ArchivDeutsches Ärzteblatt PP8/2013Österreich: „Unstatthafte Bevorzugung“

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Österreich: „Unstatthafte Bevorzugung“

PP 12, Ausgabe August 2013, Seite 343

Sonnenmoser, Marion

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Ein heftiger Streit ist in Österreich um die Novellierung des Psychologen- gesetzes entbrannt. Die Berufsbezeichnung Psychologe soll damit besser geschützt werden. Psychotherapeuten und Psychiater kritisieren, aus dem Gesetz ergebe sich ein Tätigkeitsvorbehalt für klinische Psychologen für die Diagnostik.

Foto: Fotolia/issumbosi
Foto: Fotolia/issumbosi

Das seit 1990 gültige österreichische Psychologengesetz wird seit kurzem novelliert und soll im Juli 2013 im Nationalrat beschlossen werden. Die befürwortenden Parteien, also die Sozialdemokratische Partei Österreichs (SPÖ) und die Österreichische Volkspartei (ÖVP), das Ge­sund­heits­mi­nis­terium und Berufsverbände, wie zum Beispiel der Berufsverband Österreichischer Psychologen, erhoffen sich durch das neue Gesetz mehr Qualität in der Behandlung und mehr Sicherheit für Patienten. Laut einem Bericht der Tageszeitung „Kurier“ vom 27. Mai 2013 wird eine österreichweit einheitliche Ausbildung (Master) samt kommissioneller Prüfung für Psychologen angestrebt und damit einheitliche und höhere Qualitätsstandards; auf diese Weise soll auch die Berufsbezeichnung „Psychologe“ besser geschützt werden. Darüber hinaus sollen die Berufsgruppen „Gesundheitspsychologen“ und „klinische Psychologen“ klar erkennbar unterschieden werden. In Österreich sind Gesundheitspsychologen eher für Beratung und Prävention zuständig, klinische Psychologen hingegen für psychische Störungen, Extremsituationen und Krisen. Zum Schutz der Patienten sieht das neue Gesetz für österreichische Psychologen auch strengere Aufklärungs- und Dokumentationspflichten sowie eine verpflichtende Berufshaftpflichtversicherung vor.

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Die Kritiker des neuen Gesetzes, wie zum Beispiel die Partei der Grünen oder österreichische Berufsverbände von Psychotherapeuten und Psychiatern, versuchen indes, die Verabschiedung des Gesetzes zu verhindern, weil es ihrer Meinung nach unausgereift und mangelhaft sei. Sie lesen aus dem Gesetzesentwurf zum Beispiel einen Tätigkeitsvorbehalt für klinische Psychologen für die Diagnostik heraus, das heißt, nur Psychologen dürften demnach Diagnosen an psychisch Kranken stellen, bevor es den Psychiatern oder Psychotherapeuten möglich sei, ihre Arbeit aufzunehmen. Hierin sehen die Kritiker eine „unstatthafte Bevorzugung der Psychologen“, zum Schaden der Patienten. Darüber hinaus befürchten sie, dass klinische Psychologen künftig psychische Störungen mit psychotherapeutischen Verfahren behandeln dürften, ohne eine entsprechende Ausbildung absolviert zu haben.

Neues Behandlungsangebot

Im Gesetzentwurf ist in diesem Zusammenhang von einer „klinisch-psychologischen Behandlung“ durch Psychologen die Rede. Allerdings wird nicht definiert, worin sich diese von einer Psychotherapie oder einer Behandlung durch Fachärzte für Psychiatrie und psychotherapeutische Medizin unterscheidet; zudem existiere dieser Begriff bisher nicht und stelle daher ein verwirrendes neues Behandlungsangebot ohne Qualitätssicherung und Wirksamkeitsnachweise dar. Die Kritiker fordern daher eine klare Unterscheidung zwischen klinisch-psychologischer Behandlung und Psychotherapie. Das neue Gesetz trage außerdem zur ohnehin großen Begriffsverwirrung im Hinblick auf die Berufsbezeichnungen „Psychologe“, „Psychotherapeut“ und „Psychiater“ bei. Bemängelt wird darüber hinaus, dass eng verwandte Berufsgruppen nicht genügend in die Gesetzesnovellierung einbezogen worden seien.

Weitgehend Missverständnisse

Die Befürworter halten dagegen, dass es sich weitgehend um Missverständnisse und Fehlinterpretationen handele. Vertreter des Ge­sund­heits­mi­nis­teriums und des Berufsverbands Österreichischer Psychologen betonen, dass bestehende Regelungen kaum geändert, sondern nur ausformuliert wurden, etwa solche, die die Tätigkeitsbilder oder Diagnosemöglichkeiten betreffen. Psychologen sei die Diagnose psychischer Störungen schon seit 1991 erlaubt. Am Recht von Psychiatern und Psychotherapeuten zur Diagnosestellung ändere dies nichts. Es gebe auch sonst keine Eingriffe in die Tätigkeit von Psychiatern oder Psychotherapeuten, denn diese seien im Ärzte- und Psychotherapeutengesetz geregelt. Darüber hinaus sei der Begriff der „klinisch-psychologischen“ Behandlung schon im alten Gesetz aufgeführt gewesen, aber bisher habe niemand daran Anstoß genommen. Die klinische-psychologische Behandlung, die die Therapie psychischer Phänomene somatischer Erkrankungen sowie psychischer Störungen und Leidenszustände umfasse, werde seit vielen Jahren von klinischen Psychologen und Gesundheitspsychologen durchgeführt und von den Krankenkassen anerkannt und bezahlt. Insofern werde der bisherige Befugnisumfang im Bereich der klinisch-psychologischen Behandlung nicht verändert und der bisherige Tätigkeitsumfang von Psychotherapeuten und Ärzten in keiner Weise berührt. Darüber hinaus fänden seit mehr als zehn Jahren Treffen und Veranstaltungen mit Vertretern der Berufsverbände von Psychologen, Psychotherapeuten und Psychiatern statt, daher sei der Vorwurf, die eng verwandten Berufsgruppen seien nicht einbezogen worden, ungerechtfertigt.

Der heftige Streit um die Gesetzesnovellierung zieht sich nun schon seit Wochen hin. Um die Wogen zu glätten, treffen sich Politiker und Berufsverbände zurzeit am runden Tisch. Die Befürworter wollen die Kritik und Einwände ernst nehmen und für eine korrekte Interpretation des Gesetzesentwurfs werben. So sei zum Beispiel die Sorge, dass künftig ausschließlich Psychologen klinische Diagnosen stellen dürften, unbegründet. Im Grunde wolle man nur den Status quo festschreiben und die Bereiche, die bisher in einem Gesetz geregelt gewesen seien, in zwei Gesetze trennen. Kompetenzen von Berufsgruppen sollen auf keinen Fall beschnitten werden. „Es soll so bleiben wie bisher, aber jetzt sind einige Passagen noch relativ ungeschickt formuliert“, meint die Gesundheitssprecherin der SPÖ, Sabine Oberhauser. Vertreter der Kritiker wie der Gesundheitssprecher der Grünen, Kurt Grünewald, erhoffen sich hingegen, dass die Bundesregierung noch eine gründlichere Beratung ermöglicht, bevor das Gesetz endgültig beschlossen wird.

Dr. phil. Marion Sonnenmoser

1.
www.psychologen.at/contents/278
2.
www.springermedizin.at/apa-artikel/?full=35181
3.
http://kurier.at/politik/inland/gesundheits politik-strengere-regeln-fuer-15–000-psychologen/13.939.867
4.
www.boep.or.at/Novelle-des-Psychologenge.243.0.html
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