ArchivDeutsches Ärzteblatt31-32/2013Frage der Woche an . . . Dr. med. Theodor Windhorst, Präsident der Ärztekammer Westfalen-Lippe

ÄRZTESTELLEN: Frage der Woche

Frage der Woche an . . . Dr. med. Theodor Windhorst, Präsident der Ärztekammer Westfalen-Lippe

Sie haben bei der Kammerversammlung von „Ärzte-Bashing“ gesprochen. Ist es wirklich so schlimm?

Dtsch Arztebl 2013; 110(31-32): [4]

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS

Korruption, Pfusch, Behandlungsfehler und Honorargier – das Image der Ärztinnen und Ärzte in der Öffentlichkeit habe zuletzt nicht nur leichte Kratzer bekommen, sondern werde seit einiger Zeit systematisch schlechtgeredet, kritisierte die Kammerversammlung der Ärztekammer Westfalen-Lippe am 13. Juli in Münster.

Herr Dr. Windhorst, Sie haben bei der Kammerversammlung von „Ärzte-Bashing“ gesprochen. Ist es wirklich so schlimm?

Anzeige

Windhorst: Ja. Was derzeit vonseiten der Krankenkassen, der Politik und einzelnen Medien auf uns einprasselt, können wir nicht länger hinnehmen. Das Kesseltreiben gegen die Ärzteschaft muss aufhören.

Zwar sind die Information über und die Transparenz von Gesundheitsentscheidungen medial ebenso unverzichtbar wie die Aufdeckung von Missständen, aber die Verfehlungen Einzelner dürfen doch nicht einem ganzen Berufsstand angelastet werden. Durch globale Verunglimpfungen und pauschale Vorurteile wird die ganze Ärzteschaft in Misskredit gebracht. Das ist eine gefährliche Entwicklung. Dadurch entsteht eine Misstrauenskultur im Gesundheitswesen, und das ist einem vertrauensvollen Arzt-Patienten-Verhältnis mehr als abträglich. Hiermit wird auch die positive Wirkung eines solchen gegenseitigen Vertrauens beim Heilungsprozess, also der Aufbau einer guten Behandlungsbeziehung mit der Berücksichtigung ganzheitlicher therapeutischer Maßnahmen, der sogenannte Placeboeffekt, erheblich gemindert.

Das „Ärzte-Bashing“ als beliebtes Spiel interessierter Kreise hat zur Folge, dass sich der medizinische Nachwuchs verunglimpft fühlt. Sollte das Kesseltreiben gegen die Ärzteschaft nicht bald ein Ende haben, müssen wir uns nicht wundern, wenn unser Gesundheitssystem demnächst ohne Ärztinnen und Ärzte auskommen muss. Es kommt nicht von ungefähr, wenn im vergangenen Jahr mehr als 2 240 gut ausgebildete und hochqualifizierte Mediziner ins Ausland abgewandert sind, weil sie sich hier unter den gegebenen Rahmenbedingungen nicht mehr wohlfühlen. Die so entstandenen Lücken können nicht ausreichend durch Zuwanderung aus dem Ausland gefüllt werden. Die ständige Ärzteschelte hinterlässt also bereits Spuren. Steter Tropfen höhlt den Stein des Vertrauens.

Zwar gehören die Ärzte bei Umfragen immer noch zur Spitzengruppe der angesehensten Berufsgruppen in Deutschland, aber im Euro Health Consumer Index (EHCI), der die Gesundheitssysteme in 34 europäischen Staaten aus der Sicht der Patienten bewertet, ist Deutschland im Vergleich zu 2009 im vergangenen Jahr vom sechsten Rang auf Rang 14 abgerutscht. Die EHCI-Studie bewertet Ergebnisqualität, Transparenz und Vertrauen aus Sicht der Patienten und besteht aus fünf Bereichen, die für den Verbraucher im Gesundheitssystem wichtig sind: Patientenrechte und -informationen, Wartezeiten für Behandlungen, Diagnosen, Vorsorge, Vielfalt und Umfang der angebotenen Leistungen und Pharmazeutika. Der EHCI ist zu einem Maßstab für das europäische Gesundheitswesen geworden.

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Deutsches Ärzteblatt plus
zum Thema