ArchivDeutsches Ärzteblatt PP8/2013Armut in Deutschland: Quälende Stufen der Scham

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Armut in Deutschland: Quälende Stufen der Scham

PP 12, Ausgabe August 2013, Seite 376

Moser, Tilmann

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„Trotz der zentralen Bedeutung für die Betroffenen bleibt Scham bei Armutsbeobachtern bislang seltsam unerwähnt. Armuts- und Reichtumsberichte zeigen Zahlen, Gefühle werden darin nicht thematisiert . . .“ Dem möchte der Soziologe und Feldforscher Stefan Selke abhelfen. Es geht ihm „um die Gedankenwelt und Lebenswirklichkeit derjenigen Menschen, die arm sind inmitten unseres gemeinsamen Wohlstands“. Dafür ist er kreuz und quer durch Deutschland gereist, besuchte Dutzende der inzwischen mehr als 1 000 „Tafeln“, an denen Bedürftige „gespeist oder abgespeist“ werden, und sprach mit Hunderten von Menschen, die sich zum Teil verstohlen diesen Orten nähern, weil eine oft überwältigende Scham sie hindert, sich offen zu ihrem Zustand der vorübergehenden, meist aber als Dauerzustand erlebten Armut zu bekennen.

Selke untersucht die quälenden Stufen der Scham, mit der die Betroffenen versuchen, sich mit ihrer neuen Identität vertraut zu machen. Sehr oft liegen der sozialen Verwandlung Schicksalsschläge zugrunde, etwa Arbeitsplatzverlust, Krankheit, Behinderung, erzwungener Wohnungsverlust und Scheidung, die zu Angst, Scham, Ausgrenzung und Not führen. Selke hörte in vielen Variationen den Satz: „Die Angst, von anderen erkannt zu werden, ist bloß eine Form unserer Scham. Wir alle leiden unter der Angst, jemand könnte uns sehen, der noch ein gutes Bild von uns hat.“ Das führt zur Anstrengung der Verheimlichung, des Rückzugs, aber auch des Verlusts vieler Chancen gesellschaftlicher Teilhabe.

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In der Psychotherapie ist seit Léon Wurmsers bahnbrechendem Buch über Scham dieses Gefühl ein wichtiges Thema geworden, aktualisiert von maßgeblichen Büchern von Micha Hilgers und Jens K. Tiedemann. Es reicht von der „Urscham“ der unerwünschten Geburt über die vielen Demütigungen bis zum Mobbing. Die Prozesse ihrer Milderung sind langwierig und erfordern viel Geduld. Deshalb ist es wichtig, dass Therapeuten auch die soziologische Dimension in so anschaulicher Weise erfahren, selbst wenn Angehörige des „Prekariats“ wohl schwerer den Weg in die Praxen finden als vorgebildete Angehörige der Mittelschicht. Aber wenn sie doch auftauchen, ist es wichtig über sie zu wissen: „Auch wir leben mitten in diesem Wohlstandsland. Aber vom Wohlstand haben wir nur etwas als Empfänger von Almosen. Deswegen ist Scham der Preis für unsere Existenz. Im Schamland machen wir alle, jeder für sich, ähnliche Erfahrungen. Still und verschwiegen, dankbar und demütig zugleich.“ Tilmann Moser

Stefan Selke: Schamland. Die Armut mitten unter uns. Econ, Berlin 2013, 288 Seiten, gebunden, 18 Euro

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