ArchivDeutsches Ärzteblatt35-36/2013Bürgerversicherung: Zu Risiken und Nebenwirkungen fragen Sie bitte Ihren Politiker . . .

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Bürgerversicherung: Zu Risiken und Nebenwirkungen fragen Sie bitte Ihren Politiker . . .

Dtsch Arztebl 2013; 110(35-36): A-1612 / B-1420 / C-1404

Rochell, Bernhard

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Als Alternative zur Bürgerversicherung hat der Deutsche Ärztetag 2013 in Hannover mit großer Mehrheit eine umfassende Finanzreform gefordert und eine Fortentwicklung des dualen Versicherungssystems befürwortet. Foto: Jürgen Gebhardt
Als Alternative zur Bürgerversicherung hat der Deutsche Ärztetag 2013 in Hannover mit großer Mehrheit eine umfassende Finanzreform gefordert und eine Fortentwicklung des dualen Versicherungssystems befürwortet. Foto: Jürgen Gebhardt

Fair, nachhaltig und gerecht – so wird die Bürgerversicherung angepriesen. Tatsächlich würde sie den Innovationsdruck auf die Kran­ken­ver­siche­rung mindern, dem Gesundheitswesen Milliarden entziehen und die Bürger stärker belasten.

Die Bürgerversicherung gehört zu den „Untoten“ der gesundheitspolitischen Diskussion, konstatierte kürzlich die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“. Tatsächlich ist das von SPD, Grünen und Linken mit unterschiedlicher Detaillierung in den Wahlkampf eingebrachte Reformkonzept im Wesentlichen nichts Neues, sondern basiert auf dem im Bundestagswahlkampf 2005 diskutierten Modell einer einheitlichen Kran­ken­ver­siche­rung für alle Bürger Deutschlands. Die Protagonisten der Bürgerversicherung versprechen vermeintlich Gutes: Unisono verkünden SPD, Grüne und Linke, die Einheitsversicherung sorge für mehr Gerechtigkeit in der Versorgung, mehr Qualitätswettbewerb und sei gleichermaßen fair wie nachhaltig finanziert. Dabei soll fast jeder gewinnen: Die Versicherten der Bürgerversicherung sollen für mindestens das gleiche Versorgungsniveau in der heutigen gesetzlichen Kran­ken­ver­siche­rung (GKV) im Durchschnitt geringere Beiträge zahlen als bisher: Den Ärztinnen und Ärzten sollen eventuelle Berührungsängste durch die Zusage eines Ausgleiches für etwaige strukturelle Honorarverluste durch die mit der Bürgerversicherung perspektivisch einhergehende Abschaffung der privaten Kran­ken­ver­siche­rung (PKV) genommen werden. So erscheint die Bürgerversicherung auf den ersten Blick für manche attraktiv. Auf den zweiten Blick entpuppt sich die Bürgerversicherung jedoch keineswegs als nebenwirkungsfreie Wunderpille, sondern als Radikaltherapie am deutschen Kran­ken­ver­siche­rungswesen: Auf den Punkt gebracht soll der in der Frage einer nachhaltigen Finanzperspektive kränkelnden GKV zu deren finanzieller Entlastung die PKV einverleibt werden. Dabei treffen begehrliche Blicke insbesondere auch die bestehenden Alterungsrückstellungen der PKV-Versicherten: Da gäbe es derzeit etwa 180 Milliarden Euro zu holen. Auf der Seite des Versicherungsschutzes bedeutet die Bürgerversicherung schlicht GKV für alle.

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Seriöse Nutzenbewertungen des Bürgerversicherungsmodells offenbaren die Risiken und Nebenwirkungen eines solch radikalen Systemwechsels. So würde sich das mit Einführung der Bürgerversicherung unweigerlich verbundene Aus für die private Kran­ken­ver­siche­rung nachteilig auf alle Patientinnen und Patienten auswirken. Vor allem der Wegfall der PKV als „Innovationsmotor“ würde auch für GKV-Versicherte spürbar (1). Denn viele neue Formen der Diagnostik und der Therapie würde es ohne die private Kran­ken­ver­siche­rung gar nicht geben. Die PKV genehmigt diese schnell und setzt die gesetzlichen Krankenkassen damit in der Regel unter Zugzwang, mit dem Ergebnis, dass sie folgen und alle Patienten von Innovationen profitieren können. Als prominentes Beispiel hierfür kann die intravitreale Injektion genannt werden, die aufgrund der hohen Kosten offiziell noch bis heute keinen Eingang in den vertragsärztlichen Leistungskatalog der GKV gefunden hat. Dass die große Mehrzahl der gesetzlichen Krankenkassen diese Leistung inzwischen dennoch gewährt, wäre ohne den bestehenden Wettbewerb mit der PKV wohl undenkbar.

Noch gravierender ist, dass der mit der Bürgerversicherung abgewürgte Systemwettbewerb zwischen GKV und PKV Rationierungen im Gesundheitswesen begünstigen würde. Das bestätigt auch die Vorstandsvorsitzende des GKV-Spitzenverbandes, Doris Pfeiffer (2): „Ohne die Konkurrenz von Privatversicherungen wäre die Gefahr, dass der Leistungskatalog auf eine minimale Grundversorgung reduziert wird, größer. In einem Einheitssystem ließen sich die Leistungen leichter reduzieren.“ Internationale Vergleichsstudien haben bereits den Beweis angetreten, dass Rationierung in einheitlichen Versicherungssystemen stärker ausgeprägt ist als in Ländern mit einem Systemwettbewerb (3).

Viele Ärztinnen und Ärzte teilen diese Auffassung. Nach einer Umfrage von TNS Emnid bei 500 niedergelassenen Ärzten im Mai 2013 befürchten zwei Drittel der Befragten in der weiteren Konsequenz Einschränkungen der Therapiefreiheit, 59 Prozent sehen die Versorgungsqualität bedroht (4). Darunter leiden würden vor allem diejenigen Patienten, die es sich nicht leisten können, den staatlichen Einheitskatalog privat aufzustocken. Finanziell Bessergestellten wird man es nicht verwehren können, sich die von der Bürgerversicherung nicht bezahlten Leistungen etwa über Zusatzversicherungen privat einzukaufen. Die Folge ist: Die Bürgerversicherung befeuert die Zwei-klassenmedizin, statt sie zu verhindern.

Honorarverlust von mehreren Milliarden Euro droht

Privatpatienten sind inzwischen zur unverzichtbaren Voraussetzung für den Erhalt beziehungsweise die fortlaufende Modernisierung der medizinischen Infrastruktur in Deutschland geworden. Nach wissenschaftlichen Untersuchungen würde die Bürgerversicherung dem Gesundheitswesen finanzielle Mittel in Milliardenhöhe entziehen, da Vergütungen aus der Behandlung Privatversicherter, mit der die Versorgung im GKV-Bereich seit Jahren quersubventioniert wird, entfallen. Eine Studie des Verbandes der Privatärztlichen Verrechnungsstellen kommt zu dem Ergebnis, dass Ärzte mit Umsatz- und Gewinneinbußen in Höhe von 5,38 Milliarden Euro jährlich rechnen müssen (5). Je ambulant niedergelassenem Arzt entspräche das im Durchschnitt etwa 43 383 Euro. Praxisinhaber für die Allgemeinmedizin müssten mit circa 15 000 Euro jährlichen Gewinneinbußen rechnen, niedergelassene HNO-Ärzte mit etwa 74 000 Euro. Orthopäden verlören in einer Bürgerversicherung 32,3 Prozent der Honorare.

Dies wird im Wesentlichen durch eine Studie der Universität Duisburg-Essen bestätigt, nach welcher sich der bei Einführung der Bürgerversicherung im niedergelassenen Bereich ergebende Honorarverlust auf jährlich bis zu sechs Milliarden Euro beläuft (6), dies entspricht etwa einem Fünftel des aktuellen jährlichen Honorarvolumens für die ambulante Behandlung in der GKV und der PKV. Nach einer Befragung der Privatärztlichen Verrechnungsstelle Baden-Württemberg befürchten 90 Prozent der Ärzte deutliche Einnahmeverluste. Fast 80 Prozent gehen davon aus, Praxispersonal einsparen zu müssen, um ihre Praxis auch weiterhin wirtschaftlich führen zu können (7).

Das Institut für Gesundheitsökonomie (IfG) in München weist dar- auf hin, dass die insbesondere von der SPD in Aussicht gestellte kompensatorische Anhebung der GKV-Vergütungen technisch und organisatorisch nur schwer umzusetzen ist. Eine durchschnittliche Anhebung der Vergütung über den Einheitlichen Bewertungsmaßstab kann die bestehenden Unterschiede zwischen Großstädten und ländlichen Räumen, aber auch zwischen den einzelnen ärztlichen Fachgebieten nicht annähernd ausgleichen (1). Damit drohten eine massive Ausdünnung der medizinischen Infrastruktur und Wartelistenmedizin. Kliniken, Arztpraxen, Apotheken und andere Einrichtungen wären ohne adäquaten Ausgleich von der Schließung bedroht.

Mehrbelastungen für Kliniken und Niedergelassene

Aus der Einführung der Bürgerversicherung resultierende Honorarverluste wären nicht die einzige finanzielle Auswirkung zulasten der Ärztinnen und Ärzte. Blickt man auf die in Verbindung mit der Einführung der Bürgerversicherung geplanten Erhöhungen des Spitzensteuersatzes von 42 auf 49 Prozent und die Planungen der Beitragsgestaltung der Bürgerversicherung unter dem Wegfall (Linke) oder aber der Erhöhung der Beitragsbemessungsgrenze von derzeit 3 712 Euro auf 5 800 Euro (Grüne), werden die Ärztinnen und Ärzte gleich noch mal belastet. Diese Belastung trifft auch in Krankenhäusern und Praxen angestellte oder auf Honorarbasis arbeitende Ärztinnen und Ärzte. Nach den Erwartungen von Steuerfachleuten können die Mehrbelastungen auf der Steuer- und Beitragsseite schnell signifikante fünfstellige Beträge erreichen. Damit drohe bei Niedergelassenen insbesondere im fachärztlichen Bereich die weitgehende Aufzehrung des Praxisüberschusses. Dies hätte die weitere Konsequenz, dass mit einem so entscheidend infrage gestellten Wert der Praxis zugleich ein wesentlicher Teil der Altersvorsorge niedergelassener Ärztinnen und Ärzte wegbrechen würde (8).

Ebenso für Krankenhäuser würde die Bürgerversicherung infolge der auch arbeitgeberseitig wirkenden deutlichen Erhöhung oder gar Aufhebung der Beitragsbemessungsgrenze nach Berechnungen der IfG-Studie zum Risiko: Ein 450-Betten-Krankenhaus mit 800 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern hätte nach dem SPD-Modell der Bürgerversicherung arbeitgeberseitig bis zu 10,2 Prozent Mehraufwendungen für die Beiträge zur Bürgerversicherung zu schultern. Die hierdurch per anno resultierende Mehrbelastung von circa 232 000 Euro entspricht den Jahresgehältern von sechs Pflegekräften. Bis zur Berücksichtigung solcher Mehrkosten im DRG-Fallpauschalensystem vergehen regulär mindestens zwei Jahre. Bis dahin wäre dann praktisch der Betrieb einer ganzen Station infrage gestellt, sofern das Krankenhaus keine alternativen Möglichkeiten zur Gegenfinanzierung der Mehrbelastung über Personaleinsparungen haben sollte.

Nicht nur Patienten und die im Gesundheitswesen Tätigen würden die Folgen zu spüren bekommen, auch volkswirtschaftlich würde sich der Systemwechsel negativ auswirken. Das Rheinisch-Westfälische Institut für Wirtschaftsforschung (RWI) hat berechnet, dass die Reformmaßnahmen, die direkt die PKV betreffen – wie etwa die Schließung oder das Verbot des Neugeschäftes – keine volkswirtschaftlich positiven, sondern nur negative Effekte zeigen (9): Ein Grund hierfür ist, dass mit einer Abschaffung der PKV auch die „im Vergleich zur GKV nachhaltigere Finanzierungsart geschwächt beziehungsweise aufgegeben würde“. Wird zusätzlich zu dem Verbot des Neugeschäftes der PKV den Bürgern auch eine befristete Rückkehroption in die GKV ermöglicht, ist damit zu rechnen, „dass vor allem Versicherte mit Kindern und ältere PKV-Versicherte die Wechseloption in Anspruch nehmen werden. Da es sich hierbei um Versicherte mit hohem Ausgabenvolumen handelt, würde der GKV-Beitragssatz kurzfristig um etwa 0,7 Prozentpunkte ansteigen“.

Im Blick auf die branchenübergreifend mit der Bürgerversicherung wachsenden Lohnnebenkosten warnt das IfG: In der Konsequenz werden durch die Bürgerversicherung die Arbeitskosten selbst nach Berechnungen der SPD um fünf Milliarden Euro, nach einer Schätzung des Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­iums sogar um acht bis neun Milliarden Euro jährlich steigen. Steigende Personalkosten vernichten Arbeitsplätze. Ein vollständiger Wegfall der Bemessungsgrenze würde zudem die künftige Lohnentwicklung abbremsen, weil jede Gehaltserhöhung zu zusätzlichen Kosten für den Arbeitgeber führt.

Zusammengenommen wird deutlich: Das Konzept der Bürgerversicherung besteht den Faktencheck nicht. Keine der von den Befürwortern der Einheitskasse gemachten Versprechungen hält seriösen Untersuchungen stand:

  • Die Bürgerversicherung ist kein Garant gegen die Zweiklassen-medizin, weil der Wegfall des Systemwettbewerbs zwischen GKV und PKV die Rationierung und Ausdünnung des Grundleistungskataloges befördert. Wer es sich leisten kann, erwirbt zusätzlich Leistungen privat.
  • Die Versorgungsqualität wird nicht besser, sondern schlechter, weil die De-facto-Abschaffung der PKV dem Gesamtsystem Finanzmittel in Milliardenhöhe entzieht. Durch Abwürgen des „Innovationsmotors“ PKV entfällt für die GKV der Wettbewerbsdruck, ebenfalls für GKV-Versicherte neue Diagnose- und Therapieverfahren anzubieten. Auch der vermeintliche Bestandsschutz der bisher privat Versicherten im SPD-Modell wird dies nicht abmildern: Durch die parallel geplante Vereinheitlichung der Honorarordnung für die gesetzlichen wie privaten Kran­ken­ver­siche­rungen würde der GKV-Einheitsleistungskatalog auch den in der PKV verbleibenden Versicherten gleich mit zwangsverordnet.
  • Versprechungen, Ärztinnen und Ärzte würden bei Einführung der Bürgerversicherung finanziell nicht schlechter gestellt, sind nicht mit seriösen Zahlen unterlegt. Von mehreren Untersuchern werden dagegen Honorarverluste allein im niedergelassenen Bereich von jährlich bis zu sechs Milliarden Euro prognostiziert. Durch massive Geldabflüsse würde die medizinische Infrastruktur dramatisch eingeschränkt. Es drohen Personalentlassungen, Praxis- und Krankenhausschließungen und Wartelistenmedizin.
  • Die Bürgerversicherung mindert die Wachstumschancen der Gesamtwirtschaft. Entgegen der in Aussicht gestellten Beitragsentlastungen droht wegen des wahrscheinlichen Wechsels von Privatversicherten mit hohem Ausgabenvolumen in die GKV bereits kurzfristig ein deutlicher Beitragssatzanstieg. Steigerungen der Arbeitskosten von fünf bis acht Milliarden Euro sind wahrscheinlich, was sich im nächsten Schritt negativ auf die Beschäftigungssituation auswirkt.
  • Ebenso ist eine fairere Lastenverteilung nicht zu erkennen. So plant die SPD zur Gegenfinanzierung des steuerfinanzierten Staatszuschusses neben einer Steigerung des Spitzensteuersatzes eine Anhebung der Abgeltungsteuer auf Kapitalerträge von 25 auf 30 Prozent. Dadurch würde gleichfalls bei den Ersparnissen von Durchschnittsverdienern und Rentnern der Zinsertrag stärker gekürzt. Selbst die auch bei mäßigen Einkommen versprochenen Entlastungen verkehren sich nach Berechnungen des IGES-Instituts ins Gegenteil (10).

Zentrales Argument der Verfechter einer Bürgerversicherung ist deren vermeintlich nachhaltig ausgestaltete Finanzierung. Das Konzept bietet aber keine Antwort auf die drängende Zukunftsfrage, wie das Gesundheitswesen angesichts einer immer älter werdenden Gesellschaft mit steigender Krankheitslast und bei verringerter sozial­ver­sicherungs­pflichtiger Beschäftigung dauerhaft finanziert werden kann. Die Beibehaltung und sogar Ausweitung der heutigen Umlagefinanzierung wird das Demografieproblem nicht lösen. Vielmehr würde so das deutlich nachhaltiger finanzierte PKV-System mit seinen bisherigen Alterungsrückstellungen ausgezehrt und damit langfristig zerstört. Nach einer Analyse des Instituts für Mikrodaten-Analyse (IfMDA) könnte selbst die vollständige Vereinnahmung der PKV-Alterungsrückstellungen in Höhe von immerhin 180 Milliarden Euro die GKV nicht retten: Angesichts der vom IfMDA für das unreformierte GKV-Umlagesystem bis 2030 prognostizierten massiven Unterfinanzierung von 1,1 bis 3,4 Billionen Euro könnten selbst diese noch nicht einmal als homöopathische Dosis anerkannt werden (11).

Nicht zuletzt werden gleich mehrfache massive Zweifel an der verfassungsrechtlichen Konformität der Bürgerversicherung laut: Ganz im Vordergrund stehen dabei vor allem die Unvereinbarkeit

− der geplanten ersatzlosen Vereinnahmung der eigentumsrechtlich geschützten Alterungsrückstellungen der PKV-Versicherten sowie

− der angedachten „Zwangs-GKVisierung“ der bisher privat Versicherten mit dem Grundgesetz (12).

„Reformierte Dualität“ als Alternative

Der diesjährige Deutsche Ärztetag in Hannover hat sich deshalb für eine umfassende Finanzreform des Gesundheitssystems auf Grundlage der Fortentwicklung der Dualität von gesetzlicher und privater Kran­ken­ver­siche­rung ausgesprochen. In einer Reformskizze plädiert die Bundes­ärzte­kammer mit Blick auf die GKV unter anderem dafür, die Finanzautonomie der gesetzlichen Krankenkassen wiederherzustellen (13). Hierfür soll der derzeitige Versichertenanteil zu einem festen, einkommensunabhängigen und von den Kassen autonom festzulegenden Gesundheitsbeitrag weiterentwickelt werden. Um eine zu hohe Belastung von beitragspflichtigen Versicherten mit niedrigem Einkommen zu verhindern, soll der Gesundheitsbeitrag, den der einzelne Versicherte zahlen muss, auf eine Belastungsgrenze von einem maximalen beitragspflichtigen Anteil von neun Prozent des gesamten Haushaltseinkommens beschränkt werden. Diese Belastungsgrenze entspricht der aktuellen Belastungsgrenze, die sich aber mit 10,2 Prozent ausschließlich auf das sozial­ver­sicherungs­pflichtige Einkommen bezieht und weitere Einkünfte völlig unberücksichtigt lässt.

Um Stabilität bei der Kalkulation der Lohnnebenkosten zu gewährleisten, wird an dem bereits jetzt auf 7,3 Prozent festgeschriebenen Arbeitgeberanteil festgehalten. Aus dem aus Arbeitgeberbeiträgen, Zuweisungen der gesetzlichen Rentenversicherung an die Krankenkassen sowie aus Steuermitteln gespeisten Gesundheitsfonds sollen künftig der Sozialausgleich für einkommensschwache Versicherte sowie Aufwendungen für die ebenfalls neu zu konzipierende Familienmitversicherung finanziert werden. Zudem schlägt die Bundes­ärzte­kammer vor, für jedes in Deutschland geborene Kind sowohl in der GKV als auch in der PKV ein Gesundheitssparkonto einzurichten, das als kapitalgedecktes Ansparprogramm die finanziellen Herausforderungen der künftigen demografischen Entwicklung abfedern soll.

Bei der privaten Kran­ken­ver­siche­rung muss nach der Forderung der Bundes­ärzte­kammer die Transparenz der Tarife deutlich verbessert werden, ein Leistungskatalog für die Mindestversorgung privat versicherter Patientinnen und Patienten verbindlich gemacht werden und die Portabilität der Alterungsrückstellungen im Fall eines Versicherungswechsels erleichtert werden. Weiterhin sind bei der Vermittlung von privaten Kran­ken­ver­siche­rungen die Aufklärung der Versicherten über den Umfang der mit dem Tarif im Marktvergleich gewährten Leistungen und die Risiken eines Versicherungswechsels zu verbessern. Fragwürdige Anreize für Versicherungsvermittler sind abzustellen.

Der Ärztetag verdeutlichte mit seinem klaren Votum für die vorgelegte Reformskizze, dass es die Ärzteschaft als eine ihrer Aufgaben ansieht, sich aktiv an der Debatte über die weitere Ausgestaltung des Kran­ken­ver­siche­rungssystems in Deutschland zu beteiligen. Dazu gehört auch, auf Risiken und Nebenwirkungen in der Diskussion befindlicher Reformmodelle hinzuweisen.

Dr. med. Bernhard Rochell

Hauptgeschäftsführer der Bundes­ärzte­kammer, Berlin

Fair, nachhaltig und gerecht – so wird die Bürgerversicherung angepriesen. Tatsächlich würde sie den Innovationsdruck auf die Kran­ken­ver­siche­rung mindern, dem Gesundheitswesen Milliarden entziehen und die Bürger stärker belasten.

Die Parteien zur Bürgerversicherung

www.aerzteblatt.de/news/buergerversicherung
www.aerzteblatt.de/news/buergerversicherung

Fast jeden Tag ein Politikerinterview, gefühlt alle zwei Tage eine neue Studie zur Bürgerversicherung: aerzteblatt.de hilft mit aktuellen Berichten zum Thema Bürgerversicherung auf dem Laufenden zu bleiben. Hier finden Sie zusätzlich zum ausführlichen Literatur- und Quellenverzeichnis des nebenstehenden Beitrags eine tabellarische Darstellung der Positionen der Parteien zur Zukunft der Kran­ken­ver­siche­rung.

@Literaturverzeichnis:
www.aerzteblatt.de/lit3513

Positionen der Parteien:
www.aerzteblatt.de/131612
www.aerzteblatt.de/news/buergerversicherung

1.
Institut für Gesundheitsökonomie (IfG) in München: Studie „Die Bürgerversicherung – Mythos und Wahrheit“ für die Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft e.V., Stand: April 2013, http://www.vbw-bayern.de/Redaktion/Frei-zug%C3%A4ngliche-Medien/Abteilungen-GS/Sozialpolitik/2013/Downloads/20130409-Studie-B%C3%BCrgerversicherung-final.pdf
2.
Artikel „Der finanzielle Druck auf die Krankenkassen wird immens“, Tagesspiegel, 01.07.2008, http://www.tagesspiegel.de/politik/deutschland/vorstandschefin-doris-pfeiffer-der-finanzielle-druck-auf-die-krankenkassen-wird-immens/1825800.html
3.
Finkenstädt, Niehaus: Rationierung und Versorgungsunterschiede in Gesundheitssystemen – Ein internationaler Überblick, Studie des Wissenschaftlichen Instituts der Privaten Kran­ken­ver­siche­rung (WIP), März 2013, http://www.wip-pkv.de/uploads/tx_nppresscenter/Rationierung_und_Versorgungsunterschiede_in_Gesundheitssystemen.pdf
4.
Ärzten graust es vor der Bürgerversicherung, Umfrage: FOCUS-MONEY (TNS Emnid) unter 500 niedergelassenen Ärzten (400 Fachärzte und 100 Allgemeinmediziner), 24.05.2013, http://www.focus.de/finanzen/versicherungen/krankenversicherung/tid-31370/krankenversicherung-keine-fuer-alle_aid_996466.html
5.
Kaiser: „Die Bedrohung der medizinischen Infrastruktur durch die Bürgerversicherung. Oder: Was für die ambulant tätigen Ärzte und Patienten auf dem Spiel steht!“
Studie des Verbandes der Privatärztlichen Verrechnungsstellen e.V. Mai 2013, http://www.pvs.de/uploads/media/PVS-Studie-Buergerversicherung.pdf
6.
Wasem et al.: Ein einheitliches Vergütungssystem für die ambulante ärztliche Versorgung: Zur Diskussion um eine möglicher Kompensation des zu erwartenden Honorarausfalls, Alfried Krupp von Bohlen und Halbach Stiftungslehrstuhl für Medizinmanagement an der Universität Duisburg-Essen, Studie, unterstützt durch die Techniker Krankenkasse, K.d.ö.R. Essen März 2013
7.
Bürgerversicherung – Deutschlandweite Studie der Privatärztlichen Verrechnungsstellen belegt die Unsicherheit in der Ärzteschaft, Privatärztliche Verrechnungsstelle Baden-Württemberg e. V., Umfrage unter 3575 Ärzten, Stand Juni 2013, http://www.themenportal.de/gesundheitspolitik/buergerversicherung-deutschlandweite-studie-der-privataerztlichen-verrechnungsstellen-belegt-die-unsicherheit-in-der-aerzteschaft-69350
8.
Zitat Dr. Frank Diener, Generalbevollmächtigter Treuhand Hannover GmbH Steuerberatungsgesellschaft, Akademiegespräch in der PVS-Akademie Baden-Württemberg „Die Bürgerversicherung – Inhalte und Folgen für das Gesundheitswesen“ am 05. Juli 2013 in Stuttgart
9.
Augurzky, Felder, Volkswirtschaftliche Kosten und Nebenwirkungen einer Bürgerversicherung, Studie des Rheinisch-Westfälischen Instituts für Wirtschaftsforschung (RWI), RWI-Materialien, Heft 75, http://www.rwi-essen.de/media/content/pages/publikationen/rwi-materialien/M_75_Buergerversicherung.pdf
10.
Albrecht et al.: Gerecht, nachhaltig, effizient – Studie zur Finanzierung einer integrierten Kran­ken­ver­siche­rung, Studie des IGES-Instituts im Auftrag der Bertelsmann Stiftung und des Bundesverbands Verbraucherzentrale zur „Finanzierung einer integrierten Kran­ken­ver­siche­rung“, http://www.bertelsmann-stiftung.de/cps/rde/xbcr/SID-276168E3–927B90F2/bst/xcms_bst_dms_37846__2.pdf
11.
Drabinski, Reformierte Dualität: Überfälliger Neustart für GKV und PKV; Pressemitteilung zur Studie des Instituts für Mikrodatenanalyse vom 07. August 2013, http://www.ifmda.de/index_htm_files/07-08-2013%20Pressemeldung%20Band%2024.pdf
12.
Gut ist nur der Name: Die „Bürgerversicherung“, Positionspapier des Verbandes der Privaten Kran­ken­ver­siche­rung, Mai 2013; S. 27–28, http://www.pkv.de/w/files/buergerversicherung/gute-gruende-gegen-die-buergerversicherung-2013-05.pdf
13.
Bundes­ärzte­kammer: „Finanzielle Wirkungen eines einheitlichen Vergütungssystems in der ambulanten ärztlichen Vergütung“, Beschlussprotokoll des 116. Deutschen Ärztetages 2013 in Hannover, Anlage zu I-02, http://www.bundesaerztekammer.de/downloads/116Beschlussprotokoll20130604.pdf
1.Institut für Gesundheitsökonomie (IfG) in München: Studie „Die Bürgerversicherung – Mythos und Wahrheit“ für die Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft e.V., Stand: April 2013, http://www.vbw-bayern.de/Redaktion/Frei-zug%C3%A4ngliche-Medien/Abteilungen-GS/Sozialpolitik/2013/Downloads/20130409-Studie-B%C3%BCrgerversicherung-final.pdf
2.Artikel „Der finanzielle Druck auf die Krankenkassen wird immens“, Tagesspiegel, 01.07.2008, http://www.tagesspiegel.de/politik/deutschland/vorstandschefin-doris-pfeiffer-der-finanzielle-druck-auf-die-krankenkassen-wird-immens/1825800.html
3.Finkenstädt, Niehaus: Rationierung und Versorgungsunterschiede in Gesundheitssystemen – Ein internationaler Überblick, Studie des Wissenschaftlichen Instituts der Privaten Kran­ken­ver­siche­rung (WIP), März 2013, http://www.wip-pkv.de/uploads/tx_nppresscenter/Rationierung_und_Versorgungsunterschiede_in_Gesundheitssystemen.pdf
4. Ärzten graust es vor der Bürgerversicherung, Umfrage: FOCUS-MONEY (TNS Emnid) unter 500 niedergelassenen Ärzten (400 Fachärzte und 100 Allgemeinmediziner), 24.05.2013, http://www.focus.de/finanzen/versicherungen/krankenversicherung/tid-31370/krankenversicherung-keine-fuer-alle_aid_996466.html
5. Kaiser: „Die Bedrohung der medizinischen Infrastruktur durch die Bürgerversicherung. Oder: Was für die ambulant tätigen Ärzte und Patienten auf dem Spiel steht!“
Studie des Verbandes der Privatärztlichen Verrechnungsstellen e.V. Mai 2013, http://www.pvs.de/uploads/media/PVS-Studie-Buergerversicherung.pdf
6. Wasem et al.: Ein einheitliches Vergütungssystem für die ambulante ärztliche Versorgung: Zur Diskussion um eine möglicher Kompensation des zu erwartenden Honorarausfalls, Alfried Krupp von Bohlen und Halbach Stiftungslehrstuhl für Medizinmanagement an der Universität Duisburg-Essen, Studie, unterstützt durch die Techniker Krankenkasse, K.d.ö.R. Essen März 2013
7. Bürgerversicherung – Deutschlandweite Studie der Privatärztlichen Verrechnungsstellen belegt die Unsicherheit in der Ärzteschaft, Privatärztliche Verrechnungsstelle Baden-Württemberg e. V., Umfrage unter 3575 Ärzten, Stand Juni 2013, http://www.themenportal.de/gesundheitspolitik/buergerversicherung-deutschlandweite-studie-der-privataerztlichen-verrechnungsstellen-belegt-die-unsicherheit-in-der-aerzteschaft-69350
8.Zitat Dr. Frank Diener, Generalbevollmächtigter Treuhand Hannover GmbH Steuerberatungsgesellschaft, Akademiegespräch in der PVS-Akademie Baden-Württemberg „Die Bürgerversicherung – Inhalte und Folgen für das Gesundheitswesen“ am 05. Juli 2013 in Stuttgart
9. Augurzky, Felder, Volkswirtschaftliche Kosten und Nebenwirkungen einer Bürgerversicherung, Studie des Rheinisch-Westfälischen Instituts für Wirtschaftsforschung (RWI), RWI-Materialien, Heft 75, http://www.rwi-essen.de/media/content/pages/publikationen/rwi-materialien/M_75_Buergerversicherung.pdf
10.Albrecht et al.: Gerecht, nachhaltig, effizient – Studie zur Finanzierung einer integrierten Kran­ken­ver­siche­rung, Studie des IGES-Instituts im Auftrag der Bertelsmann Stiftung und des Bundesverbands Verbraucherzentrale zur „Finanzierung einer integrierten Kran­ken­ver­siche­rung“, http://www.bertelsmann-stiftung.de/cps/rde/xbcr/SID-276168E3–927B90F2/bst/xcms_bst_dms_37846__2.pdf
11. Drabinski, Reformierte Dualität: Überfälliger Neustart für GKV und PKV; Pressemitteilung zur Studie des Instituts für Mikrodatenanalyse vom 07. August 2013, http://www.ifmda.de/index_htm_files/07-08-2013%20Pressemeldung%20Band%2024.pdf
12. Gut ist nur der Name: Die „Bürgerversicherung“, Positionspapier des Verbandes der Privaten Kran­ken­ver­siche­rung, Mai 2013; S. 27–28, http://www.pkv.de/w/files/buergerversicherung/gute-gruende-gegen-die-buergerversicherung-2013-05.pdf
13. Bundes­ärzte­kammer: „Finanzielle Wirkungen eines einheitlichen Vergütungssystems in der ambulanten ärztlichen Vergütung“, Beschlussprotokoll des 116. Deutschen Ärztetages 2013 in Hannover, Anlage zu I-02, http://www.bundesaerztekammer.de/downloads/116Beschlussprotokoll20130604.pdf

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Avatar #79783
Practicus
am Sonntag, 8. September 2013, 12:36

Profit machen doch die anderen...

Im ambulanten Bereich dürfte in den meisten Praxen der Privatanteil bei ca 10% liegen. Im Krankenhaus dagegen verfügen etwa 30% der Patienten über eine private Zusatzversicherung, die sie zu "Wahlleistungspatienten mit Chefarztbehandlung" macht.
Die mit diesen Patienten erzielten Umsätze fließen in aller Regel zu mindestens 50% an das Krankenhaus, die Chefärzte müssen nach dem Berufsrecht auch ihre ärztlichen Mitarbeiter beteiligen.
Den Löwenanteil der stationären Privathonorare kassieren also längst die Krankenhäuser!
Die am Fortbestand der PKV interessierten Kreise - also die Versicherer, die privaten und öffentlichen Klinikträger - möchten die niedergelassenen Ärzte vor diesen Karren spannen, um sich Einkünfte zu sichern.
Mit dem Wegfall der PKV würden sich zudem verfassungsmäßige Rechte der niedergelassenen Ärzte wieder besser durchsetzen lassen, da die hypothetische Existenzalternative "Privatarzt" wegfällt.
Avatar #661036
ArztundEuropa
am Samstag, 7. September 2013, 16:24

Aufrechterhaltung der Privaten Kran­ken­ver­siche­rung zur Finanzierung der Honarare der Chefärzte in Höhe von Mrd. €

1. Erhaltung der PKV um ein Honorarverlust in Mrd. Höhe "der Ärzte " zu verhindern ??? Von den ca. 500.000 in Deutschland tätigen Ärzte sind über 50% in einem angestellten Verhältnis, von denen nur ein kleiner prozentualer Anteil "Chefärzte" sind und diese jährlich in Mrd. Höhe über die PVK ein Zusatzeinkommen haben. Die Abschaffung der PVK muss nicht unbedingt mit einem Honorarverlust der Ärzte eingehen. Man könnte die Hierarchie Oberarzt, lt. Oberarzt, Chefarzt abschaffen, alle Ärzte die Fachärzte sind, von Ihrem angestellten Verhältnis befreien und Sie als Selbständige honorieren. D.h. die tatsächliche Arbeit wird endlich honoriert. Das "Gerangel" zum Chefarztposten würde aufhören und die Facharztposten die dem hierarchischem System zum Opfer fallen, würden erhalten bleiben.
Außerdem entfiele die "Verstrickung" der tatsächlichen Einzahlungen und Auszahlungen der PVK und der GKV.

2. Der Herausgeber des Ärzteblatts ist die Bundesärztekammer. Ich würde langsam die Bundesärztekammer bitten, dass Ärzteblatt als " Parteibuch der CDU" um zu benennen !!!

3. Ich rufe die Bundesbürger auf, eine Petition im Bundestag vorzulegen, dass ein NC für Politiker eingeführt wird. Anschließend die Politiker erst eine lange universitärer Ausbildung zu machen haben. Danach 1/3 dieser Politiker eine Spezialisation machen müssen (die anderen 2/3 keine Chance als Politiker unterzukommen haben werden, wegen des personellen Überhanges) Dann sollten Sie sich erst beruflich in der Lokalpolitik qualifizieren müssen und anschließend durch Fachkräfte aus dem Ausland ersetzt werden.

Frau Merkel nennt es Solidarität, Herr Bahr erklärt es genauer: 4 Deutsche die sich einen Arbeitsplatz teilen und mit einem Gehalt unter Harzt IV leben müssen, sind besser, als ein Deutscher Arbeitsloser in der Statistik. Die Fachkräfte holen wir aus dem Ausland
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