ArchivDeutsches Ärzteblatt35-36/2013Interview mit Christiane Hoffschildt, Präsidentin des Deutschen Bundesverbandes für Logopädie e.V. (dbl): „Eine alternde Bevölkerung wird mehr Logopädie brauchen“

POLITIK: Das Interview

Interview mit Christiane Hoffschildt, Präsidentin des Deutschen Bundesverbandes für Logopädie e.V. (dbl): „Eine alternde Bevölkerung wird mehr Logopädie brauchen“

Dtsch Arztebl 2013; 110(35-36): A-1620 / B-1424 / C-1411

Gerst, Thomas; Hibbeler, Birgit

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Ärzte sollten das ganze Therapiespektrum der Logopädie wahrnehmen, meint die dbl-Präsidentin.

Frau Hoffschildt, oft hört man die Kritik, dass bei Kindern viel zu schnell ein logopädischer Behandlungsbedarf erkannt wird. Zu Recht?

Christiane Hoffschildt steht seit 2011 an der Spitze des Deutschen Bundesverbandes für Logopädie. Sie studierte in Heerlen, Niederlande, Logopädie (B.A.). Anschließend absolvierte sie an der Universität Aachen den Studiengang Lehr- und Forschungslogopädie und war ab 2003 als Lehrlogopädin tätig. 2008 eröffnete sie im sauerländischen Arnsberg eine Praxis für Logopädie und Systemische Beratung. 2009 gründete sie ein eigenes Fortbildungsinstitut. Foto: Eberhard Hahne
Christiane Hoffschildt steht seit 2011 an der Spitze des Deutschen Bundesverbandes für Logopädie. Sie studierte in Heerlen, Niederlande, Logopädie (B.A.). Anschließend absolvierte sie an der Universität Aachen den Studiengang Lehr- und Forschungslogopädie und war ab 2003 als Lehrlogopädin tätig. 2008 eröffnete sie im sauerländischen Arnsberg eine Praxis für Logopädie und Systemische Beratung. 2009 gründete sie ein eigenes Fortbildungsinstitut. Foto: Eberhard Hahne
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Hoffschildt: Häufig wird gesagt, heute gebe es mehr Sprachstörungen als früher – dafür gibt es aber keine Evidenz. Was tatsächlich zugenommen hat, sind umgebungsbedingte Sprachauffälligkeiten – durch ein schlechtes Sprachangebot oder Migration. Das ist aber keine Sprachentwicklungsstörung. Diese Differenzierung ist nicht ganz einfach, aber es gibt zahlreiche Testverfahren, um zu entscheiden, wo ein Therapiebedarf wirklich besteht. Wir sind mit den Ärzten im Gespräch; es gibt eine interdisziplinäre Leitlinie zur Diagnostik von Sprachentwicklungsstörungen, in der ganz deutlich der Unterschied zwischen Sprachförderbedarf und Sprachtherapiebedarf herausgearbeitet worden ist.

Aber auch bei umgebungsbedingten Sprachauffälligkeiten muss man sich doch kümmern.

Hoffschildt: Wir als Verband sagen ganz klar gemeinsam mit den Ärzten: Sprachförderung ist keine medizinische Leistung, keine GKV-Leistung. Das gehört in den Bildungsbereich. Es ist ganz wichtig, dass wir den Ärzten signalisieren, dass wir das nicht pushen und nicht einen Therapiebedarf für jedes Kind anstreben. Sprachentwicklungsstörungen gibt es bei acht bis zwölf Prozent eines jeden Jahrgangs, die gehören in eine Therapie. Wenn wir aber sehen, dass 25 bis 30 Prozent der Schulanfänger logopädisch behandelt werden, dann stimmt da etwas nicht. Es werden Befunde pathologisiert, die einer solchen Behandlung nicht bedürfen. Da lastet mitunter ein enormer Druck auf den Kinderärzten.

Wann sollte denn mit einer Therapie begonnen werden?

Hoffschildt: In Studien hat sich gezeigt: Je früher wir mit einer logopädischen Therapie beginnen, desto weniger Behandlungseinheiten benötigen wir. So sind wir auch gerade dabei, dazu noch mehr Evidenz zu schaffen. Wenn ich ein zweijähriges Kind habe, von dem ich weiß, dass sich bei ihm eine Sprachstörung entwickelt, dann würde es der Krankenkasse viele Ausgaben ersparen, wenn ich dann schon arbeiten dürfte. Wenn Kinder erst bei der Schuleingangsuntersuchung als auffällig registriert werden, ist es in der Regel bereits zu spät. Deren Schulerfolg ist bereits infrage gestellt.

Wie gehen Sie mit den nach Ihrer Einschätzung unbegründeten Therapieansprüchen um?

Hoffschildt: Ich erlaube mir durchaus einmal zu sagen: In diesem Fall bedarf es keiner Logopädie. Je besser die interprofessionelle Zusammenarbeit ist, umso besser kann man auch einmal den Behandlungsbedarf infrage stellen. Der Deutsche Bundesverband für Logopädie strebt hier eine Vieraugendiagnostik an. Es gibt zudem regelmäßige Spitzengespräche mit den Berufsverbänden der Kinder- und Jugendärzte, HNO-Ärzte, Phoniater.

Welches Therapiespektrum gibt es jenseits des Kindesalters?

Hoffschildt: Der dbl sieht hier immer noch Aufklärungsbedarf. Das Berufsbild des Logopäden hat sich gewandelt, aber es wird immer noch zu sehr mit der Sprachentwicklung von Kindern oder mit der Stimmtherapie, etwa bei Heiserkeit, assoziiert, vielleicht auch noch mit der Therapie bei Aphasie nach einem Schlaganfall. Eine alternde Bevölkerung wird aber einfach mehr Logopädie brauchen. Heute arbeiten Logopäden zunehmend bei Schluckbeschwerden und bei Demenz mit.

In einem frühen Stadium der Demenz kann die Logopädie ganz viel leisten, was die Lebensqualität, was die Teilhabe, die Kommunikationsfähigkeit anbelangt – sowohl beim Betroffenen als auch in seinem Umfeld. Wir können natürlich keine Demenz heilen, aber wir können zumindest dazu beitragen, dass der Abbau langsamer erfolgt, die Kommunikationsfähigkeit erhalten bleibt. Inzwischen reicht das Therapiespektrum des Logopäden von der Geburt (Lippen-Kiefer-Gaumen-Spalten oder Ernährungsprobleme bei Neugeborenen) bis zum Tod. Beispielsweise ist die Sterblichkeit bei Apoplex in den ersten 30 Tagen vor allem auf eine Aspirationspneumonie zurückzuführen. Dort eine gute Schlucktherapie anzubieten, dass es so weit gar nicht erst kommt, ist ein wichtiges Arbeitsfeld.

Auf welchem Evidenzlevel bewegen sich die Logopäden dort?

Hoffschildt: Uns wird ja immer wieder vorgeworfen, wir hätten zu wenig Evidenz. Wir selbst hätten auch gerne mehr Evidenz. Dazu brauchten wir mehr Logopäden mit Hochschulabschluss, damit es mehr deutsche Studien gibt. Bei Parkinson gibt es im englischsprachigen Raum bereits ein sehr gut erforschtes Therapieverfahren. Aber bei uns gibt es dazu noch zu wenig. Daher ist aus dbl-Sicht die Akademisierung so wichtig.

Im Vergleich mit anderen Gesundheitsfachberufen, etwa mit der Pflege oder mit den Hebammen, ist die Akademisierung bei den Logopäden weit vorangeschritten. Wir haben bereits eine Quote von zehn Prozent Akademikern. Und wenn wir die logopädisch arbeitenden Sprachtherapeuten hinzurechnen, sind wir bei 20 Prozent. Der dbl setzt sich für eine ausschließlich grundständige Akademisierung der Logopädie ein. Logopädische Modellstudiengänge werden mittlerweile an sechs Fachhochschulen beziehungsweise Universitäten angeboten.

Wir streben als Verband einen Ausbau der interprofessionellen Zusammenarbeit an; Arzt und Logopäde sollten sich als ein therapeutisches Team verstehen. In vielen Bereichen können wir ja auch gar nicht allein diagnostizieren – beispielsweise muss der Arzt bei der Schluckstörung oft ein bildgebendes Verfahren einsetzen, um die funktionellen Einschränkungen zu erkennen.

Wie hoch ist der Organisationsgrad im Bundesverband für Logopädie?

Hoffschildt: Der Verband zählt rund 12 000 Mitglieder; wir schätzen, dass circa 80 Prozent der Logopäden Mitglied im Verband sind. Es gibt leider keine verlässlichen Zahlen darüber, wie viele Logopäden am Markt arbeiten. In den Bundesländern wird die Zulassung nach der Ausbildung durch jeweils unterschiedliche Stellen registriert, danach wird der weitere Berufsweg aber nicht mehr verfolgt. Angestellte und Freiberufler sind in gleichem Maße im Verband mit jeweils rund 40 Prozent vertreten, der Rest verteilt sich auf Schüler und Rentner.

Wie stellt sich derzeit die Ausbildungssituation dar?

Hoffschildt: Logopädie ist ein geschützter Beruf, abgesichert durch das Berufsgesetz. Es gibt etwa 80 Schulen in Deutschland, zum Teil in staatlicher, zum Teil in privater Trägerschaft. Dazu kommen Logopädiestudiengänge, die primärqualifizierend, additiv oder integrierend angeboten werden.

Wie sieht es mit den Arbeits- und Verdienstmöglichkeiten aus?

Hoffschildt: Die Arbeitsmöglichkeiten nach der Ausbildung würde ich noch als sehr gut bezeichnen. In den großen Ballungsgebieten könnte es ein wenig eng werden. Aber überall sonst hat man als Logopäde sehr gute Chancen. Aus meiner Sicht ist es sehr hart, sich direkt selbstständig zu machen. Der dbl rät den Absolventen, zunächst einige Zeit im Angestelltenverhältnis zu arbeiten, um die für einen selbstständigen Praxisbetrieb nötigen Erfahrungen zu sammeln. Viel verdienen kann man als selbstständiger Logopäde nicht. Es ist fast unmöglich, bei Stundensätzen zwischen 28 und 38 Euro eine Praxis wirtschaftlich zu führen. Jeder Klempner nimmt mehr als das Doppelte für eine Stunde. In Wahlprüfsteinen fordern wir jetzt 50 Euro für eine 45-minütige Behandlung.

Die schlechte Vergütung führt dazu, dass der Beruf zunehmend unattraktiv wird und Praxen schließen müssen. Dies gefährdet die flächendeckende logopädische Patientenversorgung. Unsere Gesellschaft muss sich die Logopädie leisten wollen, denn der Bedarf wird künftig weiter steigen.

Das Interview führten Thomas Gerst und
Dr. med. Birgit Hibbeler.

Doppeljubiläum 2013/2014

Vor 100 Jahren führte der Wiener Phoniater Emil Fröschels erstmals den Begriff „Logopädie“ ein. Er verstand hierunter die Sprachheilkunde in Abgrenzung zur Phoniatrie, unter der er die medizinische Stimmheilkunde verstand. 1924 wurde auf seine Initiative hin die Internationale Gesellschaft für Logopädie und Phoniatrie gegründet.

Im Oktober 2014 feiert der Deutsche Bundesverband für Logopädie sein 50-jähriges Jubiläum. Am 14. Oktober 1964 gründeten Berliner Logopädinnen den Berufsverband, damals unter der Bezeichnung Zentralverband für Logopädie. Eine bundesweit verbindliche Ausbildung mit staatlichem Abschluss und eine bessere Entlohnung waren schon damals zentrale Forderungen.

Leserkommentare

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Avatar #79783
Practicus
am Montag, 3. März 2014, 14:55

Und Ärzte habens besser?

Anfangsgehalt als AIP 3.50/Std - aufstocken ging da noch gar nicht, vertragsärztliche Arbeitszeit am Patienten lt. EBM 54 €/Std inklusive aller Kosten...
Osteopathen und Homöopathen bekommen ca 100 €/Stunde, mit Akupunktur sind 120 €/Std machbar - Scharlatanerie wird auch von der GKV besser bezahlt als solide evidenzbasierte Therapie.
Avatar #680731
mogotes
am Montag, 3. März 2014, 10:01

Ja die Logos


Mein Anfangsgehalt als Angestellte betrug 8,75 Euro Brutto.
Hier wurde nur die reine Zeit am Patienten bezahlt - Vor, Nachbereitung + Berichte sind Freizeit.
Klar, dass es so niemals eine Vollzeitstelle geben kann.
War jahrelang auf aufstockendes ALG II angewiesen.
Mittlerweile hab ich mich in die Mutterschaft geflüchtet.

Tja - eine Helau zum Rosenmontag auf das Therapeutentum :)))))))))))
Avatar #670422
Logohendrik
am Sonntag, 8. September 2013, 11:19

Entlohnung Logopädie

Auch mein Umfeld schwankt zwischen mitleidigem Lächeln und Erschütterung wenn ich von meinen Verdienstmöglichkeiten als selbstständiger Logopäde in einer GbR mit drei Praxen in Berlin erzähle, und unterstellt mir irgendwas zwischen Mutter Theresa-Komplex und Masochismus. Wäre ich akademisiert würde ich vermutlich schnell im Kopf eine Kosten-Nutzen-Studie aufmachen, und alle Praxen umgehend schließen. In dem Sinne wird es vor dem Umsetzen der 50€ für 45min Therapie, abgerechnet wird nur die reine Zeit am Pat., beinhaltet weder Vor- noch Nachbereitung etc., eh´ nicht´s mit der Akademisierung.

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