ArchivDeutsches Ärzteblatt33-34/2013Abschaffung der Praxisgebühr: Patientenverhalten kaum verändert

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Abschaffung der Praxisgebühr: Patientenverhalten kaum verändert

Dtsch Arztebl 2013; 110(33-34): A-1542 / B-1360 / C-1344

Ollenschläger, Philipp

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Seit Januar 2013 müssen Kassenpatienten keine Praxisgebühr mehr bezahlen. Zu einer höheren Inanspruchnahme von Fachärzten hat das bisher nicht geführt.

Foto: dpa
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Die Praxisgebühr gehört seit Beginn dieses Jahres der Vergangenheit an. Deren Befürworter befürchteten, dass die Abschaffung zu einer deutlichen Steigerung der Inanspruchnahme von Fachärzten führen würde. Um herauszufinden, ob sich das Verhalten der Patienten verändert hat, verglich die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) die Angaben von
13 Kassenärztlichen Vereinigungen (KVen) zu den Behandlungs- und Überweisungsfällen in den Quartalen 1/2012 und 1/2013.

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Entgegen den Erwartungen wurden Fachärzte in den ersten drei Monaten des laufenden Jahres nicht häufiger aufgesucht. Die Inanspruchnahme fachärztlicher Behandlungen ist sogar leicht gesunken – um etwa 0,7 Prozent. „Der Wegfall der Praxisgebühr hat offenbar nicht zu spürbaren Veränderungen im Patientenverhalten geführt. Das haben die ersten Trendzahlen gezeigt“, kommentiert der Vorstandsvorsitzende der KBV, Dr. med. Andreas Köhler, die Ergebnisse der Auswertung.

Mehr Hausarztbesuche

Bei den Hausärzten ist die Zahl der Behandlungsfälle allerdings in fast allen KV-Bereichen gestiegen – durchschnittlich um 4,5 Prozent. Als möglicher Grund für den Anstieg wird in dem Bericht der KBV jedoch nicht die weggefallene Praxisgebühr genannt, sondern die Grippewelle zu Beginn des Jahres. Diese Einschätzung teilen auch die KVen. Das bestätigt zum Beispiel der Sprecher der KV Westfalen-Lippe: „Wir hatten im ersten Quartal 2013 volle Arztpraxen in Westfalen-Lippe. Jedoch vermögen wir nicht zu sagen, dass dies auf den Wegfall der Praxisgebühr zurückzuführen ist. Vermutlich war der Bedarf nach ärztlicher Behandlung in diesem Jahr einfach größer als im Vorjahr.“

Einen signifikanten Rückgang gab es jedoch beim Anteil der Überweisungsfälle sowohl im hausärztlichen als auch im fachärztlichen Bereich. Die Annahme, dass Patienten nach Abschaffung der Praxisgebühr seltener mit einer Überweisung zum Arzt gehen, hat sich bestätigt: Die Zahl der Überweisungen an Fachärzte sank im 1. Quartal 2013 um circa 22 Prozent. Im hausärztlichen Bereich sank die Zahl noch drastischer – dort ging sie um 59 Prozent zurück.

Und wie reagieren die Ärzte selbst? Man habe nach dem Wegfall der Gebühr durchweg positive Rückmeldungen seitens der Mitglieder bekommen, erklärt der Sprecher der KV Baden-Württemberg. Er hält es jedoch für wichtig, Ärzte darauf aufmerksam zu machen, wieder mehr Überweisungen auszustellen, damit die Versorgung gezielter gesteuert wird.

Die Praxisgebühr war 2004 unter der rot-grünen Bundesregierung eingeführt worden. Seinerzeit stimmten jedoch auch die Unionsparteien dem Gesetz zu. Die Gebühr sollte als Steuerungselement zur Eindämmung von Über-, Fehl- und Unterversorgung in Arztpraxen dienen und die gesetzlichen Krankenkassen finanziell entlasten. Ärzte und deren Verbände sahen die Praxisgebühr meist jedoch als bürokratischen Ballast. Früh wurde auch die Steuerungswirkung der Gebühr bezweifelt.

Weniger Bürokratie

Angesichts des üppigen Finanzpolsters der gesetzlichen Krankenkassen – die Rücklagen betrugen Ende 2012 etwa 20 Milliarden Euro – beschlossen Bundestag und Bundesrat im November 2012, die ungeliebte Gebühr abzuschaffen.

„Das Ende der Praxisgebühr ist eine gute Entscheidung. Damit geben wir den Versicherten Geld zurück, das sie hart erarbeitet haben. Ein Finanzpolster der Kassen ist sinnvoll, Milliardenüberschüsse, wie sie zurzeit bestehen, sind jedoch nicht zu rechtfertigen“, sagte Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter Daniel Bahr im Anschluss an die Entscheidung.

Nach Ansicht von Bahr könnten Ärzte durch den Wegfall der Gebühr und dem damit verbundenen administrativen Aufwand wieder mehr Zeit für die Behandlung von Patienten aufwenden.

Diese Meinung teilt auch der Deutsche Hausärzteverband. „Die Abschaffung der Praxisgebühr ist ein richtiger Schritt und entlastet Patienten sowie Ärzte“, erklärte dessen Bundesvorsitzender Ulrich Weigeldt nach der beschlossenen Abschaffung. „Gerade die Hausarztpraxen werden von unnötigem bürokratischem Aufwand befreit.“

Philipp Ollenschläger

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