ArchivDeutsches Ärzteblatt19/1996Vilmar: Verantwortungslose Kampagne

POLITIK: Kommentar

Vilmar: Verantwortungslose Kampagne

Jachertz, Norbert

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LNSLNS Während in Bonn die Gesundheitsreform in der heißen Phase steckt, leistet sich die Ärzteschaft eine Kampagne gegen ihren obersten Repräsentanten. Seit Wochen sind anfangs Bremer Ärzte und schließlich Mandatsträger landauf, landab über Gebühr mit einem Thema beschäftigt: der sogenannten Affäre um Dr. Karsten Vilmar (Bremen), seit 1978 Präsident der Bundes­ärzte­kammer und des Deutschen Ärztetages.
Um es gleich zu sagen: Eine Affäre Vilmar gibt es nicht, wohl aber eine mutwillig angezettelte Kampagne gegen Vilmar. Wenn es denn eine Affäre gibt, dann um den früheren Geschäftsführer der Ärztekammer Bremen, der zugleich ein langjähriger Vertrauter von Vilmar war.
Kurz einige wenige Fakten: Im Januar wurde Vilmar, der fast zwanzig Jahre als Präsident der Bremer Ärztekammer amtiert hatte, nicht wiedergewählt. Unmittelbar nach diesem Ereignis stellte der neugewählte Vorstand aufgrund einer ihm zugespielten Information den Kammergeschäftsführer zunächst kalt; wenig später wurde er fristlos entlassen. Schon nach Vilmars Abwahl kursierten Gerüchte, sein geschaßter Geschäftsführer habe sich finanzieller Unregelmäßigkeiten schuldig gemacht. Diese wurden wenig später in einem Gutachten einer Wirtschaftsprüfergesellschaft, die offensichtlich gleich nach Vilmars Abwahl beauftragt worden war, beziffert. Insgesamt soll es um Gelder in Höhe von gut einer Million Mark gehen, die der ehemalige Geschäftsführer zu Unrecht bezogen haben soll. Vor dem Arbeitsgericht einigten sich die beiden Parteien auf Rückzahlung von 600 000 DM an die Kammer.
Einzelheiten aus dem vertraulich für den Vorstand der Bremer Ärztekammer gefertigten Gutachten waren in unschöner Regelmäßigkeit in der lokalen Presse sowie einer überregionalen Zeitung zu lesen. Angeblich lag das Gutachten, das die Bremer Kammer unter Verschluß hat und nicht einmal Vilmar aushändigte, einem oder zwei Journalisten vor. Wer auch immer das besorgt hat, er hat zugleich dafür gesorgt, daß die angeblichen und/oder tatsächlichen Verfehlungen des Ex-Geschäftsführers in kleinen Portionen mitgeteilt, mit Vilmar verknüpft wurden und so langsam zu einer Affäre Vilmar stilisiert werden konnten – eine klassische Pressekampagne. Inzwischen sind die Informationen aus den trüben Bremer Quellen auch bundesweit in der Presse zu lesen.
Welche der Vorwürfe gegen den früheren Bremer Geschäftsführer zutreffen und wie sie objektiv zu bewerten sind, vermag ohne Kenntnis jenes ominösen Gutachtens mit Sicherheit niemand zu sagen. Der Anschein spricht freilich dafür, daß sich der ehemalige Vilmar-Vertraute zumindest Unregelmäßigkeiten geleistet hat, darunter schwerwiegende, wie die Auszahlung erheblicher Geldbeträge, aber auch eher lächerliche, wie das Kassieren von Flaschenpfand.
Nun behauptet niemand – auch jene in Bremen, die ihrem früheren Präsidenten übelwollen, gehen nicht so weit – ,Vilmar decke finanzielle Unregelmäßigkeiten. Denn davon ist jeder, der ihn kennt, überzeugt: Vilmar ist ein Muster an Korrektheit. Muß er sich aber Verfehlungen eines früheren Vertrauten zurechnen lassen? Vielleicht dann, wenn er sie hätte erkennen können. Aber weder die Prüfinstanzen der Kammer noch die externen Wirtschaftsprüfer oder der Rechnungshof haben je Unregelmäßigkeiten aufgedeckt. Wenn also der Vertraute unter Mißbrauch des Vertrauens gehandelt hat, darf man dann den, den er menschlich betrogen hat, für die Verfehlungen verantwortlich machen? Wohl kaum. Denn der Betrogene ist schließlich nicht der Betrüger, sondern das Opfer. Die Kampagne gegen Vilmar, die in Bremen ihren Ausgangspunkt hatte und die aus Bremen regelmäßig genährt wird, ist schäbig und gemein – und politisch verantwortungslos. Jene in Bremen, die hierfür verantwortlich sind und Vilmar in die Position des Schuldigen drängen, sollten sich überlegen, was sie anrichten. Und jene, die wissen, wer die Kampagne nährt, sollten ein klares Wort sprechen. Das Gutachten, das zur Waffe gegen Vil-mar geworden ist, sollte offengelegt werden. Die Bremer Kammer sollte die Affäre um ihren Ex-Geschäftsführer beenden und das seit langem vorliegende Angebot von Vilmar, zur Aufklärung nach Kräften beizutragen, tatsächlich nutzen. Es gibt inzwischen bei einsichtigen Repräsentanten der Bremer Ärzte Anzeichen dafür, daß man die Schmuddelkampagne auf anständige Art bereinigen will. Es ist höchste Zeit. Vielleicht kommen solche Bemühungen um Klärung nicht mehr zeitig genug, um eine Debatte über die Bremer Affäre auf dem Deutschen Ärztetag im Juni zu verhindern. Zumindest eine Delegiertengruppe, die auch in Bremen bei der Kampagne eine unrühmliche Rolle spielt, könnte versucht sein, eine Personaldebatte anzuzetteln. Die wird der Ärztetag durchstehen und notfalls durch Abstimmung erledigen müssen.
Wir hoffen, mit einem eindeutigen Votum zugunsten von Vilmar. Er hätte es verdient. Norbert Jachertz
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