ArchivDeutsches Ärzteblatt PP8/2013Liebe: Peter Sorge – Verschiedene Bildgeschichten

KUNST + PSYCHE

Liebe: Peter Sorge – Verschiedene Bildgeschichten

PP 12, Ausgabe August 2013, Seite 338

Kraft, Hartmut

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Sex and crime“ steigern bekanntlich die Auflagen der Zeitungen und Illustrierten, Kriegsberichte von den Krisenherden der Erde wirken sich vergleichbar aus. Womit wir mitten im Thema, nämlich bei der zweifarbigen Radierung von Peter Sorge wären. Der Künstler verwendete Fotos aus den Massenmedien als Vorlagen für seine bildnerische Arbeit. In seinem Atelier türmten sich die Stapel von Zeitungen, Zeitschriften, Illustrierten und Magazinen. „Ich zeichne das Foto ab“, sagte Peter Sorge, „nicht das Objekt.“ Die Fotovorlagen wurden von ihm mehr oder weniger stark beschnitten, ein Ausschnitt also gezielt ausgewählt. Anschließend wurden die Bildausschnitte nebeneinander und/oder übereinander angeordnet und somit in einen neuen Zusammenhang gestellt. Zumeist sind die einzelnen Bilder durch Balken voneinander getrennt, die als eine Art Anführungszeichen für die Bildzitate fungieren. Mal entstanden auf diese Weise Bilderrätsel, mal Paradoxien oder Antithesen, manchmal schlicht Kalauer, aus denen der Betrachter seine Schlüsse ziehen konnte. Die Beliebtheit der sehr zahlreichen Druckgrafiken des Künstlers vor allem in den 60er und 70er Jahren spricht dafür, dass viele Kunstinteressierte und Sammler sich gern von seinen Zusammenstellungen aus der Bilderflut der Massenmedien anregen lassen wollten.

Das hier vorliegende Blatt entstammt der Grafik-Mappe „Vorspiele“, die fünf Radierungen enthält. Dieser Titel gibt das Thema vor. Ein Soldat mit herabhängendem Gewehr und Sturmgepäck steht an einer Mauer und richtet seinen Blick nach links. Ob er schwer atmet oder seinen Mund zu einem Ruf geöffnet hat, ist nicht zu entscheiden. Auf der linken Seite des Blattes hat der Künstler – in einem anderen Größenverhältnis, in stärkerer Nahsicht – eine sich entkleidende dunkelhaarige Frau ausgewählt. Lächelnd schaut sie den Betrachter an. Ist es ein Schnappschuss von einem Striptease für den Soldaten – oder für den Betrachter? Oder geraten wir hier in die Rolle des Voyeurs, der einem vom Kampfeinsatz heimkehrenden Soldaten sozusagen bei seinen Fantasien zuschauen kann? Wird hier der anstehende Besuch in einem Nachtclub antizipiert, wo tabledance und Prostitution angesagt sind? Oder geht es um sexuelle Gewalt, um die Vergewaltigung der Frauen der Feinde? Lächelt die Frau nicht vielleicht doch ein gequältes Lächeln? Gehen Sexualität und Gewalt nicht nur zu oft eine unheilvolle Verbindung ein?

Vielleicht aber, so können wir es uns auch vorstellen, denkt dieser Soldat ganz im Gegenteil sehnsuchtsvoll an seine zu Hause auf ihn wartende Frau, die er gleich informieren wird, um von seinen überstandenen Strapazen zu berichten, um mit ihr über gemeinsame sexuelle Bedürfnisse und seine Sehnsucht nach Halt gebender Nähe zu fantasieren? Wir wissen es nicht – aber eine Vielzahl von Assoziationsketten setzt sich in Gang, wenn wir uns auf dieses „Vorspiel“ einlassen. Wir können unserem Bedürfnis, eine uns stimmig erscheinende Bildgeschichte zu erfinden, kaum entkommen.

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Dr. med. Hartmut Kraft

Biografie Peter Sorge

Geboren 1937 in Berlin. Als Maler und vor allem Grafiker gehörte er zu der Gruppe Berliner Künstler wie Wolfgang Petrick oder Hans Jürgen Diehl, die als „kritische Realisten“ bekannt wurden. Er schuf sozialkritische Bilder, für die er eine Montagetechnik verwendete. Dabei stellte er seine abgemalten und abgezeichneten Fotos aus den Massenmedien scharf kontrastierend nebeneinander. Ab 1970 verheiratet mit der Künstlerin Maina-Miriam Munsky (1943–1999). Gestorben 2000 in Berlin.

1.
Bianchi P: Künstlerpaare. Munsky und Sorge. Kunstforum International, Band 106, März/April 1990.
2.
Sorge P: Werkverzeichnis der Radierungen, Lithographien und Handzeichnungen 1963–1979. Hrsg. von Lothar C. Poll, Verlag der Galerie Eva Poll, Berlin 1979.
3.
Stock WJ, Sorge P (Hrsg.): Großstadtdschungel; Neuer Realismus aus Berlin. Fröhlich und Kaufmann, Berlin 1983.
1.Bianchi P: Künstlerpaare. Munsky und Sorge. Kunstforum International, Band 106, März/April 1990.
2.Sorge P: Werkverzeichnis der Radierungen, Lithographien und Handzeichnungen 1963–1979. Hrsg. von Lothar C. Poll, Verlag der Galerie Eva Poll, Berlin 1979.
3.Stock WJ, Sorge P (Hrsg.): Großstadtdschungel; Neuer Realismus aus Berlin. Fröhlich und Kaufmann, Berlin 1983.

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