ArchivDeutsches Ärzteblatt35-36/2013Von schräg unten: Berufskrank

SCHLUSSPUNKT

Von schräg unten: Berufskrank

Dtsch Arztebl 2013; 110(35-36): [104]

Böhmeke, Thomas

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Namhafte Wissenschaftler haben sich mit dem Problem auseinandergesetzt, dass die beruflichen Tätigkeiten in bedenklicher Weise auf das Verhalten im Alltag abfärben (vgl. déformation professionelle; Loriot et al.: Pappa ante portas). Ich halte das für ausgemachten Blödsinn, denn Mediziner wissen sich in allen Lebenslagen situationsgerecht zu verhalten. Quasi als Gegenbeweis zu diesen kruden Theorien bitte ich Sie, mich ein Stück des Weges außerhalb meiner Praxis zu begleiten.

Heute habe ich frei, daher nutze ich die Gelegenheit und besuche meine Steuerberaterin, um einige wichtige Fragen zu klären. Auf der Fahrt zu ihrem Büro übersehe ich, verstrickt in kleinliche Gedanken, ein großes Schild, das rotumrandet eine Ziffer ausweist. Diese nehme ich nicht zur Kenntnis, da sie einen Punktwert angibt, der geradezu utopisch ist. Ein freundlicher Polizeibeamter sieht sich aber aufgrund dessen veranlasst, mich, meinen Führerschein und Fahrzeugschein näher kennenzulernen. Ich entgegne genauso freundlich: „Der Nächste, bitte!“, was er aber ignoriert. Das irritiert mich nicht, bin ich es doch gewohnt, dass meine Patienten in kritischen Situationen unter anfallsweiser Hypakusis leiden. Zum Zwecke der Deeskalation verwickle ich ihn in eine pathoanatomische Diskussion, woran der tote Winkel gestorben sei. Nach fünf Minuten bin ich zwar 30 Euro ärmer, aber reicher an der Gewissheit, dass die Praxisgebühr anderen Ortes erfolgreich weiterlebt.

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Derart bestärkt in die Erfolgsmodelle der Medizin eile ich flugs weiter. Die Parkplätze vor dem Büro meiner Steuerberaterin sind allesamt besetzt. Das ist kein Problem, denn im Halteverbot ist genug Platz für mich. Das sieht eine herbeieilende städtische Bedienstete anders. Ich erläutere ihr geduldig, dass ich ein Notfall bin, und im Notfall sind solch kleinliche Regelungen wie weiße Linien auf dem Asphalt außer Kraft gesetzt. Sie wirkt ob dieser Erklärung verblüfft, ich sehe wohl zu gut und gesund aus. Also erkläre ich ihr, dass wir Ärzte in Deutschland allesamt Notfälle sind, weil ohne Not sich ja keiner der deutschen Bürokratie ausliefern würde. Außerdem sei ich psychisch krank, ich würde in Anblick eines Budgets den Zwang verspüren, ebendieses zu sprengen. Das gelte auch für diese down-regulierte Anzahl von Parkplätzen. Das müsse sie einsehen, das läge doch auf der Hand. Zu Fuß muss ich kurz danach einen längeren Weg zurücklegen, bin aber froh, dass die Politesse keinen Streifenpolizisten zu Hilfe gerufen hat, um mich nach detonationsfähigem Material zu durchsuchen.

Endlich treffe ich bei meiner Steuerberaterin ein. „Nein, Herr Doktor Böhmeke, das Finanzamt wird Ihre Büchersammlung mit schwarzer Satire nicht als Fachliteratur anerkennen. Nein, das Finanzamt erlässt Ihnen keine Steuern, weil Sie das Regelleistungsvolumen überschritten haben! Wie oft soll ich Ihnen noch sagen, dass Sie Ihre Budgetüberschreitung nicht steuermindernd geltend machen können!“

Nun ja. Vielleicht haben Loriot et al. ja doch recht. Der Beruf deformiert. Aber der Gedanke, unsere nicht bezahlte Mehrarbeit steuermindernd geltend zu machen, hat doch einen unwiderstehlichen Charme, oder?!

Dr. med. Thomas Böhmeke
ist niedergelassener Kardiologe in Gladbeck.

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