ArchivDeutsches Ärzteblatt PP7/2013Der Deutsche Symbolismus: Die Tiefen der menschlichen Seele

KULTUR

Der Deutsche Symbolismus: Die Tiefen der menschlichen Seele

PP 12, Ausgabe Juli 2013, Seite 332

Franzen, Georg

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Die Künstler des Symbolismus waren die ersten, die subjektive Ebenen des Unbewussten in bildnerischen Symbolen thematisierten.

Lovis Corinth spricht im Rückgriff auf mythologische Themen die menschliche Triebnatur an (hier: Salome II, 1900, Museum der bildenden Künste Leipzig). Foto: © bpk I Museum der bildenden Künste Leipzig I Ursula Gerstenberger
Lovis Corinth spricht im Rückgriff auf mythologische Themen die menschliche Triebnatur an (hier: Salome II, 1900, Museum der bildenden Künste Leipzig). Foto: © bpk I Museum der bildenden Künste Leipzig I Ursula Gerstenberger

Anders als die Impressionisten, welche die Außenwelt fokussierten, rückten die Symbolisten das Innere in den Mittelpunkt. Eine Ausstellung, die bis zum 7. Juli in Bielefeld zu sehen ist, zeigt auf, dass die Künstler sich so die ursprüngliche Natur vorstellten und sich an den antiken Mythologien mit ihren Göttern, dem Christentum mit seinen Heiligenfiguren, an Märchen und Fabelwesen, aber auch mittelalterlichen Rittern und jungen Helden orientierten. Der Symbolismus versuchte, die Tiefen der menschlichen Seele zu ergründen. Sigmund Freuds Forschungen über die Traumdeutung und seine Trieblehre hinterließ ebenso Spuren in den künstlerischen Werken, wie die Auseinandersetzung mit den Werken Nietzsches und Schopenhauers sowie der Musik von Wagner.

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Der Symbolismus war eine künstlerische Bewegung, die sich gegen den mit der Industrialisierung verbundenen Rationalismus wandte. Der Blick zurück in die Welt, die von geheimnisvollen Mächten beseelt war, wird um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert zum Lebenselixier vieler Künstler, um der entzauberten Realität zu entfliehen. Dennoch kann die Kunst der Symbolisten nicht einfach als Weltflucht gedeutet werden, sondern in der gesamten künstlerischen Bewegung gibt es ein hohes Wandlungspotenzial. Der Blick auf das Innere kennzeichnet den Symbolismus: Empfindungen, Träume, die individuelle Wahrnehmung der Welt beschäftigten die Künstler. Ihre geistige Existenz sollte im Kunstwerk auf eine allgemeingültige Weise dargestellt werden. Die Künstler des Symbolismus waren die ersten, die subjektive Ebenen des Unbewussten in bildnerischen Symbolen thematisierten.

Arnold Böcklin zeige in seinen Bildern Faune, Meeresnymphen oder den Hirtengott Pan, dessen Erscheinen in der Mittagshitze, so die Ausstellungserläuterung, Hirt und Ziegen in sprichwörtlich „panischen Schrecken“ versetze. In seinem Gemälde „Flora, die Blumen weckend“ von 1876, werden die Blumen zu unbefangenen spielenden Kinder. Lovis Corinth spricht im Rückgriff auf mythologische Themen die menschliche Triebnatur an. Franz von Stuck zeigt die Ambivalenz von Lust und Sünde innerhalb der moralischen Verortungen seiner Zeit. In den Werken von Walter Leistikow wird die Landschaft zum Symbol. Zugleich war der Rückzug in die Stille und in die Natur das große Thema der nachromantischen Künstlergeneration, die im Rückgriff auf die national prägenden Mythologien ihre eigenen Analysen formulierte. Wie in einem Traum vereinigt dieses Werk in sich ein ganzes Bündel von widersprüchlichen Sinneseindrücken und Emotionen. Kaum eine Kunstgattung hat sich so intensiv mit der Symbolik der seelischen Zwischenräume auseinandergesetzt.

Fast schonungslos scheint das Bekenntnis zur beseelten Natur, nicht nur als eine Form der Fantasie, sondern vielmehr als gelebte Erfahrung. Subjektives Erleben und innere psychische Prozesse werden in der Kunst des Symbolismus zu einer visuellen Erfahrung transformiert, die besonders den Ausstellungsbesucher zur Introspektion über Kunst einlädt: Was im Wachzustand gewöhnlich unbewusst ist, wird in der Kunst bewusst gemacht (Erich Fromm).

Dr. phil. Georg Franzen

Zur Ausstellung „Schönheit und Geheimnis. Der deutsche Symbolismus“ ist ein umfangreicher Katalog erschienen. Preis an der Museumskasse während der Ausstellungslaufzeit: 24,95 Euro. Im Versand kostet das Buch 39,90 Euro (Buchhandelspreis) zuzüglich Versandkosten.

@Internet: www.kunsthalle-bielefeld.de

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