ArchivDeutsches Ärzteblatt29-30/2013Ambulante Versorgung: Sparen mit hoher Arztdichte

POLITIK

Ambulante Versorgung: Sparen mit hoher Arztdichte

Dtsch Arztebl 2013; 110(29-30): A-1408 / B-1236 / C-1220

Korzilius, Heike

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Wenn Patienten in den Praxen niedergelassener Ärzte behandelt werden können, verhindert das oft teure Kranken­haus­auf­enthalte. Ein Ausbau der ambulanten Versorgung macht den demografischen Wandel bezahlbar, ergab eine Studie.

Hohe Arztdichte gleich Überversorgung? Nach Ansicht der Krankenkassen trifft diese Formel insbesondere auf Ballungsräume zu. Sie wollen deshalb Anreize für eine Niederlassung in bereits überversorgten Gebieten abbauen, wie aus einem Positionspapier des Spitzenverbands der gesetzlichen Kran­ken­ver­siche­rung (GKV) hervorgeht. Der Verband fordert darin im Vorfeld der Bundestagswahl die Politik auf, die Kassenärztlichen Vereinigungen zu verpflichten, frei werdende Arztsitze in überversorgten Regionen aufzukaufen und stillzulegen, Zulassungen zeitlich zu befristen und Honorarkürzungen vorzusehen.

Ganz falsch, meint Dr. rer. pol. Dominik von Stillfried, Geschäftsführer des Zentralinstituts für die kassenärztliche Versorgung in Deutschland (ZI). Eine Studie seines Hauses belege vielmehr, dass eine Stärkung der ambulanten Versorgung den demografischen Wandel erst bezahlbar mache. „Deshalb setzen die Krankenkassen mit der Forderung nach der Schließung frei werdender Praxissitze das falsche Signal“, erklärte von Stillfried bei der Vorstellung der ZI-Analyse Ende Juni in Berlin. Immer mehr Behandlungen würden aus dem Krankenhaus in die Praxen verlagert. Das erfordere mehr ambulante Behandlungskapazitäten, wobei die Ballungsräume eine wichtige Versorgungsfunktion für das Umland übernähmen.

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Die ZI-Studie geht von zwei Grundannahmen aus: Zum einen steigt die Inanspruchnahme medizinischer Leistungen mit zunehmendem Alter der Bevölkerung. Zum anderen lassen Ergebnisse der Versorgungsforschung darauf schließen, dass die Inanspruchnahme stationärer Leistungen in Regionen mit intensiverer ambulanter Versorgung geringer ausfällt und die Versorgung damit billiger ist.

Das ZI hat dementsprechend 21 sogenannte Best-Practice-Regionen in Deutschland identifiziert, in denen Patienten überdurchschnittlich häufig in den Praxen niedergelassener Ärzte behandelt werden und die zugleich die niedrigste Rate stationärer Inanspruchnahme aufweisen. Die Regionen zeichnen sich durch eine überdurchschnittliche Arztdichte und eine unterdurchschnittliche Bettendichte in den Krankenhäusern aus. Auf Grundlage dieser Daten hat das ZI hochgerechnet, wie sich der demografische Wandel auf die Versorgungskosten auswirkt, wenn ganz Deutschland diesem Vorbild folgt und was es bedeutet, wenn alles so bleibt, wie es ist (Kasten). Fazit: Entwickeln sich Versorgungsstrukturen und Arbeitsteilung zwischen ambulanter und stationärer Versorgung nach dem Vorbild der Best-Practice-Regionen, können trotz der demografischen Alterung bis zum Jahr 2020 zwei Milliarden Euro eingespart werden, bis 2030 sogar vier Milliarden Euro.

Beim GKV-Spitzenverband bezweifelt man die vom ZI behaupteten Zusammenhänge und Substitutionseffekte zwischen ambulanter und stationärer Versorgung. „Gänzlich unbeachtet bleibt in der Studie die insbesondere in den letzten Jahren stark gestiegene ambulante Leistungserbringung der Krankenhäuser“, erklärte eine Sprecherin. Das betreffe beispielsweise ambulante Operationen oder die spezialärztliche Versorgung. „Die der Studie zugrunde liegende Annahme, die Zahl der stationären Behandlungen könnte bei einer älter werdenden Bevölkerung gesenkt werden, erscheint uns wenig realistisch.“ Die aufgezeigten Einsparpotenziale hätten daher mit der Realität nichts zu tun. Für die Kassen bleibt es dabei: Überversorgung im ärztlichen Bereich muss abgebaut werden.

Auch die Deutsche Krankenhausgesellschaft gibt sich skeptisch. Die Herausforderung der Zukunft sei, die ambulante spezialfachärztliche Versorgung, das übergreifende Miteinander auszubauen, und nicht die Sektoren gegeneinander auszuspielen, heißt es dort. „In manchen Regionen sind nur noch Krankenhäuser da, um die Patienten zu versorgen.“

Heike Korzilius

Ergebnisse der ZI-Studie

Das Zentralinstitut für die kassenärztliche Versorgung in Deutschland (ZI) hat 21 „Best-Practice-Regionen“ identifiziert, in denen überdurchschnittlich viele niedergelassene Ärzte praktizieren, unterdurchschnittlich viele Krankenhausbetten vorgehalten werden und die eine geringere Rate vermeidbarer Krankenhausfälle verzeichnen als andere Regionen.

  • Vorbildliche Regionen: Rhein-Neckar-Kreis, Oldenburg Stadt und Landkreis, Konstanz, Ulm, Wiesbaden, Mannheim, Karlsruhe, Main-Taunus-Kreis, Ammerland, München Stadt und Landkreis, Lüneburg, Berlin, Leipzig, Rostock, Hamburg, Osnabrück, Bad Doberan, Freiburg und Heidelberg.
  • Einsparpotenzial: Gleicht sich die Versorgung bis 2020 an die Best-Practice-Regionen an, steigt der Versorgungsbedarf aufgrund der demografischen Entwicklung im ambulanten Bereich um 17 Prozent, was mit Mehrausgaben von fünf Milliarden Euro verbunden wäre, während er im stationären Bereich um sechs Prozent sinkt, was Einsparungen von drei Milliarden Euro entspricht. Insgesamt steigen damit die Ausgaben um zwei Milliarden Euro.

Bleibt es beim Status quo, steigt der Versorgungsbedarf im ambulanten Bereich bis 2020 um drei Prozent (eine Milliarde Euro) und im stationären Bereich um sechs Prozent (drei Milliarden Euro). Insgesamt steigen damit die Ausgaben um vier Milliarden Euro.

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