ArchivDeutsches Ärzteblatt35-36/2013Autologe Zellen: Nicht haltbare Position
Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS

Seit circa 2006 ist die Anwendung der autologen Knochenmarkszelltransplantation zur Induktion des Kollateralarterienwachstums durch die Verfügbarkeit von bettseitig einsetzbaren Zentrifugationssystemen wesentlich vereinfacht worden, weswegen auch die Zahl der so behandelten Patienten in Deutschland stetig zugenommen hat, auf aktuell etwa 200 pro Jahr.

Bisher war die Herstellung von PoC-Knochenmarkszellpräparationen als gerichtete Gewebezubereitung lediglich anzeigepflichtig nach § 67 AMG. Durch die vom PEI vorgeschlagene Einstufung als Arzneimittel für neuartige Therapien (ATMP) und Regulation mit Notwendigkeit einer Herstellungserlaubnis nach §13 AMG (wie zum Beispiel für eine allogene Stammzelltransplantation bei akuter Leukämie), wird die Anwendung dieser Therapie in Deutschland fast unmöglich gemacht, da den Anforderungen für eine solche Herstellungserlaubnis von Krankenhäusern, die keine Universitäts- oder vergleichbaren Klinika sind, kaum zu entsprechen ist.

Anzeige
  • Zur Isolation der weißen Zellfraktion des Knochenmarks werden in Deutschland vor allem PoC-Zentrifugationsmethoden mit geschlossenen Systemen benutzt. Diese Dichtegradientenzentrifugationen zur Herstellung eines Knochenmarkszellkonzentrats sind unstrittig sogenannte nichtsubstantielle Bearbeitungen des Ausgangsgewebes Knochenmark (EG-Verordnung Nr. 1394/2007), so dass aus dieser Art der Zellseparation keine Einstufung als ATMP resultiert, die automatisch zu der Notwendigkeit einer Herstellungserlaubnis führen würde. Das PEI vertritt nun die Auffassung, die Wirkungsweise der dann in die ischämische Region eingebrachten Knochenmarkszellen sei nicht bekannt. Diese Auffassung kann unsererseits nicht nachvollzogen werden. Seit Anfang der 90er Jahre ist eine Vielzahl von Veröffentlichungen (>1 000) erschienen, die die Rolle aus dem Knochenmark stammender weißer Zellen in der Angiogenese und Kollateralarteriengenese untersucht haben. Es bestehen keine Anhaltspunkte dafür, dass die zellulär gesteuerte Kollateralarterienentstehung – sowohl physiologisch als auch therapeutisch durch Zelltransplantation induziert – beim Menschen anders abläuft als bei den zahlreichen Tiermodellen.
  • Die Argumentation des PEI, dass die einzige nachgewiesene Aufgabe des Knochenmarks die hämatopoetische Regeneration sei, ist wissenschaftlich nicht haltbar. Die CD 34+-Stammzellen, die für die hämatopoetische Regeneration zum Beispiel nach myeloablativer Chemotherapie eingesetzt werden, machen lediglich etwa zwei Prozent der weißen Zellfraktion des Knochenmarks aus. CD 34+-Zellen sind zwar essenziell für die hämatopoetische Repopulation, nicht jedoch für die vielen anderen reparativen Funktionen von Knochenmarkszellen. Wenn Zellen aus dem Knochenmark, deren Migration an den Ort der Ischämie insbesondere bei Diabetikern, Rauchern und schwer an Hyperlipidämie Erkrankten gestört ist, an den Ort der gewünschten Kollateralarteriogenese mittels Injektion übertragen werden, ist die Funktion nach Applikation identisch mit der Funktion vor der Entnahme. Somit liegt weder eine substanzielle Bearbeitung noch ein „nicht homologer“ Gebrauch vor.
  • Unstrittig ist die Einordnung von PoC-Knochenmarkszellkonzentrat als Arzneimittel; die Herstellung eines Arzneimittels durch einen Arzt oder Heilpraktiker ist nach den §§ 67, 13 Abs. 2 b AMG anzeigepflichtig. Eine behördliche Erlaubnis nach § 13 Abs. 2 a AMG bzw. eine Genehmigung nach § 20 AMG ist für die Herstellung von Point-of-careKnochenmarkskonzentraten nicht notwendig, da hier die im AMG vorgesehene Ausnahmeregelung nach § 13 Abs. 2 b und § 20 d AMG greift; typischerweise werden nämlich sämtliche im § 20 b und § 20 c AMG genannten Tätigkeiten inklusive der Spendertestung bei der autologen Knochenmarkszelltransplantation durch einen betreuenden Arzt durchgeführt. Auch ein In-Verkehr-Bringen des Knochenmarkszellkonzentrates findet nicht statt.

Es ist von Bundesland zu Bundesland unterschiedlich geregelt, ob die PoC-Knochenmarkstherapie lediglich anzeigepflichtig ist oder einer Herstellungserlaubnis bedarf. Auffallend ist, dass die Aufsichtsbehörden derjenigen Länder, die lediglich die Anzeigepflicht bejahen, sich engagiert in die Materie eingearbeitet haben, einen intensiven fachlichen Austausch mit den Anwendern pflegten und teilweise auch bei Knochenmarkszelltransplantationen bei kritischer Extremitätenischämie anwesend waren und sich somit eine hohe Expertise erarbeitet haben, wohingegen die Pflicht zur Herstellungserlaubnis in Bundesländern gilt, deren Aufsichtsbehörden ungeprüft die Auffassung des PEI übernommen haben. Durch die Anwendung autologen Knochenmarkszellkonzentrats zur Induktion der Arteriogenese bei kritischer Extremitätenischämie konnten in den letzten acht Jahren zahlreiche Ober- und Unterschenkelamputationen in Deutschland verhindert werden. Wir hoffen deshalb, dass das PEI seine medizinisch-wissenschaftlich und juristisch nicht haltbare Position korrigiert, damit auch weiterhin Patienten mit kritischer Extremitätenischämie von dieser sicheren und wirkungsvollen Therapie profitieren können.

Literatur beim Verfasser

Dr. med. Berthold Amann, Leitender Oberarzt, Zentrum für Gefäßmedizin, Asklepios Westklinikum Hamburg, 22559 Hamburg. Elf weitere Unterzeichner

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige