ArchivDeutsches Ärzteblatt29-30/2013Erbarmen als soziale Form: Geben und Nehmen

KULTUR

Erbarmen als soziale Form: Geben und Nehmen

Dtsch Arztebl 2013; 110(29-30): A-1441 / B-1267 / C-1249

Klinkhammer, Gisela

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Ein Kunstprojekt in Köln setzt sich mit organisierter Hilfe für Bedürftige, aber auch mit Fragen von Fülle, Mangel und Verteilung auseinander.

Dorothea Bode präsentierte unter dem Titel „Bleibende Werte“ eine Sammlung von abgenutzten Frühstücksbrettchen. Foto: Caritas/Frank Baquet
Dorothea Bode präsentierte unter dem Titel „Bleibende Werte“ eine Sammlung von abgenutzten Frühstücksbrettchen. Foto: Caritas/Frank Baquet

Geben und Nehmen – ein spannungsvolles Verhältnis mit gesellschaftlich zunehmend fest gefügten Rollen. Viele Menschen in Deutschland sind berührt von der Not ihrer Mitmenschen und organisieren Hilfe zur Versorgung mit dem Notwendigsten. An zahlreichen Orten entstehen Tafeln, Suppenküchen und Kleiderkammern. Und immer mehr Menschen müssen sich inzwischen auf diese Existenzunterstützung verlassen, weil sie keine Möglichkeiten zur Selbstversorgung und Selbstbestimmung mehr sehen. Darauf weist der Direktor des Diözesan-Caritasverbandes für das Erzbistum Köln, Dr. med. Frank J. Hensel, hin. „Aber wie zwangsläufig und richtig ist diese Entwicklung? Trägt das Tafelwesen nicht auch zur Verfestigung von Armutsstrukturen in unserer Gesellschaft bei?“, fragt er.

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Das Projekt „Erbarmen als soziale Form“, eine Initiative des Diözesan-Caritasverbandes in Kooperation mit Kolumba, dem Kunstmuseum des Erzbistums Köln, hat bildende Künstler eingeladen, sich mit existenzunterstützenden Angeboten, aber auch mit Fragen von Fülle, Mangel und Verteilung auseinanderzusetzen. Die Ergebnisse sollen in den kommenden zwei Jahren immer wieder Akzente im öffentlichen Raum setzen. „Wir wollen dazu anregen, sich auszutauschen und die eigenen Ansichten zu prüfen“, sagt Dr. Johannes Stahl, Kurator des Kunstprojektes. „Wahrscheinlich werden mehr Fragen aufkommen, als es Antworten dafür gibt. Es ist nicht einfach, mit dem Thema Tafeln umzugehen, aber deshalb soll es nicht verdrängt werden.“

Die Veranstaltung „Rumford zu Ehren“ Anfang Juni im Haus der Architektur in Köln zeigte eine „aktionistische Installation“ der Künstlerin Dorothea Bode mit dem Thema „Armensuppe“. „Die Rumfordsuppe ist für mich nicht ,Kochen als Kunstform‘, sondern eine Metapher für die Optimierung von Gewinn“, erläuterte die Künstlerin ihre Intention. Sie ist sich aber dessen bewusst, dass Benjamin Thompson, der spätere Reichsgraf von Rumford, das entrüstet von sich gewiesen hätte. Mit bester Absicht hätte er im Jahr 1795 diese Suppe auf der Grundlage von Graupen und getrockneten Erbsen für das bayerische Militär erfunden. Auf der Veranstaltung wurde die Suppe im Rahmen einer Podiumsdiskussion und weiteren Programmpunkten serviert. Gleichzeitig präsentierte die Künstlerin eine Sammlung von abgenutzten Frühstücksbrettchen auf einem zu diesem Anlass geweißten Tisch.

Die Skulptur „Sühnetafel“ von Felix Droese ist eigens für „Erbarmen als soziale Form“ entstanden. Sie stand bis Ende Juni dem Kölner Dom gegenüber. Der Künstler hatte in eine massive Eichenbohle von etwa fünf Metern Höhe die Worte „Hier steh ich mit leeren Händen vor dir“ eingeschnitten. Die Großbuchstaben sind, so die Veranstalter, „einfach gehalten, so wie es die Bearbeitung mit Kettensäge und anderem einschlägigem Werkzeug nahegelegt hat. Eine Bohrung schafft die Gelegenheit, einen Pfannenstiel so in das Holz zu stecken, dass die Pfanne wie eine leere Hand von der Bohle ausgeht“.

„Chinesische Teekannensprüche“

Der Künstler Reinhard Matz hat nach eigenen Angaben „eine neue Arbeit entwickelt, die auf dem Boden der Diskussion um die Tafeln entstanden ist, aber ganz grundsätzliche soziale Wechselverhältnisse anfragt“. „Chinesische Teekannensprüche, 2013“ ist eine Schriftarbeit auf Emailletafeln im Format 60 × 75 cm. Geplant ist eine kleine Auflage der Schilder. „Sie sollen an verschiedenen Orten auf Dauer platziert werden. Infrage kommen da selbstverständlich auch Arztpraxen“, meint Projektleiter Ludger Hengefeld. Interessenten können mit ihm Kontakt aufnehmen (ludger.hengefeld@caritas-koeln.de).

Gisela Klinkhammer

Weitere Informationen zum Kunstprojekt: Diözesan-Caritasverband für das Erzbistum Köln e.V., Stabsabteilung Information und Kommunikation, Georgstraße 7, 50676 Köln, Telefon: 0221 2010–284, www.caritasnet.de

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