ArchivDeutsches Ärzteblatt29-30/2013Universitätsmedizin Halle: Bedroht von harten Einschnitten

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Universitätsmedizin Halle: Bedroht von harten Einschnitten

Hibbeler, Birgit

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Der Wissenschaftsrat empfiehlt den Erhalt der Medizin in Halle – aber ohne Vorklinik. Sachsen-Anhalts Wissenschaftsminister Hartmut Möllring will das Gutachten prüfen, jedoch erst Ende des Jahres Vorschläge vorlegen.

Druck auf die Landesregierung: Tausende Studierende, Mitarbeiter und Bürger in Halle demonstrierten gegen den Sparkurs. Foto: dpa
Druck auf die Landesregierung: Tausende Studierende, Mitarbeiter und Bürger in Halle demonstrierten gegen den Sparkurs. Foto: dpa

Geht es nach dem Wissenschaftsrat (WR), dann wird es die Universitätsmedizin in Halle an der Saale künftig nur noch in abgespeckter Form geben. Der Standort soll zwar erhalten bleiben. Allerdings soll der vorklinische Studienabschnitt nach Magdeburg verlagert werden. Der WR kritisiert neben der vorklinischen Lehre die Forschung. Halle sei sowohl was Qualität als auch Quantität angehe weit hinter den Erwartungen zurückgeblieben. Der WR hatte bereits 2009 in einem Gutachten bemängelt, der Standort habe kein klares wissenschaftliches Profil.

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Die Universitätsmedizin in Halle sieht sich in ihrer Existenz bedroht. „Wir sind extrem besorgt“, sagt Dekan Prof. Dr. med. Michael Gekle. Was der WR vorschlage, sei der falsche Weg. „Damit wäre die Fakultät erledigt“, erklärt Gekle. Eine Verlegung der vorklinischen und klinisch-theoretischen Kapazitäten nach Magdeburg würde seiner Meinung nach Jahre dauern. „In der Zeit wären beide Standorte paralysiert“, prognostiziert er.

Auch Frederik Winter, Medizinstudent und Sprecher des Bündnisses „Halle bleibt“, zeigt Unverständnis für die Bewertung des WR. „Wenn man nach drei Jahren wiederkommt und erwartet, dass die Forschung auf internationalem Niveau ist, ist das realitätsfern“, sagt er. Das gelte insbesondere bei dem angespannten Finanzrahmen. Das Aktionsbündnis hatte in den vergangenen Wochen eine Online-Petition gestartet und mehrere Kundgebungen gegen den Sparkurs der Landesregierung initiiert. „Wir brauchen eine klare Zusage für den Standort“, fordert Winter.

Unterdessen hat sich der Landtag in Sachsen-Anhalt auf seiner Sitzung am 10. Juli für den Erhalt beider hochschulmedizinischen Standorte in dem Bundesland ausgesprochen. Für Dekan Gekle ist das jedoch keine Entwarnung. „Man muss den Landtagsbeschluss auch genau lesen“, mahnt er. Tatsächlich ist hier lediglich die Rede davon, keinen der Standorte komplett zu schließen. Wissenschaftsminister Hartmut Möllring (CDU) kündigte an, bis zum Ende des Jahres Vorschläge vorzulegen.

Das WR-Gutachten lobt die Entwicklungen in der klinisch-praktischen Ausbildung in Halle. Für Verbesserungen, insbesondere im Bereich der Forschung, braucht die Universitätsmedizin dem Dekan zufolge mehr Zeit. „Da hinken wir noch hinterher“, so Gekle. In der Vergangenheit habe es in Halle Versäumnisse gegeben. „Wir brauchen hier aber eine seriöse Chance, unsere Potenziale zu zeigen.“

Dr. med. Birgit Hibbeler

@Das Gutachten des Wissenschaftsrats unter www.aerzteblatt.de/131415

Kommentar

Dr. med. Birgit Hibbeler, DÄ-Redakteurin

So verrückt kann Föderalismus sein: Während die Medizin in Halle, Sachsen-Anhalt, ums Überleben kämpft, hat das Bundesland Niedersachsen 2012 eine neue Fakultät in Oldenburg gegründet. Im benachbarten Brandenburg soll eine private medizinische Hochschule an den Start gehen.

Die Ausbildung von genügend Ärzten ist eine Investition in die Zukunft. Einige haben das verstanden, andere nicht. Ein bundesweites Konzept zur Medizinerausbildung gibt es nicht.

Was aus der Universitätsmedizin in Halle wird, steht noch immer nicht fest. Die verantwortlichen Politiker wollen sich nicht so recht festlegen. Das ist nicht nur inkonsequent, sondern absolut unprofessionell. Denn gerade damit schadet man dem Standort. Wie soll man Spitzenforscher nach Halle locken, wenn keiner weiß, wie es weitergeht? Die Ungewissheit ist für Uniklinik und Fakultät Gift – schlimmstenfalls ein Tod auf Raten.

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