ArchivDeutsches Ärzteblatt29-30/2013Nicaragua: Kampf gegen das Dengue-Virus

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Nicaragua: Kampf gegen das Dengue-Virus

Dtsch Arztebl 2013; 110(29-30): A-1459 / B-1283 / C-1267

Glas, Lioba

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Die Autorin, eine junge Berliner Ärztin, berichtet von ihrem dreimonatigen Einsatz im Hospital Alemán-Nicaragüense in Managua.

Große gesundheitspolitische Herausforderung: Mitarbeiter des Ge­sund­heits­mi­nis­teriums versprühen ein Nervengift gegen Insekten. Fotos: picture alliance
Große gesundheitspolitische Herausforderung: Mitarbeiter des Ge­sund­heits­mi­nis­teriums versprühen ein Nervengift gegen Insekten. Fotos: picture alliance

Am Freitagmorgen herrscht bedrückte Stimmung unter den Ärztinnen und Ärzten im Auditorium des Hospitals Alemán-Nicaragüense in Managua. Gestern Abend ist in dem öffentlichen Krankenhaus ein zwölfjähriger Junge an den Folgen des hämorrhagischen Dengue-Fiebers gestorben. Der Junge war mit seinen Eltern erst in einem sehr kritischen Stadium ins Krankenhaus gekommen, trotz Intensivtherapie konnte man nichts mehr für ihn tun. Die Klinikdirektorin ruft dazu auf, alle Vorsichtsmaßnahmen im Krankenhaus und zu Hause zu beachten. Zuletzt geht ein Appell an die Ärzte der Pädiatrie, in der Notaufnahme besonders großzügig Kinder mit Dengue-Verdacht aufzunehmen und zu überwachen.

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Am nächsten Tag patrouillieren mehrere Mitarbeiter des Ge­sund­heits­mi­nis­teriums (Ministerio de Salud, kurz MINSA) durch das Krankenhaus und inspizieren die Räume sowie das Außengelände nach potenziellen Vermehrungsquellen für Stechmücken. In der Kindernotaufnahme finden die Untersuchungen heute auf dem Flur statt – der Behandlungsraum ist wegen des versprühten Insektenmittels nicht zu benutzen.

Der verstorbene Junge kam aus dem „distrito VI“, einem Gebiet im Nordosten Managuas, wo auch ich für die Zeit meines Aufenthalts in einer Familie untergebracht bin. Hier fehlt es an flächendeckender Strom- und Wasserversorgung, aufgrund der Überbevölkerung kämpft man mit massiven Umweltproblemen. Als ich am Nachmittag von der Klinik nach Hause komme, steht vor dem hohen Zaun ein Mitarbeiter des MINSA. Er bittet um Einlass, um das Haus und den Hinterhof nach Gefäßen mit stehendem Wasser zu durchsuchen und klärt mich über die notwendigen Maßnahmen wegen der lokal gehäuften Dengue-Fälle auf. Dann setzt er seinen Rundgang fort, weiter zum nächsten Haus. Später am Abend fährt ein Jeep über die staubigen Wege zwischen den kleinen Hütten und Häusern, aus großen Düsen wird ein Insektizid versprüht. Meine Gastmutter reißt alle Fenster weit auf, um möglichst viel davon ins Haus zu lassen.

Das Dengue-Virus ist ein behülltes RNA-Virus und damit unter den durch Stechmücken übertragenen Krankheiten das einzige RNA-Virus. In Mittelamerika wird das Virus hauptsächlich durch die Gelbfiebermücke Aedes aegypti übertragen, indem sie es beim Stich in den Blutkreislauf des Menschen gelangen lässt. Die Mücken vermehren sich in stehendem, sauberem Wasser. Bereits ein mit Flüssigkeit gefüllter Flaschendeckel oder der Rest in einem Kaffeebecher können als Reservoir dienen. Da sie tagesaktiv sind, schützen die Moskitonetze über dem Bett kaum. Man unterscheidet vier verschiedene Serotypen des Virus (DEN 1 bis 4). Nach einer Infektion besteht zwar lebenslange Immunität gegen den spezifischen Serotyp, die erneute Infektion mit einem anderen Serotyp ist jedoch wegen einer Antikörper-Virus-Reaktion in vielen Fällen von noch schwererem Verlauf. Dann kann es zu der gefürchteten Komplikation des hämorrhagischen Schocks kommen. Ein zugelassener Impfstoff existiert bisher nicht.

Das Hospital Alemán- Nicaragüense (HAN) in Managua wurde 1985 als Solidaritätsprojekt der DDR gegründet. Der Förderkreis „Freunde des HAN / Solidaritätsdienst International e.V.“ unterstützt das Krankenhaus bis heute und vermittelt auch Ärzte, Medizinstudenten und Pflegepersonal für freiwillige Einsätze.
Das Hospital Alemán- Nicaragüense (HAN) in Managua wurde 1985 als Solidaritätsprojekt der DDR gegründet. Der Förderkreis „Freunde des HAN / Solidaritätsdienst International e.V.“ unterstützt das Krankenhaus bis heute und vermittelt auch Ärzte, Medizinstudenten und Pflegepersonal für freiwillige Einsätze.

Zum ersten Ausbruch des Dengue-Fiebers kam es in Nicaragua 1985. Die hauptverantwortlichen Serotypen waren DEN-1 und DEN-2. Das Auftreten der anderen beiden Serotypen DEN-3 und DEN-4 in Mittelamerika sorgte jeweils 1994 und 1998/99 für weitere schwere Ausbrüche. 2012 wurden in Nicaragua mehr als 5 000 bestätigte Dengue-Fälle registriert, es gab insgesamt vier Todesfälle. Wie bei dem zwölfjährigen Jungen aus Managua handelte es sich auch bei den anderen drei gestorbenen Patienten um Kinder aus größeren Städten. Die Mortalität ist unter den Fünf- bis 14-Jährigen am höchsten. Trotz der immensen Anstrengungen, das Dengue-Virus einzudämmen, stiegen die Zahlen 2013 weiter. Am 1. April lagen dem MINSA bereits 630 bestätigte Dengue-Fälle des laufenden Jahres vor, zum gleichen Zeitpunkt 2012 waren es nur 270 Fälle gewesen. Und die Regenzeit kommt erst noch.

Für Nicaragua ist der Kampf gegen das Dengue-Virus eine große gesundheitspolitische Herausforderung. 2004 entwickelte die Regierung eine breit angelegte Kontrollstrategie. Diese umfasst die Bevölkerungsaufklärung, die Meldepflicht und epidemiologische Erfassung aller Verdachtsfälle, verbindliche Leitlinien zur Patientenversorgung und Diagnostik, verstärkte Vektorkontrolle und Maßnahmen der Umweltsanierung vor allem in den urbanen Ballungsgebieten. In großflächigen Aktionen wird in den großen Städten zur Insektenbekämpfung von mit Düsen ausgestatteten Fahrzeugen 25-prozentiges Cypermethrin, für Insekten ein Nervengift, versprüht. Wegen der nicht kontinuierlichen Leitungswasserversorgung im Land nutzen viele Familien Eimer oder andere Gefäße, um Wasser zu sammeln. Diese wiederum stellen ein optimales Reservoir der Mückenvermehrung dar. Mitarbeiter ziehen von Haus zu Haus, um die Bewohner über notwendige Sanierungs- und Hygienemaßnahmen aufzuklären.

Im Krankenhaus muss jeder Verdachtsfall auf einem Formular unverzüglich unter Angabe von Name, Anschrift, Geschlecht, Alter und klinischer Daten des Patienten an das MINSA gemeldet werden. Zu unterscheiden, welche der unzähligen Kinder, die von ihren Müttern mit Fieber in die Notaufnahme gebracht werden, lediglich an einem grippalen Infekt leiden und welche Zeichen des Dengue-Fiebers bieten, ist die große Herausforderung. Kinder mit Dengue-Verdacht müssen im Krankenhaus rund um die Uhr unter einem Moskitonetz liegen, um zu verhindern, dass Mücken das Virus auf andere Kinder oder Mitarbeiter im Saal übertragen. Zwei- bis dreimal täglich werden die klinischen Daten evaluiert sowie die Vitalzeichen kontrolliert. Wenn nötig erfolgt die intravenöse Flüssigkeitssubstitution. Routinemäßig wird zwischen Tag fünf und sieben nach Erstauftreten der Symptome der IgM-ELISA-Monotest durchgeführt. Dieser ist in acht regionalen Zentren im Land verfügbar und kostet circa einen US-Dollar. Weitere Tests, wie der ELISA-IgG-Test, sowie PCR und Virusisolation sind nur in der Hauptstadt im National Diagnostic and Reference Center verfügbar und werden in besonders schweren Fällen und zur Identifizierung einer Erst- oder Zweitinfektion bei epidemiologischem Interesse durchgeführt.

In einem deutschen Buch der Kinderheilkunde wird man höchstens einen kleinen Absatz über das Dengue-Fieber finden. Dass ich in Deutschland noch nie ein Kind mit Dengue-Fieber gesehen hatte, konnten meine nicaraguanischen Kollegen nicht glauben.

Lioba Glas

@Informationen und Spendenkonto:
www.sodi.de/projekte/nicaragua

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