ArchivDeutsches Ärzteblatt PP8/2013Jugendgewalt: Analyse von Tötungs- und Gewaltdelikten

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Jugendgewalt: Analyse von Tötungs- und Gewaltdelikten

PP 12, Ausgabe August 2013, Seite 375

Schepker, Renate

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Der renommierte Autor für Jugendpsychiatrie konkretisiert in diesem kompakten Werk die Thematik der schweren Jugendgewalt – ohne zu skandalisieren. Die interdisziplinäre Literaturübersicht zu Beginn zeigt: Die Gewaltdelinquenz Jugendlicher nimmt nicht zu und zeigt kein erhöhtes einschlägiges Rückfallrisiko. Anhand von Psychopathologie, Sozialfaktoren, (Neuro-)Biologie und situativen Faktoren wird die Interaktion komplexer Bedingungsfaktoren jugendlichen Gewaltverhaltens abgeleitet. Wohltuend sachlich schildert die Kriminologin Britta Bannenberg mit Hilfe von Aktenanalysen Mehrfachtötungen/Amokläufe sowie deren Genese mit „stillen Auffälligkeiten“ und Suizidalität.

Kern des Buchs ist der empirische Forschungsteil zu 114 in Marburg begutachteten jungen Gewalttätern mit systematischer Darstellung nach Gender, Tatvorwurf, Täter-Täter- und Täter-Opfer-Konstellation sowie Befunden und gutachterlichen Empfehlungen. Neben Einblicken in die Begutachtung werden alle ergangenen Urteile mitgeteilt, unter anderem 21 Unterbringungen im Maßregelvollzug. Die Grenzen prognostischer Aussagen werden ebenso deutlich wie die Bedeutung von protektiven und sozialen Faktoren für die kleine Gruppe kontinuierlicher Delikte. Häufig polizeilich registrierte Täter wiesen deutlich mehr Hyperaktivität, Aggressivität, Substanzmissbrauch und Leistungsdefizite auf. Nicht überraschend zeigen Einmaltäter von schwersten Straftaten die geringsten Auffälligkeiten und haben die beste Prognose. Erhellende Fallbeispiele wie zu Gruppendelikten und zu den Beweggründen der Gerichte, lange Strafen zu verhängen, gehen über den üblichen Erfahrungsbereich des Jugendpsychiaters hinaus und vertiefen das Verständnis.

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Die eingebundenen Ergebnisse der Marburger Langzeitkatamnese (sechs bis 22 Jahre) an 34 von 60 Tätern aus dieser Gruppe mit persönlicher Untersuchung zeigen trotz psychiatrischer Risiken (26 Prozent Schuldminderung/-unfähigkeit) nur 14 Prozent einschlägige Rückfälligkeit. Später gelang meist eine gute Integration, trotz Verschuldung oder sozialer Ausgrenzung, begünstigt durch tragfähige Beziehungen. Die Neigung zur Aggressivität war langfristig eher niedrig, die Taten regelhaft unverarbeitet, psychiatrische Auffälligkeiten überwiegend vorhanden. Schlussfolgerungen für die Prävention und Intervention begründen therapeutische Erfordernisse im Jugendstrafvollzug.

Dem Buch gebührt der Verdienst, Forschung für den Praktiker lesbar und nachvollziehbar zu machen. So bietet es sowohl dem forensisch Erfahrenen als auch dem Laien viele neue Aspekte auf dem aktuellen wissenschaftlichen Stand. Die Informationen sind umfassend und schützen vor populistischen Vereinfachungen. Renate Schepker

Helmut Remschmidt (Hrsg.): Tötungs- und Gewaltdelikte junger Menschen. Ursachen, Begutachtung, Prognose. Springer, Berlin, Heidelberg 2012, 462 Seiten, gebunden, 59,95 Euro

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