ArchivDeutsches Ärzteblatt PP7/2013Lindauer Psychotherapiewochen 2013: Neuen Verunsicherungen begegnen

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Lindauer Psychotherapiewochen 2013: Neuen Verunsicherungen begegnen

PP 12, Ausgabe Juli 2013, Seite 304

Goddemeier, Christof

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Woher sollen Menschen Vertrauen und Bindung nehmen in einer Welt, in der Traditionen eine immer geringere Rolle spielen, die Arbeitswelt immer weniger verlässlich wird? Oder sind die Ängste, die sich in diffusen Gefühlen der Bedrohung zeigen, gar nichts Neues für die Psychotherapie? In Lindau wurden Antworten gesucht.

Foto: Fotolia/lassedesing
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Gegen Verunsicherung helfen Vertrauen und Bindung. Doch woher soll man die beiden nehmen in einer Welt, in der Traditionen eine immer geringere Rolle spielen und anonyme, komplexe Administrationen an die Stelle von engen, übersichtlichen Bindungen treten? „Die Wirtschaft hat noch nie jemand verstanden, aber jetzt ist das bei den Leuten angekommen“, zitiert Prof. Dr. phil. Verena Kast, St. Gallen, in ihrer Einleitung. Andererseits leben Menschen trotz Unübersichtlichkeit ihre Normalität und versuchen, ihr Leben zu gestalten. Ist die Welt also wirklich ein gefährlicherer Ort geworden, ist es heute schwerer, in ihr heimisch zu werden? Oder sind die Ängste, die sich in diffusen Gefühlen von Bedrohung zeigen, bloß alte Ängste, mit denen die Psychotherapie seit je zu tun hat? Diesen Fragen widmete sich die erste Woche der Lindauer Psychotherapietagung 2013.

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Der Soziologe Prof. Dr. rer. soc. Hartmut Rosa, Jena, identifiziert in seinem Eröffnungsvortrag zwar die alten Fragen und Ängste; doch der Kontext einer spät- oder postmodernen Gesellschaft erfordert neue Antworten. Moderne Gesellschaften zeichnet laut Rosa eine unerbittliche Steigerungslogik aus. Nur über ständige Dynamisierung, das heißt Wachstum, Beschleunigung und Innovation, können sie sich erhalten. Neben der Vermehrung von Konsumgütern geht es dabei wesentlich um eine Vermehrung von Optionen, Kontakten und Anschlusschancen. Doch der Faktor Zeit erweist sich als „nicht vermehrbare Ressource“. Das führe beim Einzelnen zu „Zeithungersnot“ und „Gegenwartsschrumpfung“, zum Gefühl, mit dem Leben nicht begonnen zu haben. Während moderne Gesellschaften krisenhaft reagieren, etwa mit „Öko-Krise“, „Demokratiekrise“ und „Finanzmarktkrise“, muss das Individuum auf alte Ängste anders antworten als früher. Stand etwa in der Vormoderne mehr oder weniger fest, wer jemand war, stellte die klassische Moderne den Einzelnen vor die Aufgabe, seinen Platz in der Gesellschaft zu finden. Dagegen kennzeichne heutige Individuen eine „performative Identität“, die Positionierungen vermeide.

„Hort des Widerstands“

Das hat Auswirkungen auf den Umgang mit der alten Angst, von niemandem gemocht zu werden – auch um Anerkennung ringe das postmoderne Individuum nicht mehr „positional“, sondern „performativ“. Die alte Angst „Bin ich gut genug?“ mündet im Kontext „unabschließbarer Optimierungszwänge“ in die Produktion „schuldiger Subjekte“, die niemals gut genug sein können. Unter diesen Bedingungen kann Psychotherapie sich laut Rosa als „Optimierungsagentur“ verstehen, die den Einzelnen dabei unterstützt, immer besser und schneller zu werden. Oder sie betätigt sich als „Reparaturbetrieb“, der Bewältigungsstrategien bereitstellt. Nicht zuletzt kann sie „Hort des Widerstands“ gegen als unerträglich empfundene gesellschaftliche Verhältnisse sein.

Wovor fürchten die Deutschen sich am meisten? An oberster Stelle rangiert die Angst, im Alter zum Pflegefall oder unheilbar krank zu werden, gefolgt von der Sorge, dass den nächsten Angehörigen etwas zustößt, und der Angst, in wirtschaftliche Not zu geraten. Mit realer und neurotischer Angst beschäftigt sich Prof. Dr. med. Harald Freyberger, Greifswald. Dass Angst in enger Beziehung zur Qualität der Ich-Funktionen steht, hat Sven O. Hoffmann in seinem Strukturmodell gezeigt. Klar ist, dass ein starkes Ich vor Angst schützt.

John Bowlbys Konzept der „Pseudophobie“ liegt die Annahme zugrunde, dass nicht die auslösende Situation für die Entstehung von Angst entscheidend sei, sondern die Abwesenheit der zentralen Bezugsperson. Neurotische Angst ist Freyberger zufolge vor allem durch die Diskrepanz zwischen Auslöser und Antwort gekennzeichnet.

Alte und neue Formen der Beschwerdepräsentation bei Angststörungen erörtert Prof. Dr. med. Ulrich Egle, Freiburg. Beispiele für nicht wissenschaftlich belegte, krankheitsbezogene Ängste heute seien die Amalgam-Debatte und die Angst vor Elektrosmog. Chronischen Schmerzerkrankungen liege häufig eine Angsterkrankung zugrunde. So zeigt sich etwa bei Menschen mit einer Angststörung ein deutlich erhöhtes Risiko für Migräne und medikamenteninduzierten Kopfschmerz.

Vermeidung von Angst

Naomi Eisenberger von der University of California in Los Angeles hat auf den Zusammenhang zwischen physischem Schmerz und sozialer Ausgrenzung aufmerksam gemacht – das Gehirn selbst ist in der Lage, Schmerz zu generieren. Offenbar teilen sich sozialer und physischer Schmerz gemeinsame Nervenbahnen. Wesentlich für die Chronifizierung von Schmerz ist laut Egle eine Angst-Vermeidungs-Einstellung („fear avoidance belief“), die Überzeugung, dass etwa Rückenschmerzen und Belastung zusammenhängen – mit der Folge, dass Bewegung vermieden wird.

Führen Brüchigkeit und Strukturverlust in der Familie zu neuen Ängsten? Laut Prof. Dr. phil. Inge Seiffge-Krenke, Mainz, sind die „Donnerväter“ früherer Zeit als Quelle kindlicher Angst weitgehend verschwunden. Die Philosophin Elisabeth Badinter beschreibt in ihrer Geschichte der Elternliebe elterliche Gleichgültigkeit im 18. Jahrhundert als Folge der hohen Kindersterblichkeit und damit verbundener „Abstumpfung“ der Eltern. 2000 spricht Jean Twenge vom „age of anxiety“. Seiffge-Krenke zufolge lässt sich eine Zunahme von Angststörungen bei Jugendlichen nicht belegen. Als mögliche Ursachen benennt sie eine Prekarisierung der kindlichen Lebenswelt, wobei kindliche Angst nicht eine natürliche Reaktion auf Armut sei, sondern vermittelt über Konflikte, Depressivität und Stress der Eltern auftrete; auch psychische und körperliche Erkrankungen der Eltern sowie „zwanghaftes Fürsorgeverhalten und Katastrophisierung“ der „Sorgenpulli“-Eltern erzeugen Angst. Das Gegenteil, Gleichgültigkeit und mangelnde Fürsorge, zeigen zum Teil Eltern, die sehr mit sich und ihrer „Selbstverwirklichung“ beschäftigt seien.

Am Beispiel der Schulangst erläutert Dr. rer. biol. hum. Hans Hopf, Mundelsheim, den Unterschied zwischen realer Angst, etwa vor Beschämung, Verletzung und Bestrafung, und einer Angst, bei der die Schule nur die Bühne darstelle. Häufig, vor allem bei Mädchen, liege hier eine Trennungsangst zugrunde. Jungen, die von ihrer Mutter grenzenlos bewundert werden, machen dagegen in der Schule realistische und ernüchternde Erfahrungen, denen sie sich laut Hopf zu entziehen suchen.

In seinem Buch „Formen der Angst“ (1961) beschrieb Fritz Riemann vier Grundängste und ordnete ihnen vier Persönlichkeitsakzentuierungen zu. Davon ausgehend fragt Prof. Dr. med. Franziska Geiser, Bonn, nach dem Sinn von Angst. Bereits die Märchen kennen den, der auszieht, „das Fürchten zu lernen“. Am Beispiel von Menschen mit Urbach-Wiethe-Syndrom, einer seltenen Verkalkung der Amygdala, kann man lernen, wie es sich ohne Angst lebt. Dabei wird deutlich: Wer keine Angst hat, sucht sie. Was ist zuerst da, die Angst oder das Gefühl von Sicherheit? Laut Geiser gibt es einen „negativity bias“, das heißt, die negative Information wird priorisiert: Sind wir mit einer Schlange unklarer Dignität und einem schmackhaften Nachtisch konfrontiert, erleben wir zunächst Angst. Erst wenn sich die Angstquelle als ungefährlich erwiesen hat, widmen wir uns dem Nachtisch. Angst schützt Geiser zufolge vor allem Jugendliche vor riskantem Verhalten, etwa Drogenmissbrauch. Indem wir uns an Regeln halten und Angst vor Regelübertretung und entsprechender Sanktion haben, schütze Angst uns vor Ausgrenzung. Ohne Angst keine Empathie: Angst helfe, zu lieben und in Gesellschaft zu leben.

Auch Psychotherapeuten sind gegen Verunsicherung nicht immun. Mit einem Rekurs auf das gesellschaftskritische Potenzial der Psychoanalyse fragt Prof. Dr. disc. pol. Jürgen Körner, Berlin, wovor Psychotherapeuten sich heute fürchten könnten: Hat in spätbürgerlichen Gesellschaften die Psychoanalyse als Wissenschaft und „Anwältin des neurotischen Menschen“ ausgedient? Wird die Psychoanalyse als absichts- und tendenzlose Methode „wahrhaftiger Selbsterkenntnis“ zunehmend durch eine „zweckorientierte Psychotherapie“ ersetzt? Wie solche Veränderungen sich auf eine künftige universitäre Psychotherapieausbildung auswirken werden, scheint derzeit nicht absehbar.

„Wer keine Angst hat, hat keine Fantasie“, konstatierte Erich Kästner. Wie das Fantasie-Medium Film die Verunsicherungen seiner Zeit spiegelt, bedenkt Dr. phil. Marga Löwer-Hirsch, Düsseldorf. Dabei wird deutlich, dass Verunsicherungen und Verlusten im Rahmen der Globalisierung an anderer Stelle Gewinn und Entwicklung gegenüberstehen können. Eine pessimistische Bewertung etwa der Arbeitsplatzunsicherheit in der globalisierten Welt sehe „das erschöpfte Selbst auf dem Fitnessparcours eines entfesselten Kapitalismus“ (Heiner Keupp); eine optimistische Einschätzung vertraue darauf, dass eine Gesellschaft aus „Ichlingen“ langsam zusammenwachse (Horst Opaschowski).

Mehr Raum für Neues

Man sei womöglich lieber ins „Kerngeschäft der Psychotherapie eingestiegen“, als sich mit neuen Verunsicherungen zu beschäftigen, so Verena Kasts Eindruck in ihrem Schlusswort. In der Tat: So spannend die einzelnen Vorträge waren, mögliche neue Verunsicherungen, etwa durch wirtschaftlichen „Strukturwandel“, demografische Veränderungen und Migration, hätten mehr Raum einnehmen können.

Christof Goddemeier

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