ArchivDeutsches Ärzteblatt33-34/2013Nichtsteroidale Antiphlogistika: Erhöhtes Herzinfarktrisiko bei Langzeitanwendung

MEDIZINREPORT: Studien im Fokus

Nichtsteroidale Antiphlogistika: Erhöhtes Herzinfarktrisiko bei Langzeitanwendung

Dtsch Arztebl 2013; 110(33-34): A-1563 / B-1378 / C-1361

Meyer, Rüdiger

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Die gastrointestinalen und vaskulären Nebenwirkungen von nichtsteroidalen Antiphlogistika (NSAID) wurden in einer Metaanalyse von 639 randomisierten klinischen Studien mit 353 389 Teilnehmern neu untersucht. In den Studien wurden Coxibe vs. Placebo oder vs. NSAID (inklusive Ibuprofen, Diclofenac und Naproxen) untersucht, aber auch verschiedene NSAID untereinander und Coxibe im Vergleich.

Die Rate schwerwiegender vaskulärer Ereignisse (nichttödliche Herzinfarkte oder Schlaganfälle oder kardiovaskulär verursachter Tod) war bei Coxiben um 37 % erhöht (Hazard Ratio [HR] 1,37; 95-%-Konfidenzintervall [KI] 1,14– 1,66; p = 0,0009) und bei Diclofenac um 41 % (HR 1,41; 95-%-KI 1,12–1,78, p = 0,0036). Das Risiko für schwere koronare Ereignisse (nichttödlicher Myokardinfarkt oder Herztod) war unter Ibuprofen um das Doppelte erhöht (HR 2,22; 95-%-KI 1,10–4,48; p = 0,0253). Ausnahme war Naproxen (HR 0,93; 95-%-KI 0,69–1,27; p = 0,0187). Es könnte möglicherweise eine ähnlich protektive Wirkung haben wie ASS und war das einzige untersuchte NSAID, für das keine signifikant erhöhte Rate von vaskulären Todesfällen gefunden wurde. Die Substanz erhöht jedoch, wie alle anderen NSAID, das Risiko für Herzinsuffizienz. Außerdem erwies sich Naproxen bei den gastrointestinalen Komplikationen, darunter die gefürchteten Blutungen, als das riskanteste NSAID.

Den Autoren zufolge kommen auf 1 000 Patienten mit einem mittleren kardialen Ausgangsrisiko, die ein Jahr lang mit einem hochdosierten NSAID (außer Naproxen) behandelt wurden, drei schwere kardiovaskuläre Ereignisse, eines davon tödlich. Auf 1 000 Patienten mit mittlerem Ausgangsrisiko für gastrointestinale Komplikationen kommt es während eines Jahres – je nach NSAID – zu 4 bis 16 gastrointestinalen Komplikationen, die meisten unter Naproxen. Bei mittlerem Ausgangsrisiko liegt die Zehnjahreswahrscheinlichkeit für kardiovaskuläre oder gastrointestinale Komplikationen bei 4–19 %.

Absolute jährliche Ereignis- und Komplikationsrate bei der Einnahme von Coxiben
Absolute jährliche Ereignis- und Komplikationsrate bei der Einnahme von Coxiben
Grafik
Absolute jährliche Ereignis- und Komplikationsrate bei der Einnahme von Coxiben

Fazit: „Die Ergebnisse dieser umfangreichen, akribischen und vom Ansatz her überzeugenden Analyse sind als endgültig ansehen, denn bald sind alle NSAID patentfrei und damit für eine industriegeförderte Forschung nicht mehr attraktiv“, kommentiert Prof. em. Dr. med. Kay Brune vom Institut für Experimentelle und Klinische Pharmakologie der Universität Erlangen. Die Studie erlaube einige wichtige Schlüsse: „Eine Erhöhung des Schlaganfallrisikos ist für keinen der Zyklooxygenasehemmer nachweisbar, vorausgesetzt, der Blutdruck ist im Normbereich. Alle erhöhen das Risiko von Magen-Darm-Blutungen und -Perforationen, am stärksten Ibuprofen und Naproxen, am wenigsten Diclofenac und Coxibe. Mit einer Ausnahme, nämlich hochdosiertes Naproxen (≥ 1 g/Tag), erhöhen alle NSAID das Herzinfarktrisiko, aber auch Naproxen fördert, wie alle anderen Medikamente der Substanzklasse, das Auftreten von Herzinsuffizienz“, resümiert Brune. „Als Wirkstoffklasse werden die NSAID weiterhin an der Spitze der Verordnungen rangieren.“ Sichere, wirksame Alternativen seien nicht in Sicht. „Es bleibt also nur, für jeden Patienten die beste Substanz zu finden und sie bedarfsorientiert dosiert anzuwenden.“ Rüdiger Meyer

Coxib and traditional NSAID Trialists’ Collaboration: Vascular and upper gastrointestinal effects of non-steroidal anti-inflammatory drugs: meta-analyses of individual participant data from randomised trials. Lancet 2013; e-pub before print: http://dx.doi.org/10.1016/S0140–6736(13)60900–9

Absolute jährliche Ereignis- und Komplikationsrate bei der Einnahme von Coxiben
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Absolute jährliche Ereignis- und Komplikationsrate bei der Einnahme von Coxiben

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