ArchivDeutsches Ärzteblatt47/1998Was nützt die Gentechnik dem Menschen? Diagnostik an medizinische Zwecke binden

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Was nützt die Gentechnik dem Menschen? Diagnostik an medizinische Zwecke binden

Klinkhammer, Gisela

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LNSLNS In Medizin und Pharmaforschung ist die Gentechnik unentbehrlich geworden. Doch die Risiken und Grenzen müssen bedacht werden.
Elfmal ist in den letzten zwanzig Jahren ein Nobelpreis für Genetik, genetische Molekularbiologie oder Gentechnologie verliehen worden. Diese Zahl belegt nach Auffassung von Dr. rer. nat. Dr. med. Robert Geursen von Hoechst Marion Roussel die enorme Bedeutung der modernen Biologie. Plötzlich sei es möglich geworden, medizinische Vorgänge auf der subzellulären, molekularen Ebene nachzuvollziehen, sagte Geursen auf einer Veranstaltung des Fördererkreises "Bad Nauheimer Gespräche" Ende Oktober in Frankfurt am Main, bei der Vertreter der einschlägigen Industrie sowie der Wissenschaft zusammengekommen waren.
Die Stecknadel im Heuhaufen
Künftig könnten gezielt Wirkstoffe entworfen werden, die an einem ganz bestimmten Ort angreifen. "Das frühere Suchen nach einem Zufallstreffer weicht der Entwicklung eines zielgerichteten Arzneimittels mit klar umrissenem Mechanismus und Wirkungsort. Wir finden nicht nur die sprichwörtliche Stecknadel im Heuhaufen, sondern wir können von ihr auch noch eine beliebige Zahl von Kopien anfertigen", sagte Geursen. Die Gentechnologie sei außerdem in der Lage, Lebensmitteln manche unerwünschte Eigenschaften zu nehmen, ergänzte Dr. rer. nat. Gunter Fricke, Leiter Quality Management Nestlé Deutschland. Um zu verhindern, daß Produkte mit gentechnisch veränderten Inhaltsstoffen selbst Krankheiten hervorrufen, würden sie äußerst strengen Prüfungen unterzogen (dazu Deutsches Ärzteblatt, Heft 44/1998).
Geursen vermutet, daß die neuen Ansätze der Gentherapie die Medizin und Pharmazie revolutionieren werden. So würden derzeit bereits rund 40 gentechnologisch hergestellte Produkte vermarktet, 300 Arzneimittel befänden sich in klinischen Studien, 2 500 Projekte würden vorklinisch bearbeitet. Einsatzgebiete der neuen Medikamente seien vor allem die Krebstherapie, neue Mittel zur Behandlung von Infektionskrankheiten und von Erkrankungen des zentralen Nervensystems.
Mit der Gentherapie könne unvermittelt in die genetische Information eingegriffen und versucht werden, Veranlagungen zu bestimmten Krankheiten zu beheben. Durch Übertragung eines intakten Gens erhoffe man sich die Korrektur im genetischen Muster der Patienten und die Kompensation des krankheitsauslösenden Gens. Anfang des nächsten Jahrtausends rechnen Forscher mit der Aufdeckung von mehr als 6 000 Krankheiten und Störungen, die auf solchen defekten Genen beruhen.
Mittelfristiges Ziel eines Projektes an den US-amerikanischen National Institutes of Health sei es, eine Karte vom menschlichen Genom aufzustellen, in der alle bereits bekannten Gene verzeichnet sind. Die Karte würde es erlauben, neu entdeckte Gene im Erbgut zu lokalisieren. 1990 wurden in den USA erstmals am Menschen gentherapeutische Methoden bei der Behandlung der erblichen Adenosin-Desaminase-Defizienz versucht. Es folgten seitdem, so Geursen, eine ganze Reihe klinischer Gentherapiestudien in verschiedenen Ländern, vorwiegend bei Tumorerkrankungen.
Besteht demnach Anlaß zur Euphorie? Nein. Darin waren sich die Referenten wohl einig. Geursen wies darauf hin, daß die durch die Gentherapiestudien an bisher rund tausend Patienten gewonnenen Erfahrungen eine Nutzen-Schaden-Abwägung nicht zulassen. In einigen Fällen seien zwar eine verbesserte Lebensqualität, verminderte Infektionsraten sowie ein geringeres Wachstum von Tumoren und Metastasen zu beobachten gewesen, Heilungen habe man jedoch noch nicht verzeichnen können.
Auf die Problematik der prädiktiven Diagnostik machte Prof. Dr. med. Peter Propping vom Institut für Humangenetik der Universität Bonn aufmerksam. So könne Chorea Huntington zwar diagnostiziert, aber nicht behandelt werden, was zu schwerwiegenden psychischen Folgen bei den getesteten Personen führen könne. Das Wissen über eine Vererbung der Disposition für bestimmte Krebsformen könne dagegen grundsätzlich zur Prävention eingesetzt werden. Doch vor der genetischen Untersuchung müsse der Getestete umfassend informiert und beraten werden, forderte Propping. Auf den Zusammenhang von pränataler Diagnostik und Schwangerschaftsabbruch wies Prof. Dr. phil. Ludger Honnefelder vom Philosophischen Seminar der Universität Bonn hin. So könne die Aufdeckung der Disposition einer schweren Krankheit zum Konflikt zwischen dem Lebensrecht des Embryos und der von der Schwangeren geltend gemachten Zumutbarkeit führen. Die Möglichkeit der Präimplantationsdiagnostik lasse zwar den Schwangerschaftsabbruch eventuell vermeiden, impliziere aber die Zeugung auf Vorbehalt. Wenn sich dies mit der Vorstellung eines genetischen Determinismus verbinde, drohe die Gefahr der Herstellung eines Menschen nach Maß, befürchtet Honnefelder. Er fordert deshalb - wie Propping - eine der Diagnostik vorausgehende genetische Beratung und einen qualifizierten Schutz der persönlichen genetischen Daten. Erforderlich sei außerdem die Bindung der Diagnostik an medizinische Zwecke, das heißt an den Auftrag des Arztes, "der sich auf Diagnose, Prävention und Therapie von Krankheiten und nicht auf Verstärkung beliebiger Eigenschaften bezieht".
Selbstbegrenzung
Grundsätzlich lehnt Honnefelder einen Gentransfer in die Keimbahn ab. Selbst ein therapeutisches Ziel sei keine hinreichende Legitimation. "Offensichtlich ist die Beibehaltung der Heteronomie des genetischen Zufalls freiheitsbewahrender als die genetische Manipulation, die den zukünftig Betroffenen allemal den von einem Dritten gesetzten Zielen unterwirft und damit instrumentalisiert", sagte Honnefelder.
In bezug auf die Entwicklung und Freisetzung gentechnisch herbizidresistenter Pflanzen vertritt Honnefelder die Ansicht, daß das Risiko in jedem Einzelfall zu prüfen sei, wobei die Neuheit der gentechnischen Veränderung Anlaß sein müsse, zusätzliche Sicherheitsvorkehrungen zu treffen. Die Angst vieler Menschen vor der Gentechnik scheint ihm weniger die Angst vor den neuen Technologien zu sein als vielmehr die Angst, daß man den damit verbundenen ethischen Auseinandersetzungen nicht gewachsen sein könnte. Um die moderne Wissenschaft und ihre medizinische sowie biotechnologische Anwendung sinnvoll zu nutzen, "brauchen wir ein bisher unbekanntes Maß an Selbstbegrenzung", forderte Honnefelder. Gisela Klinkhammer
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