ArchivDeutsches Ärzteblatt PP7/2013Analytische Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie: Kindheit unter Druck

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Analytische Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie: Kindheit unter Druck

PP 12, Ausgabe Juli 2013, Seite 307

Oswald, Cathleen

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Die 60. Jahrestagung der Vereinigung Analytischer Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten befasste sich mit den Themen Latenz, als Zeit zwischen der ödipalen Phase und Pubertät, und mit der Zeit, die Eltern immer weniger haben.

Der Latenz, als Zeit zwischen der ödipalen Phase und der Pubertät, wurde bislang zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt. Die 60. Jahrestagung der Vereinigung Analytischer Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten e.V. (VAKJP) befasste sich deshalb diesmal unter dem Titel: „Zwischen-Zeit – Latenz als Verschränkung von Vergangenem und Zukünftigem oder: Vom Geben und Nehmen der Zeit in der analytischen Psychotherapie von Kindern und Jugendlichen“ mit diesem Thema. Etwa 400 Mitglieder der VAKJP sind Anfang Mai nach Stuttgart gereist und haben mit renommierten Experten verschiedene Aspekte der Latenz diskutiert – ein noch weitgehend blinder Fleck auf der Forschungslandkarte.

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Weil die psychosexuelle Entwicklung Heranwachsender entscheidend durch Beziehungen und das soziale Umfeld beeinflusst wird, widmeten sich die Referenten auch der Zeit, die Erwachsene Kindern zur Verfügung stellen müssen: Zeit für Krisen, Zeit für Konfliktlösungen, Zeit für entwicklungsbedingte Prozesse. Da Eltern und Lehrer heute unter beschleunigten zeitlichen Rahmenbedingungen zurechtkommen müssen, gerät diese wertvolle Zeit in Gefahr. Wie sich moderner Zeit- und Leistungsdruck auf den kindlichen Umgang mit Beziehungen und die Verarbeitung traumatischer Erfahrungen auswirken, war daher ein weiterer spannender Tagungsaspekt.

Veränderte Ausprägungen

Im Eröffnungsvortrag „Hat sich die Latenz gewandelt?“ berichtet der Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeut Hans Hopf, dass in den 40 Jahren seiner Berufslaufbahn nicht die Störungen zugenommen haben, sich aber deren Ausprägungen verändert hätten. So seien heute die acht- bis zwölfjährigen Kinder, meist Jungen, mit externalisierenden Störungen, wie Aufmerksamkeitsdefizite, Aggressionen, Bewegungsunruhe und Lernstörungen, aber auch mit Angststörungen, seine größte Klientel. Hopf erinnern seine heutigen Patienten an die Nachkriegskinder, deren Lebenswirklichkeit eine ganz andere war, deren Symptome sich aber auf ähnliche Weise zeigen und möglicherweise auf ähnliche Auslöser hinweisen. „Vermutlich waren es nach dem Krieg vielfältige Traumatisierungen, der Zerfall von Familien, Trennungserfahrungen und ein abwesender oder traumatisierter Vater“, sagte Hopf.

In hohem Maße sexualisiert

Im Zeitalter steigender Scheidungsraten fehlten auch heute oft stabile Vertrauensbeziehungen und die Vaterfigur. „Manche Kinder sind heute zudem zu früh emotional sich selbst überlassen, es fehlt ihnen an Halt und Begrenzung“, sagte Hopf. Zudem erlebten Kinder im Latenzalter heutzutage keineswegs eine Pause ihrer Triebentwicklung, sondern seien in hohem Maße sexualisiert. Etwa ein Drittel der elfjährigen Mädchen und Jungen hätten bereits Seiten im Internet mit pornografischen Inhalten besucht, bis zum 17. Lebensjahr seien es 93 Prozent der Jungen und 80 Prozent der Mädchen. Dieser frühe autonome Gebrauch moderner Freiheiten überfordere manche Kinder. „Sie brauchen besonders gute Verwurzelungen und stabile Beziehungen zu beiden Elternteilen. Nur so kann deren Kindheit vor zerstörerischen Einflüssen unserer schnelllebigen, unverbindlichen Zeit beschützt werden“, forderte Hopf.

Einen sozialwissenschaftlichen Blick auf die Entwicklungsphase der Latenz ermöglichte Vera King, Professorin für Erziehungswissenschaft an der Universität Hamburg, in ihrem Vortrag „Im Zwischenraum der Latenz“. Im Zentrum ihrer Überlegungen stand die generationale Fürsorgeverpflichtung der Eltern, ihren Nachkommen einen Schutzraum für die Überwindung des Vergangenen zu bieten und einen Neubeginn zu ermöglichen. Ohne diese Fürsorge, so King, „stecken Kinder in ihrer Vergangenheit fest und erleben die Gegenwart ohne Aussicht auf eine hoffnungsvolle Zukunft, was ja eine nahezu identische Beschreibung depressiven Erlebens ist.“

Mobil, flexibel, effektiv

Unter Druck gerieten sorgende Generationenbeziehungen vor allem durch die hohen Ansprüche des heutigen Gesellschaftsideals vom mobilen, flexiblen und effektiven Menschen. Die notwendige Anpassung an sich beständig verändernde Bedingungen überfordere und frustriere viele Erwachsene. Um Mithalten zu können, bedienten sich Eltern einer Taktik, in der die Pflege fürsorglicher Beziehungen in Konkurrenz zum vermeintlich Dringlichen tritt und unterliegt. „Die ehemals wertvollen sozialen Beziehungen werden abgewertet, damit wir deren Pflege guten Gewissens hinausschieben können.“ Das Dringliche – eine Steuererklärung etwa – erhalte einen höheren Stellenwert und könne daher nicht aufgeschoben werden. Am Ende warteten Kinder vergebens auf das versprochene Campingwochenende, den Kuschelabend oder die Gute-Nacht-Geschichte.

Ein weiteres Dilemma stecke in der elterlichen Erwartungshaltung an ihr „Projekt Kind“, was ein erfolgreiches sein soll, weiß King. Die bestmögliche Ausbildung und ergänzend dazu gewinnbringende Freizeitbeschäftigungen drängen in den familiären Schutzraum ein. Die wertvolle freie Zeit, die erwerbstätige Eltern mit ihren Kindern verbringen, müsse so sinnvoll wie möglich genutzt werden. Doch „wirkliche Fürsorge entsteht erst durch authentisches Interesse und direkte Aufmerksamkeit, sei es durch spontanes Herumalbern, gemeinschaftliches Faulsein oder Das-sich-Zeit-nehmen für Sorgen“, sagte King.

Dass die Familienzeit mehr und mehr von der Arbeitszeit der Eltern bedroht ist, betonte auch der Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeut Arne Burchartz in seinem Vortrag „50 Minuten sind doch keine Stunde“. Der ehemals achtstündige Dienst an fünf Wochentagen sei einer neuen Gleichzeitigkeit gewichen, die ständige Erreichbarkeit und Verfügbarkeit voraussetze. Regelmäßige Rituale wie feste Essenszeiten etwa, die den zeitlich zyklisch lebenden Kindern während der Latenz ein Gefühl von Sicherheit und Orientierung vermittelten, schienen vor dieser Realität immer schwerer durchführbar. Doch wer zyklisches Zeiterleben nicht lerne, so Burchartz, könne später auch kein Bewusstsein für Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft entwickeln. Die Folge seien Erschöpfung, Unruhe, Unkonzentriertheit und ein mangelndes Vertrauen in sich und die Welt. „Diese Kinder und Jugendlichen scheinen aus der Zeit gefallen zu sein. Ihnen fehlt der Anker, der ihnen ihren Platz in der Welt zeigt.“

Verlässliche Zeitstruktur

Für Burchartz bildet die feste Zeitstruktur einer Psychotherapie genau dieses Verlässliche und Verbindliche, was Kinder in der Latenz brauchten. Als definierte Zeit mit einem Anfang und Ende ist die Therapiestunde eine Zeit für Undefinierbares, Latentes. „Es gibt kein Ziel, dessen Erfüllung in kürzester Zeit angestrebt werden muss. Ähnlich wie die Alltagsbeschleunigung die gesunde Kindesentwicklung stört, würde ein Beschleunigen der Therapie sie wirkungslos machen“, betont er. „Jedes Kind hat seine Zeit, und jede Therapie hat ihre Zeit, manche dauert 20 Stunden, eine andere 300 Stunden.“

Die VAKJP-Tagung widmete sich zudem der 60-jährigen wechselvollen Verbandsgeschichte. Seit der Gründung 1953 hat sich Deutschlands inzwischen größter Berufs- und Fachverband mit 1 500 Mitgliedern erheblich gewandelt. Die analytische Arbeit mit Kindern und Jugendlichen hat die Bedeutung zurückgewonnen, die sie einstmals hatte, bevor sie im faschistischen Deutschland unterdrückt und viele Analytiker vertrieben wurden. Heute gehören Analytische Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten einem eigenständigen akademischen Heilberuf an, der im Psychotherapeutengesetz verankert ist.

Cathleen Oswald

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