ArchivDeutsches Ärzteblatt29-30/2013Ärztliche Friedensorganisation: Kleinwaffen sind kein Spielzeug

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Ärztliche Friedensorganisation: Kleinwaffen sind kein Spielzeug

Dtsch Arztebl 2013; 110(29-30): A-1418 / B-1244 / C-1235

Bonatz, Mathias

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Zahlreiche Mediziner und Rüstungsexperten haben auf dem Kongress „Zielscheibe Mensch“ der ärztlichen Friedensorganisation IPPNW die globalen Folgen des Kleinwaffenhandels dargestellt. Ihre zentrale Forderung: ein generelles Exportverbot

Der Begriff Kleinwaffen klingt fast harmlos, doch er täuscht. Weltweit verursachen sie mehr Tote als jede andere Waffenart. UNICEF zufolge sind 90 Prozent der jährlichen Kriegsopfer (400 000) auf kleine Waffen zurückzuführen. Sie seien die Massenvernichtungswaffe des 21. Jahrhunderts. Denn ihr Spektrum ist gewaltig: Nicht nur Revolver, Maschinenpistolen und -gewehre, sondern auch halb- und vollautomatische Waffen, Panzerfäuste, Mörser, Handgranaten und Luftabwehrwaffen zählen dazu.

Folgen einer einzigen Kugel

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Die Friedensorganisation IPPNW (Internationale Ärzte zur Verhütung des Atomkriegs/Ärzte in sozialer Verantwortung) fordert deshalb, den Kleinwaffenhandel generell zu verbieten. Diese Forderung stand auch im Zentrum des Kongresses „Zielscheibe Mensch“, den die deutsche Sektion gemeinsam mit der Kampagne „Aktion Aufschrei – Stoppt den Waffenhandel“ vor kurzem im baden-württembergischen Villingen-Schwenningen veranstaltete. Ein bewusst gewählter Austragungsort: Keine 30 Kilometer entfernt in Oberndorf am Neckar hat die Firma Heckler & Koch ihren Sitz, einer der größten Kleinwaffenproduzenten Europas.

Etwa 300 Teilnehmer aus 25 Ländern folgten der Einladung. Internationale Mediziner und Rüstungsexperten informierten in Vorträgen über den Einsatz und die Verbreitung von Kleinwaffen. So stellte Dr. Walter Odhiambo, Chirurg und Vorsitzender der IPPNW-Kenia, die von ihm ins Leben gerufene Kampagne „One Bullet Story“ vor. Er beschrieb anhand von Patientengeschichten aus seiner Klinik die medizinischen, sozialen, psychologischen und finanziellen Folgen einer einzigen Kugel. Andrew Feinstein, Wissenschaftler, Autor und Aktivist, wies auf die fließenden Grenzen zwischen legalem und illegalem Waffenhandel hin. Ihm sei als Waffenexperte nicht ein einziger Waffendeal untergekommen, der kein Element der Illegalität beinhaltet habe.

Scharfe Kritik an Heckler & Koch äußerte der Rüstungsgegner und Bundessprecher der Deutschen Friedensgesellschaft – Vereinigte Kriegsdienstgegner, Jürgen Grässlin. Die Waffenschmiede sei das „tödlichste Unternehmen Europas“. Grässlin kämpft seit Jahren dafür, den Kleinwaffenhandel zu reduzieren und stärker zu kontrollieren. Das Auswärtige Amt erklärt auf seiner Internetseite: Die Kontrolle von Kleinwaffen und leichten Waffen einschließlich ihrer Munition als wesentliches Element von Krisenprävention und Friedenskonsolidierung ist ein zentrales Anliegen der Bundesregierung im Bereich der konventionellen Rüstungskontrolle.

Scheinbar überschneiden sich die Interessen, doch Fakt ist: Die Bundesregierung hat 2012 Kleinwaffenexporte im Wert von 76 Millionen Euro genehmigt, eine Verdoppelung im Vergleich zu 2011. „Die deutsche Beteiligung am weltweiten Handel mit sogenannten Kleinwaffen ist angesichts der Opferzahlen menschenverachtend. Wir sprechen uns daher für ein völliges Verbot von Kleinwaffen- und Munitionsexporten aus“, betont Andrea Wilmen, Pressesprecherin IPPNW.

Mathias Bonatz

3 Fragen an . . .

Dr. med. Helmut Lohrer, Vorstand IPPNW-Deutschland

Welche wesentlichen Ergebnisse sind nach dem Kongress zu verzeichnen?

Lohrer: Aus aller Welt sind 300 Experten und Aktivisten zu dem Kongress „Zielscheibe Mensch“ gekommen. Dank einer ausführlichen Berichterstattung in den Medien ist es uns gelungen, die verheerenden körperlichen und seelischen Folgen von Kleinwaffen und die Verantwortung der Regierung für die Opfer öffentlich zu thematisieren.

Warum engagiert sich die IPPNW so stark im Kampf gegen Kleinwaffen, obwohl sie sich dem Namen nach eher für die Verhütung des Atomkrieges einsetzt?

Lohrer: Es waren vor allem die IPPNW-Sektionen der südlichen Hemisphäre, die die tödliche Wirkung von Kleinwaffen auf unsere Agenda gebracht haben. Viele unserer Mitglieder in Afrika haben das Ausmaß von Tod und Leid, das durch diese Waffen verursacht wird, selbst erfahren müssen und zum Teil Freunde und Verwandte durch Schusswaffen verloren.

Warum beschäftigt die Gefahr von Kleinwaffen vor allem die Ärzte?

Lohrer: Mediziner haben gelernt, nicht nur Symptome zu behandeln, sondern sich auch mit den Ursachen einer Krankheit zu beschäftigen. Aktuelle Zahlen des Roten Kreuzes belegen: Bis zu 90 Prozent der Kriegsopfer sterben durch den Einsatz von Kleinwaffen, zwei Drittel durch Gewehrkugeln. Die meisten dieser Opfer sind Zivilisten aus Ländern des Südens. In vielen dieser Kriege wird um die Interessen der reichen Industrienationen gekämpft. Und getötet wird mit bei uns produzierten Gewehren. Nur indem wir Öffentlichkeit herstellen, können wir der Kleinwaffen-Seuche Einhalt gebieten.

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