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Universitätsklinikum Giessen/Marburg: Abschreckendes Beispiel

Dtsch Arztebl 2013; 110(31-32): A-1461 / B-1285 / C-1269

Flintrop, Jens

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Die relevanten Institutionen der deutschen Hochschulmedizin haben ein für die Rhön-Klinikum AG verheerendes Urteil gefällt: Die Erfahrungen am Klinikum Gießen/Marburg hätten gezeigt, dass die von dem privaten Unternehmen geforderten Renditeerwartungen mit den Aufgabenfeldern eines Universitätsklinikums nicht in Einklang zu bringen seien, heißt es in einer aktuellen Stellungnahme der Arbeitsgemeinschaft Hochschulmedizin, in der sich die Bundes­ärzte­kammer, der Deutsche Hochschulverband, der Marburger Bund, der Medizinische Fakultätentag, die Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften sowie die Deutsche Gesellschaft für Medizinrecht zusammengeschlossen haben. So wisse man heute, dass die von Rhön getätigten umfangreichen Investitionen an beiden Standorten vom Universitätsklinikum selbst aus dem laufenden Haushalt refinanziert werden müssten, wozu dieses aber nicht in der Lage sei. Zudem stünden die dienenden Aufgaben eines Universitätsklinikums in Forschung und Lehre in einem natürlichen Spannungsverhältnis zur Erwirtschaftung einer möglichst hohen Rendite. Fazit: „Die Universitätsmedizin sollte grundsätzlich als Teil der staatlichen Daseinsfürsorge öffentlich-rechtlich organisiert sein.“

Die Antwort der börsennotierten Klinikkette ließ nicht lange auf sich warten. Die Darstellung sei nicht sachgerecht und stimme nicht mit den objektiven Ergebnissen aus den Bereichen der Forschung, Lehre und Krankenversorgung überein, schreibt Vorstandschef Dr. Dr. Martin F. Siebert in einem offenen Brief an die Arbeitsgemeinschaft. Forschung und Lehre in Gießen und Marburg leisteten einen „herausragenden Beitrag“ zur Fortentwicklung und Verbesserung der medizinischen Versorgung. Zwar sei das Universitätsklinikum wegen der chronischen Unterfinanzierung der Krankenhäuser und hier insbesondere der Hochschulmedizin 2012 in eine schwierige wirtschaftliche Lage geraten, inzwischen habe man aber mit McKinsey einen Entwicklungspfad beschrieben, der das Klinikum bis Ende 2014 wieder wirtschaftlich konsolidieren solle.

Bei der Bilanzpressekonferenz Ende April hatte Siebert freilich noch eingeräumt, dass die schwierige Lage in Gießen und Marburg nicht nur auf die politischen Rahmenbedingungen zurückzuführen sei: „Auch die Rhön-Klinikum AG hat einen Beitrag zu dieser unerfreulichen Entwicklung geleistet, etwa durch die zahlreichen Wechsel in der Geschäftsführung oder durch die offensichtliche Unterschätzung dessen, was man im Zusammenhang mit der erstmaligen Privatisierung einer Universitätsklinik in Deutschland vielleicht gar als einen gesellschaftspolitischen Kulturkampf bezeichnen könnte“, sagte der seit Januar 2013 amtierende Vorstandschef damals vor der Presse in Frankfurt am Main.

Jens Flintrop, Redakteur für Gesundheits- und Sozialpolitik
Jens Flintrop, Redakteur für Gesundheits- und Sozialpolitik

Als das Land Hessen das zuvor fusionierte Universitätsklinikum Gießen/Marburg vor sieben Jahren an Rhön verkaufte, gingen viele Beobachter davon aus, dass das Beispiel Schule machen werde. Schließlich belasten die Defizite von Hochschulkliniken auch anderenorts die Landeshaushalte. Doch bis heute ist das Universitätsklinikum in Mittelhessen das einzige in privater Hand; zu groß war und ist der Ärger vor Ort, als dass eine weitere Landesregierung eine Privatisierung wagen würde. Die Einzigen, die diese Entwicklung bedauern, dürften die privaten Klinikträger sein.

Jens Flintrop
Redakteur für Gesundheits- und Sozialpolitik

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