ArchivDeutsches Ärzteblatt31-32/2013HIV-Therapie: Mutterschaftsrichtlinien dringend überarbeiten
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. . . Dass Ärzte erst im Kreißsaal von der HIV-Infektion der Gebärenden erfahren, ist ein untragbarer Missstand, den wir über die seit 1998 bestehende ehrenamtliche Hotline „HIV und Schwangerschaft“ der Frauenklinik der Universitätsmedizin Mannheim konstant über die Jahre aus dem gesamten Bundesgebiet erfahren. Dass 30 Jahre nach der Erstbeschreibung von HIV, nach Quantensprüngen in der Therapieoption der HIV-Infektion . . . und einer im europäischen Vergleich vorbildlichen Schwangerschaftsvorsorge auch im Jahr 2013 Schwangere sich ohne HIV-Test und/oder ohne dessen adäquate Dokumentation im Mutterpass zur Geburt im Kreißsaal einfinden und daraus HIV-Infektionen der Neugeborenen resultieren, ist eine Katastrophe! . . .

Am 13.09.2007 beschloss der Gemeinsame Bundes­aus­schuss die folgende Änderung der Mutterschaftsrichtlinien. Danach soll jeder Schwangeren ein HIV-Antikörpertest empfohlen werden. Juristisch bedeutet das Wörtchen „soll“ im Gegensatz zu der Formulierung „ist zu empfehlen“, dass es weiterhin im Ermessen des betreuenden Arztes liegt, ob er den HIV-Test anbietet. Bereits hier zeigt sich ein erster juristischer Fallstrick. Die Durchführung der Beratung zum HIV-Antikörpertest ist im Mutterpass zu dokumentieren. Hierzu wurde auf Seite fünf im Mutterpass, fern der übrigen Infektionsdokumentation, vor der Aufklärung zur Zahngesundheit, eine Spalte eingefügt, in der ein Kreuz zu setzen ist. Allein diese Dokumentationsform der Beratung hält im Schadensfall keiner juristischen Prüfung stand. Festgelegt wurde aber auch, dass die Durchführung und das Ergebnis der HIV-Untersuchung im Mutterpass nicht dokumentiert werden. Dies hat zur Folge, dass selbst, wenn der Test durchgeführt wurde, das Testergebnis im Kreißsaal nicht ankommt. Beispielsweise bei einem Facharztwechsel, bei einem Ortswechsel und bei Kommunikationsproblemen der Schwangeren hat dies gravierende Folgen für das Kind. Auch im Jahr 2012 wurden Neugeborene durch diese Insuffizienz der Mutterschaftsrichtlinien mit dem HI-Virus infiziert . . . Die aktuellen Mutterschaftsrichtlinien bedürfen dringend einer Überarbeitung, nicht zuletzt um mehr Rechtsklarheit und Rechtssicherheit für alle Beteiligten zu schaffen.

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Dr. med. Matthias Beichert, Leiter der Sprechstunde „Infektiologie in Gynäkologie und Geburtshilfe“ der Frauenklinik der Universitätsmedizin Mannheim, 68167 Mannheim

Dr. med. Bernd Buchholz, Leiter der HIV-Sprechstunde der Kinderklinik der Universitätsmedizin Mannheim, 68167 Mannheim

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