ArchivDeutsches Ärzteblatt33-34/2013Börsebius: Gerettet wofür?

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Börsebius: Gerettet wofür?

Dtsch Arztebl 2013; 110(33-34): A-1578 / B-1390 / C-1374

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So, so. Solarworld ist also gerettet. Ich lese gerade die Pressemeldung, dass der Bonner Energiekonzern auf einer außerordentlichen Haupt­ver­samm­lung die „bilanzielle Restrukturierung“ mit 99,1 Prozent Zustimmung beschlossen hat. Die Gläubiger der beiden Schuldverschreibungen hatten ja bereits Anfang August den Weg für eine Gesundung der Solarworld AG frei gemacht und dabei rund auf die Hälfte ihres Geldes verzichtet. Für die Aktionäre kam es dagegen viel dicker, denn mit einem Verlust von 95 Prozent bleibt nach dem jetzt beschlossenen Kapitalschnitt vom ursprünglichen Investment nur ein trauriger Kleckerbetrag übrig

Seit Monaten erhitzte der einstige Star unter den börsennotierten Solarwerten die Gemüter mit der Frage, ob das Unternehmen noch gerettet werden könne. Doch was passierte just auf der Haupt­ver­samm­lung? Es war – für die schiere Größe des Unternehmens erstaunlich – kaum einer da. Die Präsenz wurde mit 31 Prozent ermittelt. Alleine der Großaktionär und Vorstandschef Frank Asbeck brachte davon 28 Prozent bei, das heißt, es waren gerade mal lächerliche drei Prozent Streubesitz anwesend. Das ist insoweit sehr erstaunlich, galten doch gerade Solarworld-Aktionäre als treue Seelen und emotional mit ihrem Unternehmen sehr verflochten. Offenbar ist die Liebe nunmehr erloschen, allerdings ist das bei den horrenden erlittenen Verlusten auch kein Wunder.

Formal war mit der geringen Teilnahmequote aber auch klar, dass die vorgeschlagenen Kapitalmaßnahmen durchgehen und das Unternehmen damit auf den ersten Blick auch gerettet ist. Doch sicher ist das noch lange nicht. Die Spezies der Berufskläger war nämlich auf der Haupt­ver­samm­lung in gehöriger Zahl vertreten, und diese gaben mehrere Widersprüche zu Protokoll, um damit später auf dem Wege einer Klage die Beschlüsse der Haupt­ver­samm­lung anzugreifen. Letztlich habe ich aber den Eindruck, dass es den meisten aus dieser Truppe eher darum geht, auf dem Vergleichswege Kohle zu scheffeln. Das bleibt abzuwarten.

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Aber selbst wenn am Ende die Beschlüsse alle rechtens sind, bleibt immer noch die große Frage, ob Solarworld wirklich gerettet ist. Gerettet wofür? Klar ist schon, dass das Bonner Unternehmen einen Großteil seiner Schulden los ist und überdies frisches Kapital bekommt. Aber wenn ein Unternehmen nicht kostendeckend arbeitet, nützt alle Bilanzkosmetik und Schuldenreduktion herzlich wenig. Das Geschäftsmodell von Solarworld – die gesamte Wertschöpfungskette aus einer Hand anzubieten – ist einfach falsch und veraltet. Daimler etwa produziert Hinterachsen auch nicht selbst und lebt trotzdem ganz gut.

Auch wenn ein Investor aus dem Scheichtum Qatar als neuer Anteilseigner einsteigt, ein Kaufsignal ist das noch lange nicht. Wer glaubt, jetzt neue Solarworld-Aktien erwerben zu müssen, könnte bald im Finstern stehen.

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