ArchivDeutsches Ärzteblatt PP8/2013Pathologische Religiosität: Zwangserkrankung im religiösen Kontext

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Pathologische Religiosität: Zwangserkrankung im religiösen Kontext

PP 12, Ausgabe August 2013, Seite 358

Sonnenmoser, Marion

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Das Skrupel-Syndrom geht mit der ständigen Angst einher, moralisch falsch zu handeln. Skrupelbehaftete, pathologische Religiosität unterscheidet sich von normaler vor allem durch übertriebene religiöse Denkweisen und Handlungen.

Zwangserkrankungen haben viele Ausprägungen. Eine relativ häufig anzutreffende, aber kaum untersuchte Ausprägung ist das Skrupel-Syndrom. Charakteristisch dafür sind Zweifel, Unsicherheit und Zwiespalt im Hinblick auf religiös-moralisches Denken und Handeln. Das Syndrom geht mit der ständigen Angst, moralisch falsch zu handeln und mit zwanghaftem Zweifeln am eigenen moralischen Handeln einher. Die Betroffenen befürchten, sich durch das Ausführen oder Unterlassen bestimmter Handlungen zu versündigen und religiös-moralische Vorschriften zu verletzen, also zum Beispiel Blasphemie zu begehen, Schuld auf sich zu laden, die Kontrolle zu verlieren oder in die Hölle zu kommen. Sie leiden unter Scham- und Schuldgefühlen, gehen oft zum Beichten, unterziehen sich reinigenden Ritualen, bezichtigen sich der Sünde, bestrafen sich selbst und meiden Situationen, in denen das Risiko hoch ist, in einen moralischen Zwiespalt zu geraten. Darüber hinaus beten sie exzessiv und wiederholen Sätze und Passagen aus heiligen Schriften.

Das Skrupel-Syndrom kommt in allen Religionen vor. Schätzungen gehen davon aus, dass etwa zehn bis 33 Prozent der Christen und 40 bis 60 Prozent der Angehörigen anderer Religionen (etwa Muslime und Juden) ein- oder mehrmals im Leben unter religiösen, zwanghaften Skrupeln leiden. Als Ursache wird ein Zusammenwirken von genetischen und sozialen Faktoren angenommen, wobei eine strenge religiöse Erziehung gepaart mit der Vorstellung von einem allwissenden, strafenden Gott hervorzuheben ist.

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Skrupelbehaftete, pathologische Religiosität unterscheidet sich von normaler Religiosität vor allem darin, dass religiöse Denkweisen und Handlungen, die in einer Glaubensrichtung üblich und verbreitet sind, übertrieben oder sehr einseitig betrieben werden. Es kommt auch vor, dass sich die Betroffenen gewisse religiöse Rituale oder Vorschriften selbst ausdenken, ohne zu prüfen, ob diese mit ihrer Glaubensrichtung übereinstimmen. Dies kann zur Folge haben, dass sie aus religiösen Gründen Verhaltensweisen zeigen, die von ihrer Glaubensrichtung nicht toleriert werden. In ihrem Streben nach Perfektionismus versuchen sie, „Musterschüler“ zu sein, die noch disziplinierter und konsequenter gegenüber sich selbst sind und weitaus höhere Ansprüche an sich stellen, als es ihre Glaubensrichtung tut. Allerdings ist dies meistens mit einem hohen Zeitaufwand sowie mit rigiden Vorschriften und Pflichten verbunden, so dass die persönliche Freiheit der Betroffenen massiv eingeschränkt wird.

Obwohl es so scheint, als wären die Betroffenen mit der Art ihrer Religionsausübung zufrieden, weil sie „alles richtig und besonders gut“ machten, ist oft das Gegenteil der Fall. Psychologen um Jedidiah Siev von der Nova Southeastern University (USA) fanden durch eine Internetbefragung von 72 Betroffenen heraus, dass die religiösen Rituale und Zwänge kaum dabei halfen, den Glauben zu leben, sondern dies sowie die Eingliederung in eine religiöse Gemeinschaft erschwerten. „Die religiösen Skrupel waren bei einem eher negativen Gottesbild besonders stark ausgeprägt“, berichten die Wissenschaftler.

Die Behandlung des Skrupel-Syndroms erfolgt durch Konfrontation (Exposure) und Reaktionsverhinderung. Sie kann durch kognitive Restrukturierung, Entspannungsverfahren und SSRIs unterstützt werden. Zur Konfrontation, die in sensu und in vivo erfolgen kann, können konkrete, angstauslösende Gedanken und Situationen herangezogen werden, die der Patient zuvor benennt. Der Patient setzt sich ihnen so lange aus, bis eine Gewöhnung erfolgt und er die Folgen der gefürchteten Handlungen realistisch einschätzen kann. Um die Reaktionsverhinderung durchzuführen, müssen zunächst die individuellen, ritualisierten Reaktionen des Patienten ermittelt werden wie zum Beispiel kontinuierliche Selbstbeschuldigungen oder extremes Beten. Der Patient wird darin unterwiesen, mit der Zeit nicht mehr in diese automatisierten Verhaltensmuster zu verfallen, sondern stattdessen weniger schädliche, konstruktive Ersatzhandlungen durchzuführen oder sich abzulenken. „In speziellen Fällen wie dem des Gebets ist jedoch zu berücksichtigen, dass es nicht gänzlich verhindert werden darf, weil es einen Patienten auch stabilisieren kann“, sagen die Psychologen Brett Deacon und Elizabeth Nelson von der University of Wyoming (USA). Daher ist mit dem Patienten abzuklären, in welchem inneren Zustand das Beten eher schadet oder nützt und welches Ausmaß normal ist. Ist der Patient zum Beispiel ängstlich und innerlich angespannt, dann ist extremes Beten eher dysfunktional; ist er hingegen entspannt und zuversichtlich, dann kann Beten im üblichen Umfang einen positiven Einfluss haben. Trotz dieser Vorgabe bleibt es schwierig, eine sinnvolle Balance zwischen der therapeutischen notwendigen Extinktion eines unerwünschten Verhaltens und seiner teilweisen Beibehaltung zu finden.

Insgesamt ist von einer langwierigen Behandlung und geringen Therapieerfolgen auszugehen. Die Wirksamkeit der Behandlung kann jedoch durch die Einbindung von Geistlichen, Familienmitgliedern oder Personen aus der religiösen Glaubensgemeinschaft der Betroffenen erhöht werden. Diese Personen können zum Beispiel klarstellen, welche Vorstellungen und Verhaltensweisen von der Glaubensrichtung erwünscht sind oder toleriert werden und welche nicht, und sie können die Betroffenen während und nach der Behandlung dabei unterstützen, die erlernten psychotherapeutischen Techniken anzuwenden.

Dr. phil. Marion Sonnenmoser

1.
Dacon B: On the nature and treatment of scrupulosity. Pragmatic Case Studies in Psychotherapy 2008; 4(2): 39–53.
2.
Huppert J: Treating scrupulosity in religious individuals using cognitive-behavioral therapy. Cognitive and Behavioral Practice 2010; 17(4): 382–92.
3.
Miller C, Hedges D: Scrupulosity disorder. Journal of Anxiety Disorders 2008; 22(6): 1042–58.
4.
Siev J, Baer L, Minichiello W: Obsessive-compulsive disorder with predominantly scrupulous symptoms. Journal of Clinical Psychology 2012; 67(12): 1188–96.
5.
Utsch M: Pathologische Religiosität. Stuttgart: Kohlhammer 2012.
1.Dacon B: On the nature and treatment of scrupulosity. Pragmatic Case Studies in Psychotherapy 2008; 4(2): 39–53.
2.Huppert J: Treating scrupulosity in religious individuals using cognitive-behavioral therapy. Cognitive and Behavioral Practice 2010; 17(4): 382–92.
3.Miller C, Hedges D: Scrupulosity disorder. Journal of Anxiety Disorders 2008; 22(6): 1042–58.
4.Siev J, Baer L, Minichiello W: Obsessive-compulsive disorder with predominantly scrupulous symptoms. Journal of Clinical Psychology 2012; 67(12): 1188–96.
5.Utsch M: Pathologische Religiosität. Stuttgart: Kohlhammer 2012.

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