Supplement: Reisemagazin

TRANSKEI: Das etwas andere Südafrika

Dtsch Arztebl 1998; 95(46): [15]

Kistenmacher, Holger

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LNSLNS Die Warnungen sind vielfältig, wenn man erzählt, daß man beabsichtigt, in die Transkei zu reisen. "Nirgendwo anhalten, wenn man mit dem eigenen Wagen anreist. Die Autotüren stets geschlossen halten. Notfalls bei Rot über Ampeln fahren . . ." Sicherlich, die Kriminalität durch Autodiebstähle, bewaffnete Überfälle oder Handtaschenraub ist höher als in anderen Gebieten Südafrikas, aber man sollte nicht vergessen, warum.
Das ehemalige Homeland Transkei, das 1976 die sogenannte Unabhängigkeit erhielt, war der größte und älteste der durch die Apartheidpolitik geschaffenen "Autonomenstaaten" für Schwarze innerhalb Südafrikas (größer als die Schweiz). Es leben dort hauptsächlich Xhosas - der Stamm, zu dem auch Präsident Nelson Mandela gehört - und Pondos. Noch heute ist es das ärmste und rückständigste Gebiet innerhalb des Gesamtstaates.
Doch man darf auch nicht vergessen, daß gerade die Transkei eines der reizvollsten und interessantesten Reisegebiete überhaupt im südlichen Afrika ist. Die sogenannte "Wildcoast" ist eine rauhe, unverdorbene Küste voller einsamer Naturstrände, Dünenlandschaften, steil aufragender Kliffs und von Mangrovenwäldern umrahmter Flußläufe. Ein Paradies für Angler, Wanderer und alle Arten von Wassersport.
Das Inland ist geprägt durch eine sanfte, sattgrüne Hügellandschaft, in der wie bunte Einsprengsel vereinzelte türkis- oder rosafarbene Rundhütten verstreut liegen. Teeplantagen bei Lusikisiki und küstennahe, waldreiche Naturschutzgebiete begeistern besonders nach der Regenzeit im südlichen Frühjahr durch einen üppigen Pflanzenteppich. Wer also einen entspannten, abenteuerlichen Urlaub ohne großen Luxus, dafür aber mit einer kräftigen Prise wahren Afrikas erleben möchte, ist in der Transkei goldrichtig.
Kaum faßbare
Naturerlebnisse
Die Anreise aus Richtung Kapstadt erfolgt über die N2, eine der hervorragend ausgebauten Hauptverkehrsadern Südafrikas. Zehn Kilometer vor Umtata, der Hauptstadt der Transkei, zweigt die Straße ab nach Coffeebay, neben Port St.-Johns einer der beiden besonders zu empfehlenden Küstenorte. Die geteerte Straße endet an einem Fluß, der bei Niedrigwasser mit dem Auto durchquert werden kann. Drei kleine Backpacker - einfache, aber gemütliche Billigunterkünfte für Rucksackreisende - und das Ocean-View-Hotel auf der Düne überhalb des strahlend weißen Sandstrandes sorgen für die Unterkunft. Das Warenangebot in den drei kleinen Läden des Ortes ist äußerst beschränkt.
Dafür ist aber das Angebot an Natur- und Kulturerlebnissen kaum faßbar. Eine knapp dreistündige Wanderung über grasbewachsene Hügel, entlang grandioser Aussichten von steil abfallenden Kliffs und durch kleine Ansiedlungen der Xhosas führt zu dem "Hole in the Wall", einem der markantesten Naturphänomene entlang der Wildcoast. Unendlicher Wellenschlag hat dort ein riesiges Loch in einen steilen Gesteinsblock gespült. Die Xhosas nennen es "esi Khaleni" (der Platz des Gesanges), weil dort häufig der Wind durch das Loch pfeift und sein Lied singt. Das dortige Hotel ist empfehlenswert, und der dazugehörige Pub sorgt für die notwendigen Erfrischungen.
Für richtige Natur-Freaks ist der "Transkei-Hiking-Trail", aber besonders der Abschnitt zwischen Coffeebay und Port St.-Johns ein absolutes Muß. Die Wanderung ist etwa 60 Kilometer lang, und man benötigt fünf Tage. Unterwegs warten einfache Hütten mit Betten und Matratzen auf den müden Wanderer. In kleinen Läden kann man seine Nahrungsmittel auffrischen, die für die Selbstversorgung benötigt werden.
Unzählige Vogelarten, herumturnende Affen und Natur pur sind der Lohn für die Plackerei bei schweißtreibenden Temperaturen. Aber immer lockt das Meer mit völliger Abgeschiedenheit und paradiesisch anmutenden Stränden.
In Port St.-Johns gibt es mittlerweile wieder eine gewisse Form von touristischer Infrastruktur mit kleinen Hotels, Campingplätzen und Cottages. Ein Sea-Food-Menue im kleinen "Lily’s Restaurant" ist ein Muß-Tip! Die Informationsquelle für die Ortschaft, die Umgebung und überhaupt für die Transkei ist Kirk, ein weitgereister Australier, der sich hier niedergelassen hat und jetzt zwei kleine Backpacker betreibt (First Beach- und Second Beach-Backpacker). Kirk ist äußerst hilfsbereit und kann Übernachtungen im nahen Xhosadorf organisieren. Er vermittelt den Kontakt zu einem weißen "Witch-Doctor", einem hängengebliebenen Freak, der seit Jahren ernsthaft das Medizinmann-Geschäft betreibt und selbst von den schwarzen Einheimischen anerkannt und konsultiert wird.
Hummer, Muscheln und alle möglichen Fische werden von den örtlichen Fischern angeboten, wenn man sie nicht selber fangen will. Das abendliche "Braai", das landesübliche Grillen bei Sonnenuntergang am Strand, entschädigt in grandioser Natur für allen entgangenen Luxus, der an der Natalküste oder entlang der von Weißen dominierten Garden-Route angeboten wird.
Die größte Gefahr in der Transkei besteht also in der Tatsache, daß man sich in diese wildromantische Küstenlandschaft mit seinen freundlichen Bewohnern verliebt und einen Großteil seines Südafrika-Urlaubes von diesem realen Teil Afrikas gefangengenommen wird. Holger Kistenmacher


Beste Reisezeit: Im südlichen Frühjahr oder Sommer nach der Regenzeit.
Anreise: Per Auto oder Bus von East London, Umtata oder Durban. Flüge nach Umtata von allen größeren südafrikanischen Flughäfen. Ein Visum bei einer Aufenthaltsdauer bis zu drei Monaten wird bei der Einreise nach Südafrika in den Paß gestempelt. Ein Besuch bei den als Rinderhirten lebenden Xhosas oder Pondos gibt Einblicke in Jahrhunderte alte Traditionen und Stammesriten. Ausflüge von Umtata in die nahen Drakensberge führen in eine Welt von mächtigen Bergrücken und gradiosen Pässen und Schluchten.
Sicherheit: Übertriebene Panik und Angst ist völlig unangebracht. Vernünftige, normale Vorsichtsmaßnahmen, wie fast überall auf der Welt, sind ausreichend. Wer allerdings behangen mit Schmuck und teuren Kameras spät abends durch Umtata spaziert, verteilt Eintrittskarten zum Überfall. Grundsätzlich gilt: Bei bewaffneten Übergriffen keinen Widerstand leisten! Wertsachen können ersetzt werden, das Leben allerdings nicht.

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