ArchivDeutsches Ärzteblatt PP7/2013Psychoanalyse: Humorvolle Verneigung vor dem großen Freud

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Psychoanalyse: Humorvolle Verneigung vor dem großen Freud

PP 12, Ausgabe Juli 2013, Seite 330

Jungclaussen, Ingo

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Die legendären und leider lange Zeit vergriffenen Psychoanalyse-Cartoons von Hans Biedermann sind nun endlich wieder neu veröffentlicht. Diese Cartoons wurden in den frühen 80er Jahren im Jungjohann-Verlag herausgegeben und gehörten lange Zeit zum festen Bestandteil jedes gut sortierten Therapeuten-Bücherregals. Jüngeren Fachkollegen wurde dieser Schatz, den es bislang nur noch in seltenen Antiquariaten in ganz wenigen Stückzahlen zu erwerben gab, häufig nur durch kollegiale Empfehlung zugänglich.

Der alte Klassiker erstrahlt nun im neuen frischen Gewand. Besonders erwähnenswert ist, dass der Cartoonist Hans Biedermann für die Neuauflage 40 neue, aktuelle Cartoons gezeichnet hat und das Buch durch einen Prolog von Otto F. Kernberg besonders gewürdigt wird.

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Hinter dem Namen „hennes“ verbirgt sich zunächst Cartoonist und Diplom-Psychologe Hans Biedermann, der sich seit Jahrzehnten mit der Illustration psychologischer, schwerpunktmäßig psychoanalytischer Inhalte erfolgreich beschäftigt. Als Cartoonist benutzt er in diesem Band als Stilmittel die Personifizierung des Freud’schen Drei-Instanzen-Modells/Strukturmodells: So schuf er das „Ich“, „Es“ und „Über-Ich“ als drei sympathische Kartoffelmännchen und taufte sie „die Drillinge des Doktor Freud“. Während jedes der drei drolligen Kartoffelmännchen die inhaltlichen Merkmale von „Ich“, „Es“ und „Über-Ich“ als Charaktereigenschaften zugewiesen bekommt, schickt Hans Biedermann seine Drillinge, die einen schnell in ihren Bann ziehen, auf manch abenteuerliche Erlebnisreise. Dabei illustriert er Bild für Bild unterschiedliche Aspekte des Drei-Instanzen-Modells und hiermit verwandter Konzepte.

Die Cartoons funktionieren dabei auf mehreren Ebenen. Sie unterhalten und belustigen den Leser und führen ihn gleichzeitig auf humoristische Art und Weise in das Denken der Psychoanalyse ein. Besonders brillant ist, wie Hans Biedermann diese Mischung gelingt: Er bringt nicht nur auf einzigartige Weise Freud’sche Theorie humorvoll und zugleich inhaltlich präzise auf den Punkt, sondern seine Cartoons beinhalten fast immer auch eine gehörige Portion Selbstironie, so versprühen diese einen ungeheuren Charme, dem man sich schwer entziehen kann.

Die Cartoons machen einfach Spaß. Nach wenigen Bildern kann man gar nicht anders, als die Drillinge in sein Herz zu schließen und neugierig weiterzublättern, was die Drei als Nächstes erleben. Jeder Leser wird dabei sicher schnell seinen eigenen Lieblingscartoon bei der Lektüre entdecken. Kein Aspekt im inneren Kräftespiel zwischen Ich, Es und Über-Ich bleibt dem scharfen und liebevollen Auge des Autors versperrt. So greift er das Denken der Trieb- und Ich-Psychologie genauso trefflich auf wie das Denken der psychoanalytischen Entwicklungspsychologie und des Konfliktverständnisses. Er veranschaulicht scherzhaft bekannte Begriffe wie Ödipus-Komplex, Übertragung, freie Assoziation und vermittelt das Einmaleins der Abwehrmechanismen, indem er Begriffe, wie zum Beispiel Sublimierung, Reaktionsbildung, Regression, Fixierung, Verdrängung, Projektion, ebenso scherzhaft mit den Drillingen veranschaulicht. Nicht zu kurz kommen sollten auch inhaltliche Ausflüge zu C. G. Jung und Adler. Durch diese Fülle wird etwas deutlich, was man vielleicht bei allem Humor schnell übersehen könnte, dem aber besondere Würdigung gebührt: Hier hat sich der Autor zweifelsfrei lange und intensiv mit psychoanalytischen Inhalten auseinandergesetzt und für sich eine beeindruckende Art und Weise gefunden, mit diesem Wissen kreativ umzugehen. Ingo Jungclaussen

Hans Biedermann: Die Drillinge des Doktor Freud. Schattauer, Stuttgart 2013, 168 Seiten, kartoniert, 19,95 Euro

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