ArchivDeutsches Ärzteblatt29-30/2013Körperbilder: Friederike Pezold (*1945) – Weibliche Zeichensprache

SCHLUSSPUNKT

Körperbilder: Friederike Pezold (*1945) – Weibliche Zeichensprache

Dtsch Arztebl 2013; 110(29-30): [104]

Schuchart, Sabine

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Friederike Pezold: „Die neue leibhaftige Zeichensprache nach den Gesetzen von Anatomie, Geometrie und Kinetik“, 1973–1976, vier Videos, übertragen auf Flash Card, s/w, ohne Ton, 10 Min.: Der Turm aus vier Monitoren zeigt Videosequenzen von Augen, Mund, Brüsten und Scham einer Frau. Die österreichische Künstlerin präsentiert darin Ausschnitte ihres eigenen Körpers. Durch die dunkle Betonung der weiblichen Zonen, die stark mit der weiß geschminkten Haut kontrastieren, entsteht eine Art japanischer Ästhetik. Die weibliche Körpersprache wird zur Zeichensprache. Foto: Friederike Pezold; Staatliche Museen zu Berlin, Nationalgalerie/Thomas Bruns
Friederike Pezold: „Die neue leibhaftige Zeichensprache nach den Gesetzen von Anatomie, Geometrie und Kinetik“, 1973–1976, vier Videos, übertragen auf Flash Card, s/w, ohne Ton, 10 Min.: Der Turm aus vier Monitoren zeigt Videosequenzen von Augen, Mund, Brüsten und Scham einer Frau. Die österreichische Künstlerin präsentiert darin Ausschnitte ihres eigenen Körpers. Durch die dunkle Betonung der weiblichen Zonen, die stark mit der weiß geschminkten Haut kontrastieren, entsteht eine Art japanischer Ästhetik. Die weibliche Körpersprache wird zur Zeichensprache. Foto: Friederike Pezold; Staatliche Museen zu Berlin, Nationalgalerie/Thomas Bruns

Seit Anfang der 1970er Jahre macht die in Wien geborene Videokünstlerin und Filmemacherin Friederike Pezold den weiblichen Körper zum Hauptthema ihrer Aktionen. Dabei verschmelzen Subjekt und Objekt, agiert sie gleichzeitig als Malerin und Modell. Wie in den ebenfalls in den 1970er Jahren entstandenen „Der Tempel der schwarz-weißen Göttin“ und „Madame Cucumaz“ sind auch hier in der „Neuen leibhaftigen Zeichensprache“ Ausschnitte ihres nackten Körpers zu sehen. Jeder Videofilm zeigte eine sich langsam bewegende Körperzone, die den Bildschirm ausfüllt. Der Betrachter schaut wie durch ein Vergrößerungsglas auf die vier Teile namens „Augenwerk“, „Mundwerk“, „Bruststück“ und „Schamwerk“. Durch die starken Hell-/Dunkel-Kontraste bilden sie ein Zusammenspiel von Symbolen und Zeichen.

Auf dem zweiten Monitor von unten gleichen Pezolds dunkel geschminkte und mit schwarzer Pappe abgedeckte Brustwarzen einem liegenden Doppelpunkt. Ein schwarzer Strich und ein schwarzes Dreieck betonen ihre Scham. Als Pionierin der feministischen Videokunst will sie mit dieser fast schon abstrakten Zeichensprache ein Gegenbild zu Darstellungen schaffen, die Frauen auf erotisch besetzte Zonen reduzieren. Indem sie den weiblichen Körper segmentiert, zu geometrischen Formen zurechtstutzt und in Endlosschleifen abspielt, betreibt sie eine Entsexualisierung, die jeden Voyeurismus ausschließt. Die weibliche Anatomie wird zur Karikatur, der Frauenkörper zum „weißen Blatt“, das neu beschrieben werden kann.

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„Die neue leibhaftige Zeichensprache“ ist derzeit in einer Ausstellung zu sehen, die sich den gravierenden Veränderungen der figurativen Skulptur seit den 1960er Jahren widmet. Die performative Erweiterung der Plastik wurde vor allem durch das Aufkommen der Videotechnik möglich: „Ich sah auf einmal alles wie durch ein Vergrößerungsglas. Das Kleine wurde auf einmal riesengroß und das Nebensächliche zum Hauptsächlichen. Ich entdeckte so den Körper mit allen seinen Teilen neu und erfand eine neue Körpersprache“, so Pezold 1983. Wenn auch heute ihr feministischer Ansatz als etwas plakativ erscheinen mag, bedeutete er doch Mitte der 1970er Jahre, als ein nackter Busen noch ein Skandal war, eine echte Revolution und neue Bildsprache. Sabine Schuchart

Ausstellung

„Body Pressure. Skulptur seit den 1960er Jahren“

Hamburger Bahnhof – Museum für Gegenwart, Invalidenstraße 50–51, Berlin; www.hamburgerbahnhof.de; Di./Mi./Fr. 10–18, Do. 10–20, Sa./So. 11–18 Uhr; bis 12. Januar 2014

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