ArchivDeutsches Ärzteblatt33-34/2013Reanimation: Weniger Depressionen bei Angehörigen, die zusehen

MEDIZINREPORT: Studien im Fokus

Reanimation: Weniger Depressionen bei Angehörigen, die zusehen

Dtsch Arztebl 2013; 110(33-34): A-1562 / B-1377 / C-1360

Heinzl, Susanne

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Etwa 600 000 Menschen pro Jahr sterben an plötzlichem Herztod. Häufig sind Angehörige beim Ereignis anwesend und rufen den Notarzt. Bei der Reanimation werden sie jedoch oft weggeschickt. In einer prospektiven Studie wurde nun untersucht, ob es für die Angehörigen besser ist, wenn sie zusehen.

15 Rettungsteams wurden beteiligt. Randomisiert boten 8 Teams den Angehörigen von Patienten mit Herzstillstand an, bei der Wiederbelebung anwesend zu sein. Die übrigen Teams führten die Einsätze wie üblich durch: Sie bildeten die Kontrollgruppe. Pro Notfall wurde ein Angehöriger beurteilt. 90 Tage nach dem Ereignis wurden die insgesamt 570 Angehörigen telefonisch mit Hilfe strukturierter Bogen befragt. Primärer Endpunkt war der Anteil der Angehörigen mit posttraumatischen Belastungsstörungen (PTBS) an Tag 90. Zu den sekundären Endpunkten gehörten Angst und Depression und der Einfluss der Anwesenheit der Familienmitglieder auf die medizinische Versorgung und Rettungsteams.

In der Interventionsgruppe waren 211 von 266 (79 %), in der Kontrollgruppe 131 von 304 Angehörigen (43 %) bei Wiederbelebungsmaßnahmen dabei. PTBS waren in der Kontrollgruppe signifikant häufiger als in der Interventionsgruppe (adjustierte Odds Ratio [OR] 1,7; p = 0,004) und bei Angehörigen, die die Wiederbelebungsmaßnahmen nicht sahen, im Vergleich zu den Angehörigen, die sie direkt verfolgten (adjustierte OR 1,6; p = 0,02). Zeugen der Reanimation entwickelten seltener Angst und Depression. Die Anwesenheit der Angehörigen hatte keinen Einfluss auf die Wiederbelebungsmaßnahmen, auf das Patientenüberleben oder den Stress des Rettungsteams. Möglicherweise vermittelt die Anwesenheit beim Reanimationsversuch Angehörigen im Todesfall das Gefühl, dass alles Mögliche getan wurde, um den Kranken zu retten.

Fazit: Angehörige, die bei einem nicht erfolgreichen Reanimationsversuch anwesend waren, leiden später seltener unter PTBS, unter Angst und Depression. Der Stress für das Rettungsteam erhöht sich durch die Anwesenheit nicht. „Die Ergebnisse sind sehr erfreulich“, kommentiert Prof. Dr. med. Bernd W. Böttiger, Direktor der Klinik für Anästhesiologie und Operative Intensivmedizin an der Universitätsklinik Köln. „Die Studie bestätigt unsere bisherigen Vermutungen und eine entsprechende vorsichtige Empfehlung in internationalen Leitlinien.“ Eine weitere interessante Fragestellung wäre nach Meinung von Böttiger, ob die aktive Teilnahme von Angehörigen an der Reanimation einen noch stärkeren positiven Effekt auf die psychische Belastung der Angehörigen habe. Schließlich erhöhe der Beginn von Reanimationsmaßnahmen durch Angehörige die Überlebensrate um das Zwei- bis Dreifache.

Dr. rer. nat. Susanne Heinzl

Jabre P, Belpomme V, Azoulay E, Jacob L, et al.: Family presence during cardiopulmonary resuscitation. NEJM 2013; 368: 1008–18.

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