betroffenen jungen Frauen Psychotherapie.

Petra Bühring

@Die Leitlinie (Teil 1 und 2) im Internet:
www.aerzteblatt.de/pp13303

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