ArchivDeutsches Ärzteblatt35-36/2013Gendiagnostik: Gendiagnostik beim Discounter
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Ein Kollege lässt seine Gene bei 23andMe auf circa 200 genetische Krankheiten, 100 Veranlagungen und Abstammungshinweise für den Discountpreis von 99 Dollar testen. Vor drei Jahren wurden hierfür noch 999 Dollar und im letzten Jahr noch 399 Dollar verlangt.

Massenproduktion und Rationalisierung haben den Preis drastisch sinken lassen. Zu den Analysekosten kommen allerdings noch die Transportkosten für DHL hinzu, so dass die Kreditkarte letztlich mit circa 150 Euro belastet wird. Alternative kommerzielle Anbieter gibt es gegenwärtig nicht . . .

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Die bestehenden Gen-Labore in Deutschland sind für den interessierten Laien keine echte Alternative, da jene durch die engen Grenzen des Gendiagnostikgesetzes stark reglementiert werden . . .

Wie gut sind die Analysen, kann man ihnen trauen? Fehler können entstehen bei der Probengewinnung des Speichels, beim Transport über den Atlantik (Strahlenschäden) und bei der Probenaufbereitung (Kontamination, Verwechslung von Proben). Tatsächlich sind bei 23andMe im Jahr 2010 schon mal 96 Proben verwechselt worden. Man kann die Glaubwürdigkeit der Ergebnisse grob abschätzen durch Plausibilitätsüberlegungen: Stimmen die angegebene Augenfarbe und Blutgruppe mit der eigenen überein? Wenn ein Risiko für eine Krankheit erhöht sein soll (zum Beispiel Diabetes), leiden denn tatsächlich Personen aus der Familie beziehungsweise engeren Verwandtschaft unter dieser Krankheit? . . .

Auch ich war neugierig: Nach Analyse meiner Daten sind unter anderem meine Vorfahren mütterlicherseits vor 26 000 Jahren aus dem Nordkaukasus und väterlicherseits vor 19 000 Jahren aus Südfrankreich eingewandert, mein Risiko für Diabetes erscheint unterdurchschnittlich und Kaffee metabolisiere ich langsam. Bei aller Plausibilität der Daten bleibt bei mir eine Spur von Zweifel . . .

Die Entfaltung von Genen hängt viel von der Epigenetik und diese wiederum von Umweltfaktoren ab. Man liegt wohl ganz gut, wenn man einen 50-prozentigen Einfluss unterstellt. Das heißt, wir können eine Menge für unsere Gesundheit tun. Es nützt sicher, wenn man einen gesunden Lebensstil mit maßvollem Essen und Trinken, ausreichend Bewegung und Schlaf und Vermeidung von hohen Gesundheitsrisiken empfiehlt und auch umsetzt. Bei einigen Genen wird das leichtfallen, gegen andere muss man kämpfen wie gegen hartnäckiges Übergewicht, und bei manchen Genen kann man gar nichts ändern, zum Beispiel der Augenfarbe. Wenn schwierige Entscheidungen anstehen, zum Beispiel die Frage familiärer Brustkrebs, sind wir Hausärzte bereit, in Abstimmung mit den Gynäkologen und Gen-Laboren in Deutschland eine Empfehlung zu erarbeiten, damit der Patient eine fundierte Entscheidung treffen kann.

Literatur beim Verfasser

Dr. med. Manfred Kerschreiter, 86154 Augsburg

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