SCHLUSSPUNKT

Von schräg unten: Beratung

Dtsch Arztebl 2013; 110(31-32): [104]

Böhmeke, Thomas

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Der Mensch mäandert im Laufe seines Lebens durch ganz unterschiedliche Stadien der Stimmung und Verstimmung. Als Kind ist man noch euphorisch, die Adoleszenz bietet die erste Liebe und Depression. Kurz darauf platzt man vor Stolz, weil man die Welt verändert. Bis Mitte 40 fühlt man sich unsterblich, danach ist man ein misanthroper alter Sack. Dieser ist daran zu erkennen, dass er seine Umgebung mit vermeintlicher Weisheit quält. Ich bin auch schon ein alter Sack, daher peinige ich meine Mitarbeiterinnen mit Sprüchen wie „Die beste Medizin ist der kürzeste Weg zwischen eindeutiger Diagnose und optimaler Therapie!“ Aber kann ich, als besagter betagter Beutel, das auch umsetzen, für alle meine Patienten bieten?

Eine ältere, mir seit langem bekannte Dame klagt mir ihr Leid: „Herr Doktor, also ich war mit meiner Wirbelsäule im Krankenhaus. Während ich so am Tropf hing, kam der Internist und fragte: ,Haben Sie Herz?‘ Natürlich habe ich ein Herz, so habe ich ihm gesagt, und zwar ein gutes! Da sagte der Doktor: ,Soso, was Sie nicht sagen. Wir müssen der Sache auf den Grund gehen!‘ Und dann haben sie mich zu allen möglichen Untersuchungen gekarrt, zu den EKGs, dem Bauchultraschall, dem Herzecho, dann hingen lauter Apparate an mir, als wäre ich ein medizinischer Christbaum. Dann musste ich zum Röntgen, auf das Fahrrad, auf das Laufband, schlimm war das! Als die dann nichts gefunden haben, wollten sie noch einen Herzkatheter machen! Aber da habe ich nicht mehr mitgespielt, das war mir zu viel!“ Ja, das kann ich nachvollziehen, aber ist es nicht schön zu sehen, wie leistungsfähig unsere Kliniken trotz Budgetierung sind?

„Herr Doktor, beim nächsten Mal kam es noch dicker, da kam wieder dieser Internist und fragte nach meinem Herzen. Ich dumme Pute habe gedacht, ich wäre besonders schlau und habe ihm gesagt: Nein, ich habe kein Herz! Der Internist meinte dann: ,Das ist ja schlimm! Dem müssen wir auf den Grund gehen!‘ Und dann kamen sie wieder mit ihren Echolots, den Strippen, den piependen Kästchen, dem Fahrrad, einfach schrecklich war das!“ Ja, das kann ich verstehen, diese vielen Untersuchungen können die Stimmung vermasseln. „Und dann habe ich doch noch den Herzkatheter machen lassen, so fertig war ich!“ Und was kam dabei heraus? „Nichts! Herr Doktor, Sie haben mir sowieso immer gesagt, dass ich ein schönes Herz habe! Sie sind jetzt meine letzte Hoffnung, weil nächste Woche muss ich wieder mit meinen Knochen ins Krankenhaus, was soll ich nur machen, wenn die mich verkabeln und durchleuchten?!“

Tja, das ist wirklich schwierig . . . ich kann die Kollegen ja verstehen, sie wollen besonders gründlich sein . . . wenn man etwas übersieht, steht gleich der Rechtsanwalt vor der Tür . . . also, in diesem schwierigen Fall fällt mir spontan keine Therapie ein. „Herr Doktor, helfen Sie mir!“ Ich hab’s: Sie soll einfach nicht verraten, dass sie privat zusatzversichert ist! „Herr Doktor, Sie sind ein Schatz!“ Heute ist ein guter Tag für einen alten Sack.

Dr. med. Thomas Böhmeke
ist niedergelassener Kardiologe in Gladbeck.

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