ArchivDeutsches Ärzteblatt PP7/2013Liebe: Thomas Huber – Übermächtige Imago

KUNST + PSYCHE

Liebe: Thomas Huber – Übermächtige Imago

PP 12, Ausgabe Juli 2013, Seite 290

Kraft, Hartmut

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Dem Schwung der Lippen nach zu schließen werden wir aus dem Bild heraus von einem überdimensionalen weiblichen Wesen angeschaut. Zusammen mit uns als Betrachtern schaut eine Kleinfamilie mit Vater, Mutter und Kind auf das Bild an der Wand, während eine Einzelperson eher mit dem Rücken dazu positioniert ist. Durch drei Türöffnungen wird unser Blick in einen hellen Raum gelenkt.

Angeregt durch eine Arbeit zum Thema „Größenfantasie und Kreativität“ schuf Thomas Huber dieses und 15 weitere Bilder als eine eigenständige, den Text begleitende Folge von Aquarellen (siehe auch PP, Heft 11/2003). Größenfantasien sind ein oft übersehener oder zu gering bewerteter Teil kreativer Prozesse. Im kreativen Geschehen der Liebe spielen sie zweifellos ebenfalls eine gewichtige Rolle. Der geliebte Partner wird idealisiert, er/sie ist der/die beste, schönste, zärtlichste, einfühlsamste Person, die der/die Verliebte sich vorstellen kann. „Liebe macht blind“ oder die berühmte „rosarote Brille der Verliebten“ sind sprichwörtlich geworden für dieses „kreative Missverständnis“. Den einem Rugbyball nicht unähnlichen Kopf direkt dem inneren Bild einer Geliebten zuzuordnen, erscheint allerdings wenig überzeugend. Eher dürften wir es mit einer Verzerrung der Wahrnehmung zu tun haben. Wie ein geliebter Partner von uns gesehen, besser gesagt von unserer Wahrnehmung verzerrt wird, hängt von unseren Erfahrungen, von unseren inneren Bildern ab. Der uns hier aus dem Bild zulächelnde Kopf lässt uns schnell an eine Mutter-Imago denken, wie sie ursprünglich von C. G. Jung in seinem Buch „Wandlungen und Symbole der Libido“ (1912) konzipiert wurde. Es handelt sich um ein unbewusstes Vorbild, das sich aus frühen intersubjektiven Erfahrungen mit Eltern und Geschwistern gebildet hat. Dass dabei zum Beispiel die Mutter-Imago keineswegs mit der realen Mutter gleichgesetzt werden kann, sondern dass das innere Bild der Mutter stets von der kindlichen Wahrnehmungsfähigkeit und den kindlichen Fantasien und auch Ängsten verzerrt ist, entspricht dem psychotherapeutischen Allgemeinwissen. Von einer derartig übermächtigen Mutter-Imago, welche die vor ihr stehende Einzelperson geradezu zu erdrücken scheint, könnte das Aquarell von Thomas Huber tatsächlich handeln. Mit solch einem aufgeblähten Bild der Mutter dürfte es schwer werden, sich von ihr zu lösen und sich als erwachsener Mann einer Frau liebend zuzuwenden. Vollends fatal würde es, wenn eine real noch lebende Mutter das ihr zugeschriebene mächtige Bild annehmen und das Leben ihres Sohnes dominieren würde.

Natürlich ist es nur unsere Fantasie, wenn wir annehmen, der von seiner Mutter-Imago erdrückte Mann schaue neidvoll auf die vor ihm stehende Kleinfamilie – etwas, was er unter der Last seines inneren Bildes aller Voraussicht nach nie erreichen wird. Dabei ist der Ausweg aus dem Dilemma gar nicht so fern. Mehrere offene Türen führen durch das Bild in einen hell und licht erscheinenden Raum. Um diesen Raum zu erreichen, könnte es einer Psychotherapie bedürfen – wie so oft, wenn es um die Auseinandersetzung mit mächtigen Imagines geht. Dr. med. Hartmut Kraft

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Biografie Thomas Huber

Geboren 1955 in Zürich. 1977–1978 Kunstgewerbeschule Basel. 1979 Royal College of Art London. 1980–1983 Staatliche Kunstakademie Düsseldorf bei Fritz Schwegler. 1992–1999 Professur für Malerei an der Hochschule für Bildende Künste Braunschweig. 1999–2001 Neugestaltung des Kunstmuseums Düsseldorf (zusammen mit Bogomir Ecker). Zahlreiche internationale Ausstellungen in Museen. Lebt in Berlin.

1.
Huber Th: Glockenläuten. Katalog zur Ausstellung im Palais des Beaux-Arts und andern Museen. Brüssel 2000.
2.
Jung CG: Wandlungen und Symbole der Libido. Leipzig und Berlin: Franz Deuticke 1912.
3.
Kraft H: Größenphantasie und Kreativität. Mit einem Bildbeitrag von Thomas Huber. Köln: Salon Verlag 1999.
1.Huber Th: Glockenläuten. Katalog zur Ausstellung im Palais des Beaux-Arts und andern Museen. Brüssel 2000.
2.Jung CG: Wandlungen und Symbole der Libido. Leipzig und Berlin: Franz Deuticke 1912.
3.Kraft H: Größenphantasie und Kreativität. Mit einem Bildbeitrag von Thomas Huber. Köln: Salon Verlag 1999.

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