ArchivDeutsches Ärzteblatt31-32/2013Bonuszahlungen: Unklare Sprache
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Als langjähriger Freund und Begleiter der Ärzteschaft mache ich mir zunehmend Sorgen darüber, wie die Kommunikation zwischen den Ärzten, aber auch zwischen Ärzten, Patienten und anderen gesellschaftlichen Gruppen gefährdet wird durch den Verfall des guten, klaren sprachlichen Ausdrucks.

Dabei meine ich nicht so sehr die häufig beklagte Zunahme der Anglizismen. Das ist nur eine Mode, die wieder verschwinden wird . . .

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Aus gegebenem Anlass habe ich dieser Tage meiner Frau vorgeschlagen, dass wir unseren Verlobungstag in Zukunft als jährlichen „Tag der partizipativen Entscheidungsfindung“ (DoPDF) begehen. (Ihre Antwort kam prompt, braucht aber hier nicht wiedergegeben zu werden).

Diesen Schwulst musste ich bei der Kassenärztlichen Bundesvereinigung lesen, die allen Ernstes das Folgende empfohlen hat: „Die Erwartungshaltung des Patienten wird exploriert und dann die Entscheidung für oder wider . . . im Rahmen einer partizipativen Entscheidungsfindung besprochen, nachdem für den Patienten in nachvollziehbarer Weise ein abwendbar gefährlicher Verlauf ausgeschlossen wurde.“ Das läuft sogar auch noch unter der Vorschlagzeile „Ärztliches Kommunikationsverhalten“. Dabei ist von Verhalten gar nicht die Rede, und statt „Ärztliches“ war wohl gemeint „Ärgerliches“!

Können denn Akademiker nicht – oder wollen sie nicht – einfach und klar sagen: „Die Entscheidung für oder wider . . . sollte im Gespräch mit dem Patienten getroffen werden.“? Ist so etwas Sorglosigkeit oder gar Unfähigkeit? Helfen wir auf diese Weise den Mitbürgern mit ausländischer Abstammung bei ihrer Integration? Geben wir so den Schulkindern ein gutes Beispiel? Und ist es gleichgültig, ob wir richtig verstanden werden oder nicht? Wirklich ernst wird es, wenn Fachleute selbst Sachverhalte, die zu Rechtsstreiten führen können, nicht mehr eindeutig ausdrücken. Auch dafür ein Beispiel:

Bundes­ärzte­kammer und Deutsche Krankenhausgesellschaft haben sich zum Thema Bonuszahlungen für leitende Ärzte auf folgende Empfehlung geeinigt: „Finanzielle Anreize für einzelne Operationen/Eingriffe oder Leistungen dürfen nicht vereinbart werden, um die Unabhängigkeit der medizinischen Entscheidung zu sichern.“ Der Satz sieht klar und einfach aus, kann aber völlig falsch verstanden werden. Das „um zu“ ist fehl am Platze. Denn: Wenn Anreize nicht mit dem Ziel („um zu“), die Unabhängigkeit zu sichern, vereinbart werden dürfen – ja, wann dürfen sie denn dann vereinbart werden? Um die Unabhängigkeit zu gefährden? – Das ist aber nicht gemeint. Warum schreibt man also nicht klipp und klar: „Weil finanzielle Anreize . . . die Unabhängigkeit . . . gefährden können, dürfen sie nicht vereinbart werden.“?

Schon vor Jahrzehnten begannen wir, von der „Sprechenden Medizin“ zu reden. Und wo sind wir gelandet? „Im Rahmen einer partizipativen Entscheidungsfindung“! – Tucholsky würde gesagt haben: Und genauso siehste auch aus.

Günter Burkart, 53347 Alfter

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