ArchivDeutsches Ärzteblatt35-36/2013Dokumentation von Folterfolgen: Viel hängt vom Gutachter ab

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Dokumentation von Folterfolgen: Viel hängt vom Gutachter ab

Dtsch Arztebl 2013; 110(35-36): A-1625 / B-1429 / C-1413

Gierlichs, Hans-Wolfgang

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Wenn Folterüberlebende in Asylverfahren von entsprechend qualifizierten Ärzten und Psychotherapeuten untersucht werden, kann das viel Leiden ersparen.

Herr Ü. lebt sehr zurückgezogen, verlässt kaum seine Wohnung, auch nicht, um wegen seiner starken Schmerzen zum Arzt zu gehen. Ü. ist türkischer Kurde. Sein Asylantrag wird abgelehnt, nachdem er im Juli 2011 von einer Sonderbeauftragten für Trauma des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge zu seinen Fluchtgründen angehört wurde. Denn Ü. hatte angegeben, er sei in seiner Heimat gefoltert, dabei mit Messern am Bauch verletzt und später operiert worden. Er leide noch immer unter Schmerzen. Auch mit den Armen habe er Probleme, denn seine Peiniger hätten ihn längere Zeit daran aufgehängt. Niemand glaubt Ü.

Dabei gibt es neben seinen psychischen Symptomen medizinische Befunde, die seine Geschichte untermauern. Ein orthopädisches Attest vom 26. März 2012 beschreibt mehrere Narben im Bauchbereich und typische Schädigungen der Sehnen und Nerven nach Überdehnung der Arme durch Aufhängen, wie sie auch im Istanbul-Protokoll beschrieben werden. Das Handbuch ist der Standard der Vereinten Nationen (United Nations, UN) für die Begutachtung und Dokumentation von Folterfolgen.

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Folgeerkrankungen von Folter werden oft zu spät erkannt

Bei einer Begutachtung am 4. Februar 2013 im Rahmen einer Klage vor dem Verwaltungsgericht wird neben der ausführlichen schriftlichen Dokumentation von Anamnese und psychischen sowie somatischen Befunden ein Befund fotografiert. Erkennbar ist im Bauchbereich, neben kleineren Narben, eine große 25 Zentimeter lange, schlecht verheilte Narbe, vom Aspekt her wie nach einer Notoperation. Eine frühzeitige medizinische Untersuchung und Dokumentation hätte Ü.s Asylverfahren in seinem Verlauf sicherlich beeinflusst.

In Deutschland findet Folter zum Glück nicht statt. Ärztinnen und Ärzte sind daher bei deutschen Patienten sehr selten mit gesundheitlichen Folgestörungen von Folter befasst. Bei Flüchtlingen ist das anders. Viele von ihnen leiden unter den körperlichen oder seelischen Folgen von Folter, die häufig zu spät oder nur unzureichend erkannt werden.

Der UN-Antifolter-Ausschuss empfiehlt bereits seit 2011, bei der Untersuchung von Folterüberlebenden das Istanbul-Protokoll anzuwenden, weil es eine ausführliche Anleitung zur Dokumentation körperlicher und psychischer Folterfolgen enthält. Im selben Jahr mahnte der UN-Antifolter-Ausschuss Deutschland, Heilberufler vermehrt zu schulen, damit sie Folgeerkrankungen von Folter erkennen (www.institut-fuer-menschenrechte.de). Die Bundesregierung hat der UN-Antifolter-Ausschuss dezidiert aufgefordert, im Rahmen des Asylverfahrens Flüchtlinge durch unabhängige und qualifizierte medizinische Fachkräfte medizinisch-psychologisch untersuchen zu lassen, wenn sich bei der Anhörung im Asylverfahren Hinweise auf Folter oder Traumatisierung ergeben haben. Das Gleiche gilt für Asylbewerber, die in Abschiebehaft genommen werden oder kurz vor der Abschiebung stehen.

Die Bundesregierung hat erklärt, sie werde die bisherige auf die Reisefähigkeit beschränkte Untersuchung kranker ausreisepflichtiger Asylbewerber vor ihrer Abschiebung durch eine umfassendere medizinische Untersuchung ersetzen. Bevor ein Ausreisepflichtiger der Bundespolizei übergeben wird, müssten die Ausländerbehörden nun eine medizinische Untersuchung veranlassen, wenn irgendwelche Anzeichen für ein Gesundheitsrisiko bestehen, das Einfluss auf die Durchführung der Abschiebung haben könnte. Diese Untersuchungen müssen mit einem speziellen Fokus auf das mögliche Vorliegen einer posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) vorgenommen werden. Solange die Existenz einer PTBS nicht ausgeschlossen ist, darf der Betroffene nicht auf dem Luftweg abgeschoben werden.

Ärzte können sich in speziellen Kursen fortbilden

Aufgrund der UN-Empfehlungen ist zu erwarten, dass Behörden und Gerichte vermehrt Gutachten an speziell fortgebildete ärztliche und psychologische Experten in Auftrag geben werden. Die Bundes­ärzte­kammer (BÄK) hat im vergangenen Jahr die Inhalte des Istanbul-Protokolls zu körperlichen Folterfolgen in das 2002 entwickelte Curriculum „Standards zur Begutachtung psychisch reaktiver Traumafolgen in aufenthaltsrechtlichen Verfahren (SBPM)“ eingearbeitet. Zudem hat der 115. Deutsche Ärztetag 2012 in Nürnberg die Präsidenten der Lan­des­ärz­te­kam­mern aufgefordert, vermehrt Fortbildungen nach dem BÄK-Curriculum anzubieten und Ärzte und Psychotherapeuten zur Teilnahme zu motivieren (Termine unter www.sbpm.de).

Dr. med. Hans-Wolfgang Gierlichs

1.
Frewer A et al.: Istanbul Protokoll. Göttingen: V & R Unipress 2012.
2.
Curriculum der Bundes­ärzte­kammer. www.bundesaerztekammer.de/downloads/currstandardsbegutachtungtrauma2012.pdf.
1. Frewer A et al.: Istanbul Protokoll. Göttingen: V & R Unipress 2012.
2.Curriculum der Bundes­ärzte­kammer. www.bundesaerztekammer.de/downloads/currstandardsbegutachtungtrauma2012.pdf.

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