ArchivDeutsches Ärzteblatt29-30/2013Notaufnahme: Gleicher als die anderen

THEMEN DER ZEIT: Kommentar

Notaufnahme: Gleicher als die anderen

Dtsch Arztebl 2013; 110(29-30): A-1428 / B-1252 / C-1234

Proske, Harald

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Harald Proske, Facharzt für Innere Medizin/Nephrologie
Harald Proske, Facharzt für Innere Medizin/Nephrologie

Menschen, in jeder Haltung, sitzend, stehend, liegend, mit gebeugtem Körper, schmerzgeplagt. Kein Platz mehr für all die Hilfesuchenden. Trotz der frühen Morgenstunden gibt es keine Sitzgelegenheit mehr, kein Bett, keine Pritsche. Die Menschen verschaffen sich selbst Entlastung, so gut es eben geht, beginnen, sich hinzulegen, einem Reflex folgend, denn das Leiden raubt ihnen die Kraft. Nahezu jedes Alter vereint sich hier, es sind Junge wie Hochbetagte, oft ohne Möglichkeit des Kommunizierens.

Ein Stöhnen und Ächzen, ein Klagen und Räuspern füllt den Raum – all diese Laute lassen bereits vor der Anschauung ein Bild im Kopf entstehen, eine Ahnung, von dem, was ich gleich tatsächlich sehen werde, wie jeden Morgen, wie jeden Tag. In der Luft verschmelzen unterschiedlichste Gerüche und Geschmäcker, ein Sammelsurium aus Schweiß und Eiter, aus Speichel und Blut, abgesondert aus fiebernden und von Schmerz und Kolik gequälten Leibern, Schmerz und Angst darin, spürbar, erlebt. Ein hektisches Treiben auf der einen Seite und erzwungene Geduld auf der anderen.

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Bilder und Erinnerungen tauchen vor dem geistigen Auge auf. Eine Mixtur aus apokalyptischen Darstellungen à la Hieronymus Bosch und wahnsinnsgetränkten Weltkriegsszenarien von George Grosz. Erinnerungen an Leiden, wie jeden Tag, ein Teil dieses Lebens, niemals wegzudenken, aber – Gott sei Dank – auch besiegbar oder zumindest beherrschbar, weshalb diese Menschen hier Hilfe suchen. Es sind Bilder des täglichen Erlebens.

Nein, dies ist keine Szene aus einem Dritte-Welt-Land, aus einem Kriegs- oder Krisengebiet. Nein, ein ganz normaler Tag in der Notaufnahme. Routine, Erfahrung und Ideenreichtum, verbunden mit einer gehörigen Prise Intuition, werfen wir diesem temporeichen Szenario entgegen. Empathie? Ja, wo immer es geht. Platz? Nein. Enge! Eine Mangelsituation.

Und dann dies! Dann kam sie. Nein, es kam zunächst nicht sie, sondern erst einmal die Sekretärin, zur Linken flankiert vom Chauffeur des Dienstwagens. Kein direkter Kontakt, vielmehr Delegation in der Hoffnung, das Problem ohne Kontakt zu anderen Patienten lösen zu können. Die Nähe zu all diesem Leiden war unangenehm, der Drang zur Separation sehr groß. Nicht diesem Volk zu nahe kommen. Die Frage nach den Personalien wird negativ beantwortet mit dem Hinweis auf irgendeine besondere berufliche Stellung, worunter sich zunächst einmal niemand etwas vorstellen kann. Daher beharrliches Nachfragen ohne Erfolg oder Resonanz. Ein Instinkt und gesundes demokratisches Selbstverständnis sagen uns, dass die Regeln für alle gleichermaßen gelten sollten, ja müssten. Weit gefehlt! Offensichtlich gehen hier die Meinungen auseinander.

Da sich die Situation über Minuten hinzieht, was als unerhörte Wartezeit und Verzögerung empfunden wird, dann doch der persönliche Auftritt. Auf befremdliche Art und Weise wird erkennbar, dass hier ein anerzogenes Kundenbewusstsein aus einem falsch verstandenen Patientenverständnis heraus vorgetragen wird. Aber da ist noch mehr. Es gesellt sich ein Selbstverständnis hinzu, welches auf Privilegien und Bevorzugung pocht, sich bewusst vom Rest separieren will und für sich eine bessere, schnellere Behandlung verlangt, weil der eigene Wert qua Stellung und Rang als weitaus größer im Vergleich zu dem der anderen Hilfesuchenden empfunden wird.

Der Finger schmerze, und in der Tat sah er deformiert aus und musste sicherlich fachärztlich begutachtet und versorgt werden – wenn die Reihe an ihr war! Zuvor waren all die anderen Schwer- und Schwerstkranken zu behandeln. Doch dies war nun auf keinen Fall für sie akzeptabel, sie forderte eben diese bevorzugte Behandlung, vorbei an all den anderen, jetzt sofort, sie habe anderes zu tun, als hier herumzusitzen. Doch keine Chance. Zumindest was uns, die Verantwortlichen in diesem Bereich angeht. Dann aber wurde „Freund Soundso“ kontaktiert, und der machte es möglich.

Die anderen konnten weiter leiden und warten. Gleichheit ist offensichtlich nur ein Wort, benutzbar und dehnbar, wie es gerade gefällt. Nun wird der ein oder andere schmunzeln und uns allen ein gehöriges Maß an Naivität unterstellen. Nach dem Motto: Das kennen wir doch alle, und Ungleichheit gibt es immer und auch in unserem Lande.

Ja, wissen wir. Und kämpfen jeden Tag dagegen. Je mehr man etwas als üblich ansieht, desto mehr wird es auch zur Routine und damit zum allgemeinen Erfahrungsgut werden, was wiederum weiter überliefert wird. Und langsam, aber sicher dringt es in unser Denken und Handeln ein – reflektorisch. So entsteht Ungerechtigkeit.

Und dann wurde plötzlich klar, dass hier jemand aufgetreten war, der über das politische Fundament unseres Landes wacht, Verfassung und Grundgesetz schützt, einer derjenigen, die als höchste judikative Instanz unser demokratisches Grundgefüge, unsere politische Identität sichern, und der diese Regeln gleichzeitig außer Kraft gesetzt hat. Und dann wurde mir angst und bange um dieses Land.

Leserkommentare

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Avatar #78133
anyadiegwu
am Dienstag, 20. August 2013, 12:33

WARUM??

http://www.spiegel.de/panorama/bundesverfassungsgericht-richterin-soll-sich-in-klinik-vorgedraengelt-haben-a-917356.html

Wenn die "Dame" - in welcher Form auch immer - eine Vorzugsbehandlung einfordert hat, weil sie sich für etwas Besseres hält, gehört das angeprangert.
Die Begründung, sie habe "besseres zu tun", ist empörend.
Mit Entsetzen lese ich daher, dass Sie offenbar unter Druck gesetzt wurden und sich entschuldigen mussten. Wäre die Entschuldigung auch fällig geworden bei einer HARTZ-IV-Empfängerin, die sich in der Notaufnahme danebenbenimmt? Wohl nicht.
Avatar #2488
heepm
am Montag, 19. August 2013, 13:01

Männerstolz vor Königsthronen, - Brüder, gält' es Gut und Blut

Lieber Herr Proske
Ich bewundere Ihren (jugendlichen) Leichtsinn.
Das war schon ziemlich unvernünftig - ein Journalist kann sowas schon mal mit einem Politiker machen, aber dieser Fall hier war (und ist) hochriskant!
Ich hoffe sehr es geht ihnen gut, Ihre Familie ist gegebenenfalls ausdrücklich eingeschlossen, in dieser schweren Zeit.
http://www.badische-zeitung.de/meinung/kommentare/unterm-strich-gleichheit-vor-dem-arzt
Avatar #87388
Andreas Skrziepietz
am Montag, 29. Juli 2013, 17:33

Und was haben Sie unternommen?

Nichts natürlich.

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