ArchivDeutsches Ärzteblatt PP7/2013Psychologische Erste Hilfe: Traumatisierungen wird vorgebeugt

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Psychologische Erste Hilfe: Traumatisierungen wird vorgebeugt

PP 12, Ausgabe Juli 2013, Seite 306

Sonnenmoser, Marion

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Kriseninterventionsteams, zu denen auch Psychologen gehören können, sind bei Großschadensereignissen meist vor Ort. Foto: dpa
Kriseninterventionsteams, zu denen auch Psychologen gehören können, sind bei Großschadensereignissen meist vor Ort. Foto: dpa

Nach Unfällen oder Katastrophen eignet sich die Psychologische Erste Hilfe dazu, bei Betroffenen unmittelbar Belastungen zu reduzieren. Die Ausbildung psychologischer und psychosozialer Notfallhelfer ist jedoch nicht einheitlich geregelt.

Nach Unfällen, Naturkatastrophen, Terroranschlägen und anderen, psychisch belastenden Ereignissen dienen die meisten Maßnahmen zunächst dem körperlichen Überleben der Opfer. Ebenso wichtig sind aber auch Maßnahmen zur Stabilisierung der Psyche, die sogenannte Psychologische Erste Hilfe. Sie wird von den Betroffenen sogar manchmal eher gewünscht als die reine Grundversorgung. Das Konzept der Psychologischen Ersten Hilfe wurde von internationalen Experten entwickelt, wobei verschiedene Interventionen mittlerweile für den deutschsprachigen Raum adaptiert wurden.

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Belastungen reduzieren

„Bei der Psychologischen Ersten Hilfe handelt es sich um einen modularen, kultursensitiven und flexiblen Ansatz, um Betroffenen unmittelbar nach einem traumatischen Ereignis helfen zu können“, sagt der Psychotherapeut Christoph Kröger, der als Leiter der Hochschul- und Ausbildungsambulanz an der TU Braunschweig tätig ist. Das Ziel der Psychologischen Ersten Hilfe besteht darin, Belastungen zu reduzieren, bei gegenwärtigen Bedürfnissen zu helfen und adaptives Verhalten zu begünstigen, wobei allein schon mit Information, Zuwendung, Anteilnahme und Zuhören viel erreicht werden kann. Die Maßnahmen werden bei Betroffenen der Allgemeinbevölkerung und Einsatzkräften angewendet.

Zu den Kernelementen der Psychologischen Ersten Hilfe zählen:

  • Kontakt angemessen herstellen
  • Kurzfristig für Sicherheit und Wohl sorgen
  • Stabilisieren, wenn notwendig
  • Momentane Bedürfnisse und Sorgen kennenlernen
  • Praktische Hilfe anbieten
  • Soziale Unterstützung aufbauen
  • Informationen zur Bewältigung der Ereignisse geben
  • Kontakt zu weiteren psychosozialen Angeboten herstellen

Psychologische Erste Hilfe versteht sich als präventive Maßnahme. Sie ermöglicht es, nicht nur Traumatisierungen, sondern auch psychischen Erkrankungen vorzubeugen, die sich infolge stark belastender Ereignisse entwickeln können, wie etwa posttraumatische Belastungs- und Anpassungsstörungen, Depressionen und substanzbezogene Störungen. Ob und wie Psychologische Erste Hilfe geleistet wird, kann somit ausschlaggebend dafür sein, ob die Betroffenen das traumatische Ereignis mit der Zeit verkraften oder ob sie sich einer psychotherapeutischen Behandlung unterziehen müssen.

Sicherheit fördern

Die Prävention zur Vermeidung von Traumafolgestörungen umfasst in der Regel mehrere Ebenen: Als Maßnahme der universellen Prävention werden unter anderem Informationsmaterialien an verschiedene Zielgruppen in der Allgemeinbevölkerung verteilt, die beispielsweise auftretende Beschwerden normalisieren und erste Bewältigungsschritte anregen sollen. Im Rahmen der selektiven Prävention werden Maßnahmen durchgeführt, die Helfer (Polizei, Feuerwehr, Rettungspersonal) bei der Vorbereitung auf Einsätze und bei der Verarbeitung von belastenden Ereignissen helfen sollen. Die indizierte Prävention dient der unmittelbaren Versorgung nach einem traumatischen Ereignis und umfasst folgende Prinzipien: Sicherheit fördern, beruhigen und entlasten, Selbstwirksamkeit und Kontrolle fördern, Kontakt und Anbindung fördern sowie das Gefühl von Hoffnung stärken. Unter sekundärer Prävention wird eine psychotherapeutische Behandlung verstanden. Zur Behandlung von akuten Belastungsreaktionen und posttraumatischen Belastungsstörungen haben sich traumafokussierende, kognitiv-behaviorale Verfahren als wirksam erwiesen.

Zum psychosozialen Helfer kann sich im Prinzip jeder ausbilden lassen. Allerdings ist die Ausbildung psychologischer und psychosozialer Notfallhelfer nicht einheitlich geregelt, und es gibt keine Vorgaben für eine Mindestqualifikation der jeweiligen Helfer, so dass die Situation im Bereich psychosozialer Notfallversorgung als unübersichtlich bezeichnet werden muss. Dieser Umstand sollte Seelsorger, Ärzte, Psychotherapeuten und andere Berufsgruppen, die gelegentlich oder regelmäßig mit unmittelbar traumatisierten Menschen zu tun haben und ihnen professionell helfen wollen, jedoch nicht davon abhalten, sich mit den Prinzipien der Psychologischen Ersten Hilfe zu beschäftigen und sich gegebenenfalls als psychosoziale Fachkräfte schulen zu lassen. Entsprechende Ausbildungsmöglichkeiten sind unter anderem bei karitativen Einrichtungen, Notrettungs- und Hilfsdiensten zu finden.

Dr. phil. Marion Sonnenmoser

@Hilfen für den psychosozialen Notfall im Internet:
www.tu-braunschweig.de/psychologie/psychotherapieambulanz/stoerungen/ptsd, www.pknds.de/37.0.html

1.
Kröger C: Psychologische Erste Hilfe. Göttingen: Hogrefe 2013.
2.
Nikendei A: Psychosoziale Notfallversorgung (PSNV): Praxisbuch Krisenintervention. Edewecht: Stumpf und Kossendey 2012.
3.
Reiners-Kröncke W, Dette M, Haas I: Trauma und Traumabewältigung. Handlungsempfehlungen für die Psychische Erste Hilfe. Hergensweiler: Ziel 2012.
4.
Wilk W, Wilk M: Psychologische Erste Hilfe bei Extremereignissen am Arbeitsplatz. Berlin: Schmidt 2007.
1.Kröger C: Psychologische Erste Hilfe. Göttingen: Hogrefe 2013.
2.Nikendei A: Psychosoziale Notfallversorgung (PSNV): Praxisbuch Krisenintervention. Edewecht: Stumpf und Kossendey 2012.
3.Reiners-Kröncke W, Dette M, Haas I: Trauma und Traumabewältigung. Handlungsempfehlungen für die Psychische Erste Hilfe. Hergensweiler: Ziel 2012.
4.Wilk W, Wilk M: Psychologische Erste Hilfe bei Extremereignissen am Arbeitsplatz. Berlin: Schmidt 2007.

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