ArchivDeutsches Ärzteblatt33-34/2013Neurochirurgie: Prognose heute besser abschätzbar

MEDIZINREPORT

Neurochirurgie: Prognose heute besser abschätzbar

Dtsch Arztebl 2013; 110(33-34): A-1561 / B-1376 / C-1359

Vetter, Christine

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS
Tumormarkierung während der Operation: Unter normalem Licht ist das Tumorgewebe nur schwer, unter blauem Licht hingegen präzise erkennbar. Fotos: Stummer, Klinik für Neurochirurgie am Universitätsklinikum Münster
Tumormarkierung während der Operation: Unter normalem Licht ist das Tumorgewebe nur schwer, unter blauem Licht hingegen präzise erkennbar. Fotos: Stummer, Klinik für Neurochirurgie am Universitätsklinikum Münster

Differenzierte Behandlungskonzepte erhöhen heute die Erfolgschancen neurochirurgischer Eingriffe bei Hirnaneurysmen, Hirntumoren und -metastasen.

Anders als lange angenommen, wachsen auch Hirnmetastasen nicht lokal begrenzt, sondern weisen eine Infiltrationszone von mehreren Millimetern über die in der Bildgebung zu erkennende Tumorgröße hinaus auf. „Das ist bei der Operation zu berücksichtigen, denn sie sind die Quelle für Rezidive“, betonte Prof. Dr. med. Gabriele Schackert, Universitätsklinikum Dresden, bei der Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Neurochirurgie (DGNC) in Düsseldorf. Deshalb versuche man heute, Hirnmetastasen mit einem Sicherheitsabstand von fünf Millimetern zu resezieren – wenn nicht funktionelle Areale wie das Sprachzentrum dadurch gefährdet würden.

Fluoreszenzgesteuerte Resektion von Hirntumoren

Das radikalere Vorgehen biete Vorteile: „Wir gehen davon aus, dass sich dadurch die Rezidivrate senken lässt und vielen Patienten eine anschließende Ganzhirnbestrahlung erspart werden kann“, sagte die DGNC-Vorsitzende. Damit entfalle das mit der Radiatio verbundene Risiko des langfristigen demenziellen Abbaus, wovon vor allem Langzeitüberlebende profitieren dürften.

Dass diese Hoffnungen realistisch sind, dokumentiert eine Studie aus Südkorea mit 94 Patienten, bei denen singuläre Hirnmetastasen mit einem Sicherheitsabstand von fünf Millimetern entfernt wurden. Es zeigte sich auch ohne nachgeschaltete Radiotherapie ein deutlich vermindertes Rezidivrisiko. Die Ergebnisse müssen noch in weiteren Studien bestätigt werden, sind Schackert zufolge aber vielversprechend.

Auch bei der Resektion primärer Hirntumoren gibt es nach Angaben von Prof. Dr. med. Walter Stummer vom Universitätsklinikum Münster Fortschritte. Die Operation erfolge zunehmend fluoreszenzgesteuert, was eine radikalere Resektion ermöglicht. Denn die Verabreichung des Farbstoffs 5-Aminolävulinsäure, der sich im Tumor aufgrund des höheren Zellstoffwechsels anreichert, lässt das kanzerogene Gewebe unter Fluoreszenzlicht rot leuchten. „Wir können so die Begrenzung des
Tumors sehr viel besser erkennen und das Tumorgewebe entsprechend entfernen“, erklärte Stummer.

Bessere OP-Ergebnisse seien zudem durch intraoperative Untersuchungen mittels Magnetresonanztomographie (MRT) sowie durch Wachkraniotomie zu erzielen. Hierbei werde der Patient während des Eingriffs aus der Narkose erweckt, um bestimmte Aufgaben (Rechnen) zu erfüllen. Die intraoperative funktionelle Prüfung erlaube oft eine radikalere Resektion, ohne das Sehfeld oder andere wichtige Strukturen zu beeinträchtigen. Die neuen Konzepte spiegeln sich laut Stummer in deutlich verbesserten Überlebensraten der Patienten mit Gliom wider und betragen bei Grad IV etwa drei Jahre, bei Grad II sogar mehr als zehn Jahre.

Durch die weite Verbreitung der bildgebenden Verfahren werden immer mehr Hirnaneurysmen als Zufallsbefunde entdeckt. Entsprechende Gefäßveränderungen findet man bei drei Prozent der Erwachsenen, wobei jährlich circa 10 000 Hirnblutungen durch eine Aneurysmaruptur auftreten, 50 Prozent davon mit letalem Ausgang. Noch aber ist Prof. Dr. med. Hans-Jakob Steiger, Universitätsklinikum Düsseldorf, zufolge kaum abzuschätzen, welcher Aneurysmapatient gefährdet ist und wann eine vorsorgliche Operation oder Katheterbehandlung notwendig ist. Die Ärzte waren bisher auf vage Hinweise wie Größe, Form und Lage der Gefäßfehlbildung angewiesen.

Hirnaneurysmen: Rupturrisiko besser abschätzen

Eine amerikanische Pilotstudie deutet nunmehr an, dass eine rasche Anreicherung des Kontrastmittels Ferumoxytol eine erhöhte Rupturgefahr im MRT anzeigt. In der Studie wurde 30 Patienten mit zufällig entdecktem Hirnaneurysma Ferumoxytol verabreicht (Stroke 2012; 43[12]: 3258–65). Bei einer Kontrolle 24 Stunden später wurde geprüft, ob sich der kolloidale Eisen-Kohlenhydrat-Komplex in der Gefäßwand angereichert hat. Bei sieben Patienten war dies der Fall, vier von ihnen wurden operiert, die übrigen drei weiter beobachtet. „Alle nichtoperierten Patienten entwickelten innerhalb von sechs Monaten eine Hirnblutung“, berichtete Steiger.

In der Patientengruppe, die das Kontrastmittel nur langsam im Verlauf von drei Tagen anreicherte, wurde ebenfalls jeder zweite operiert, die übrigen engmaschig überwacht. Keiner dieser Patienten erlitt in den folgenden sechs Monaten eine Aneurysmaruptur. Monozentrische Studien sollen das Ergebnis dieser Pilotstudie nun verifizieren.

Christine Vetter

Tumormarkierung während der Operation: Unter normalem Licht ist das Tumorgewebe nur schwer, unter blauem Licht hingegen präzise erkennbar. Fotos: Stummer, Klinik für Neurochirurgie am Universitätsklinikum Münster
Tumormarkierung während der Operation: Unter normalem Licht ist das Tumorgewebe nur schwer, unter blauem Licht hingegen präzise erkennbar. Fotos: Stummer, Klinik für Neurochirurgie am Universitätsklinikum Münster
Grafik
Tumormarkierung während der Operation: Unter normalem Licht ist das Tumorgewebe nur schwer, unter blauem Licht hingegen präzise erkennbar. Fotos: Stummer, Klinik für Neurochirurgie am Universitätsklinikum Münster

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Deutsches Ärzteblatt plus
zum Thema

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema