ArchivDeutsches Ärzteblatt31-32/2013Porträt: Der Sammler und seine Lieblinge

KULTUR

Porträt: Der Sammler und seine Lieblinge

Dtsch Arztebl 2013; 110(31-32): A-1499 / B-1321 / C-1305

Jachertz, Norbert

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Kloppenborg (rechts) mit dem Maler Volker Henze (vor einem Henze- Bild, Öl auf Leinwand, aus dem Jahr 1991), Foto: privat
Kloppenborg (rechts) mit dem Maler Volker Henze (vor einem Henze- Bild, Öl auf Leinwand, aus dem Jahr 1991), Foto: privat

Mit viel Spürsinn und wenig Kapital hat Jost Kloppenborg in 40 Jahren eine ansehnliche Sammlung moderner Malerei aufgebaut. Nun löst er sie auf, weil ein gleichgesinnter Nachfolger fehlt.

Abends in Pankow. Eine Ausstellung wird eröffnet. Nichts Auffallendes im Galerie-Berlin von heute, auch nicht im Ostteil, gerade dort, wo er schicker wird, wie hier am Amalienpark. Doch die Präsentation führt an diesem Abend erstmals wieder vier Künstler zusammen, die in den 1980er Jahren als die wichtigsten Vertreter der „lyrischen Abstraktion“ in der DDR galten, geschnitten von den damaligen Kunstfunktionären: Joachim Böttcher, Volker Henze, Hanns Schimansky und Harald Toppl. Nach der Wende gingen sie ihre eigenen Wege. Zusammengebracht hat sie heute Jost Kloppenborg. Die meisten der ausgestellten Gemälde und Blätter entstammen seiner Sammlung. Und nicht nur die Werke sind da, auch die Künstler. Mitten unter ihnen und dem Publikum der Sammler, ein großer jungenhafter Mann von 78 Jahren.

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Kloppenborg ist ein Sammler, der seine Künstler kennt, mit ihnen im Gespräch ist, sie begleitet. Mit den vier von heute Abend war das Zusammenkommen um 1989 nicht ganz einfach. Sie durften nicht raus und Kloppenborg, der Westberliner, nur mit Genehmigung rein.

Zu den vier Ostberlinern hatte Kloppenborg der sechste Sinn geführt. 1987, als das 750-jährige Bestehen Berlins begangen wurde, unternimmt er einen Ausflug nach Ostberlin. Im „Alten Museum“ wird offizielle Kunst präsentiert. Er will schon wieder gehen, da sieht er im letzten Raum eine Tür. Kein Hinweis, was dahinter steckt. Er entdeckt die Galerie „Rotunde“, die im nahezu Verborgenen zeitgenössische Kunst vorstellt, die nicht dem sozialistischen Realismus verpflichtet ist. Die Kunstkritikerin Inga Kondeyne, der er damals in der „Rotunde“ begegnete, hält an diesem Abend die Laudatio auf den Sammler und seine Sammlung der „lyrischen Abstrakte“. Doch den Begriff sollte man nicht zu genau nehmen. Weder malen die vier Vertreter konsequent abstrakt noch erschließen sich dem Betrachter die Blicke in den Kohlenhof, Gitterstrukturen oder der Ausblick aus schwarz verhangenem Fenster als „lyrisch“. Es sind einfach starke Stücke. Kloppenborgs Sache sind auch weniger solche Klassifikationen. Ihm liegt an der Qualität der Bilder und an der „Erzählung“ des Künstlers.

Zu sammeln begonnen hat Kloppenborg mit 30 Jahren. Er schulte sich in Gesprächen mit Galeristen und durch Anschauen und kaufte in Galerien sowie bei den Künstlern im Atelier. Manchmal auf Auktionen. Einmal sogar bei Christie’s in London. Billigflug und Unterkunft im Männerheim sei Dank. Kloppenborgs Sammlerleidenschaft stieß nämlich stets auch an finanzielle Grenzen. Denn er hatte Familie und ein sehr normales Gehalt. Das bedeutete nicht nur, die Spesen gering zu halten, sondern auch mit Spürsinn den unbekannten, aber vielversprechenden Künstler zu entdecken. Begrenzte Mittel heißt für den Sammler auch: Sich konzentrieren. Im Fall von Kloppenborg lief das zunächst auf deutsches Informel und junge abstrakte Malerei aus West- und Ostdeutschland hinaus, darunter auch jene vier „Lyriker“. Schließlich entdeckte er die abstrakten Polen. So Tomasz Ciecierski oder Janusz Tarabula, mit denen er auch freundschaftlich verbunden ist. Kloppenborg bedauert, dass die polnischen Maler im Westen so wenig bekannt sind.

Über seine Bilder fand Jost Kloppenborg Zugang zu einer Welt, die ihm sonst verschlossen war. Er ist Jurist und war lange Geschäftsführer der Berliner Ärztekammer, hatte wenig mit Kunst zu tun. Doch glaubt er, er habe der Selbstverwaltung auch als Sammler einiges zu verdanken. Denn Selbstverwaltung habe mit Gestalten zu tun. Und die Freiheit, gestalten zu können, habe er ins Sammeln übertragen.

Zurück in Pankow: Vier Künstler, vier Räume. In einer Ecke eine Liste der Werke. Mit maßvollen Preisen. Eine Verkaufsausstellung? Irgendwie schon. Kloppenborg plant, seine Sammlung aufzulösen. Er findet keinen Nachfolger. Er muss loslassen. Beim Abschied blickt der Sammler rundum, da hängen sie, seine Lieblinge, die Bilder, und es platzt aus ihm heraus: „Und sie gefallen mir immer noch!“

Norbert Jachertz

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