ArchivDeutsches Ärzteblatt29-30/2013Französische Seealpen: Willkommen im Barock

KULTUR

Französische Seealpen: Willkommen im Barock

Dtsch Arztebl 2013; 110(29-30): A-1442 / B-1268 / C-1250

Traub, Ulrich

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Reich geschmückte Kirchen erinnern an die Zeit, als Prunk die alte Königsroute zwischen Nizza und Turin prägte. Barocker Charme kehrt im Sommer in die Bergdörfer zurück – mit Musikfestspielen.

Fotos: Ulrich Traub
Fotos: Ulrich Traub

Wenn Lydie Staub in die Tasten ihrer Orgel greift, glaubt man, ein Kirmesorchester zu hören. Zuerst öffnet sich theatralisch ein Vorhang und legt die Orgelpfeifen frei, dann ertönen Pauken, Becken und sogar Glocken in der prunkvollen Pfarrkirche von Saorge. Willkommen im Barock.

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Keine Führung ohne Orgeldemonstration im den Berg hochgestapelten Ort Saorge, der abgeschieden in den Seealpen im Hinterland der Côte d’Azur liegt. „Wir sind stolz auf unser barockes Erbe“, sagt Lydie Staub. Die reich geschmückten Kirchen in der Region und die bedeutenden Orgeln, meist aus dem 18. Jahrhundert, seien Relikte aus der Epoche, in der diese Region zum Königreich Savoyen gehörte und von Turin aus regiert wurde. Im Sommer finden die „Baroquiales“ und ein Orgelfestival statt. „Dann sind internationale Barockmusiker in unseren Kirchen zu Gast, und das Publikum kommt von weither“, erklärt Lydie Staub.

Eine Barockstraße, wie sie sich durch die Täler der Flüsse Roya und Bévéra nördlich von Menton schlängelt, würde man in dieser Gegend kaum vermuten. Die Zeit liegt lange zurück, als Prunk und Pracht die Dörfer an der alten Königsroute zwischen Nizza und Turin prägten. Heute vermitteln die Orte den rauen Charme ungeschminkter Bergorte, in denen man das Mondäne der nahen Côte d’Azur vergeblich sucht.

Raue Schale: Gänzlich unprätenziös und scheinbar uneinnehmbar liegt Saorge auf einem Felsvorsprung über dem Tal der Roya. Seinen Schatz, die barocke Orgel, präsentiert Lydie Staub – Organistin und Fremdenführerin in einem.
Raue Schale: Gänzlich unprätenziös und scheinbar uneinnehmbar liegt Saorge auf einem Felsvorsprung über dem Tal der Roya. Seinen Schatz, die barocke Orgel, präsentiert Lydie Staub – Organistin und Fremdenführerin in einem.

Kaum 20 Kilometer sind es von Menton nach Sospel, und doch glaubt man hier die Küste Lichtjahre entfernt. In den Gassen und auf den Plätzen rund um die Kathedrale mit der mächtigen Barockfassade, dem größten Gotteshaus weit und breit, ist kein Schaulaufen der Eitelkeiten angesagt.

Wer die alte Zollbrücke ansteuert, um auf der anderen Seite des Ortes im Café am plätschernden Brunnen eine Pause einzulegen und danach die vielen Fassaden mit farbenfroher Trompe-l’Œil-Malerei zu bestaunen, wird sich vielleicht wundern, dass die Männer, die am Ufer der Bévéra auf den Bänken sitzen und erzählen, auf dem Rückweg immer noch dort sind. Hier schlägt der Puls des Lebens eben etwas gemächlicher.

Abends gibt es in der Kathedrale von Sospel ein Konzert der „Baroquiales“. Es ist ein unvergessliches Erlebnis, sich von Musikern mit alten Instrumenten wie Theorbe oder Psalterion in die Welt des Barocks entführen zu lassen – in einem „Bühnenbild“, das passender nicht sein könnte: die Opulenz der Klänge inmitten des üppigen Dekors.

In den französischen Seealpen haben Kultur und Natur auf einladende Weise zusammengefunden. Ein überzeugendes Beispiel ist auch das ehemalige Kloster aus dem 17. Jahrhundert hoch über dem Roya-Tal in Saorge. Wo früher die Franziskaner Armut predigten, steht heute der Reichtum der Kreativität im Mittelpunkt. Das Gebäude aus der Barockzeit, umgeben von grünen Hängen und schroffen Gipfeln, ist ein Kulturzentrum geworden, in dem sich Künstler in Klausur begeben und Veranstaltungen für die Öffentlichkeit stattfinden.

Saorge, das autofreie Dorf, das früher als uneinnehmbar galt, hat sich weit geöffnet – wie die anderen Gemeinden in den Tälern von Roya und Bévéra.

Ulrich Traub

@Informationen: Atout France,
info.de@rendezvousenfrance.com;
www.cotedazur-tourisme.com;
www.royabevera.com; Baroquiales: www.lesbaroquiales.com; Orgelwoche in Saorge: www.orgue-saorge.fr

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