ArchivDeutsches Ärzteblatt35-36/2013Medizintourismus: Patienten weltweit „auf Achse“

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Medizintourismus: Patienten weltweit „auf Achse“

Dtsch Arztebl 2013; 110(35-36): A-1616 / B-1426 / C-1408

Frädrich, Andreas

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Die länderübergreifende Inanspruchnahme ärztlicher Behandlungen gilt als weltweiter Trend und zählt zu den Folgen einer fortschreitenden Globalisierung. Für viele Länder und Regionen entwickelt sich daraus ein bedeutender Wirtschaftsfaktor.

Foto: Fotolia/HP_Photo [m]
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Kostendruck, demografischer, Lifestyle- und Wertewandel einerseits, kollabierende nationale Gesundheitssysteme und medizinische Krisengebiete andererseits: Patienten sind „auf Achse“ rund um den Globus auf der Suche nach Operationsschnäppchen und günstiger Körperoptimierung, weniger Wartezeit oder in verzweifelter Hoffnung auf Heilung – koste es, was es wolle. Die Welt der Medizin ist längst globalisiert. Zu den begünstigenden Faktoren des Medizintourismus zählt meistens eine Leistungsschwäche des jeweiligen Gesundheitssystems, bei der die medizinisch-technische Qualität und die Zugänglichkeit zu den Leistungen beschränkt oder zu teuer sind.

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Das deutsche Gesundheitswesen genießt eine hohe Wertschätzung im Ausland. In vielen Teilen der Welt besteht Interesse, mit medizinischen Einrichtungen aus Deutschland zusammenzuarbeiten. Als vorbildlich gelten unter anderem die Organisation, Standardisierungen, das Management, die Aus- und Fortbildung sowie die Qualitätssicherung. Deutsche medizinische Einrichtungen und Bildungsträger sind aufgrund ihres hohen Wissensstands im Ausland gefragt.

Freistaat Sachsen bei russischen Patienten beliebt

So erfreut sich etwa der Freistaat Sachsen bei russischen Patienten zunehmender Beliebtheit. Besondere Schwerpunkte sind zum Beispiel die medizinische Kinderrehabilitation oder die Behandlung bösartiger Erkrankungen. Nicht nur das touristisch hochattraktive Dresden profitiert von steigenden Besucherzahlen aus GUS-Staaten (Zusammenschluss verschiedener Nachfolgestaaten der Sowjetunion). Der sonst weniger bekannte Ort Radeburg in Sachsen etwa zählt, gemessen an den Zahlen der Übernachtungen, bundesweit zu den beliebtesten Reisezielen der Russen überhaupt. Auf der Basis historischer sächsisch-russischer Beziehungen sind neue intensive geschäftliche Verbindungen entstanden. Sichtbares Zeichen dafür sind mehrere russische Direktflugverbindungen vom Flughafen Dresden aus.

Gerade wird unter der Schirmherrschaft des sächsischen Ge­sund­heits­mi­nis­teriums eine russischsprachige Broschüre zur gemeinschaftlichen Anwerbung von russischen Patienten erarbeitet. Ebenfalls auf Russisch und auch auf Chinesisch erscheint eine Broschüre mit medizinischen, therapeutischen und pflegerischen Fort- und Ausbildungsangeboten verschiedener Bildungsträger, Hochschulen und der Wirtschaft in Sachsen.

Medizintourismus 2.0 bedeutet eine engere internationale Vernetzung und den Systemexport von Lösungen, das heißt medizinischem Know-how, Dienstleistungen und technisch-organisatorischen Komplettlösungen beziehungsweise Netzwerken bis hin zu schlüsselfertigen Krankenhäusern. Patienten, die ihr Heil im Ausland suchen, sind für kein Gesundheitssystem eine befriedigende Dauerlösung. Daher wurden auf russischer Seite erhebliche Investitionen im Gesundheitsbereich beschlossen.

Die Föderationsregierung und beauftragte Unternehmen suchen dazu Partner im Systemexport, vorzugsweise aus Deutschland. So informierte sich vor kurzem eine Delegation russischer Fachleute der Unternehmensgruppe RT-Biotechprom in sächsischen Gesundheitseinrichtungen. Das 2009 gegründete Unternehmen ist eine Holding auf dem Gebiet der industriellen Biotechnologien, der Pharmazeutik und der Medizintechnik. Es sucht unter anderem Partner in Deutschland zur strategischen Krankenhausplanung und zum Bau von schlüsselfertigen medizinischen Einrichtungen. Geplant ist die Errichtung von 20 Rehabilitationskliniken. Darüber hinaus werden Qualifizierungsmaßnahmen, Schulungen, Zertifizierungsprozesse, Investitionsmanagement, komplette Versorgungsnetzwerke (Schlaganfallnetz, Diabetes), Pflegekonzepte und Rehabilitationsmöglichkeiten nachgefragt.

Ähnliches lässt sich aus China berichten: Auch hier findet eine massive Aufrüstung im Gesundheitswesen statt. Gigantische Trabantenstädte rein medizinischer Ausrichtung und Luxusaltersheime sind Spiegelbild und Ausdruck des dortigen rasanten demografischen und Wertewandels. Bei näherer Betrachtung zeigen sich jedoch Defizite. Hinter eindrucksvoller Architektur fehlen häufig Qualitätsmerkmale „Made in Germany“, zuweilen hapert es zum Beispiel an einfachsten Hygienevorschriften. Doch das Problem ist erkannt, und so sollen Fachkräfte zur Hospitation nach Sachsen geschickt werden.

„Die Gesundheitswirtschaft leistet einen wichtigen Beitrag zum Außenhandelsumsatz Sachsens“, sagt Ge­sund­heits­mi­nis­terin Christine Clauß. Sie ist davon überzeugt: „Der Gesundheitssektor ist ein Zukunftsmarkt, der an Bedeutung weiter zunehmen wird.“ Dafür ist sie auch unterwegs in arabischen Staaten – mit Erfolg. Anfang des Jahres wurde zwischen einem sächsischen Unternehmen im Vogtland und der Regierung des Irak die Ausstattung von Operationssälen in vier Krankenhäusern mit hochmodernen Bildbetrachtungseinheiten vereinbart. „Die Araber müssen her“, lautet die kürzeste Formel der Staatsministerin zum Thema Medizintourismus, die sogar jüngst als Zitat des Jahres zur Prämierung stand.

Know-how-Transfer nach Griechenland

Der medizinisch-technische Fortschritt erzeugt global eine Nachfrage nach neuen Behandlungs-, Therapie-, Pflege- und Nachsorgemöglichkeiten aufgrund besserer Überlebensraten schwerstkranker Patienten. Die Verbesserung der Qualität und Wettbewerbsfähigkeit des Gesundheitstourismus ist auch im krisengeschüttelten Griechenland ein Topthema. Unter dem Eindruck der Finanzkrise bieten sich völlig neue Chancen, Traditionelles wiederzuentdecken und moderne medizintouristische Trends zu integrieren, auch um das daniederliegende öffentliche Gesundheitswesen Griechenlands wieder anzukurbeln. In den Wintermonaten von Oktober bis Mai leiden zudem viele griechische Touristikhotels unter Unterbelegung, und eine Menge Saisonarbeitskräfte sind arbeitslos. Qualifizierte medizintouristische Angebote eröffnen eine Verlängerung der Saisonzeiten.

Neuere medizintouristische Angebote gehen aber über die Zielgruppe der sogenannten Saisonresidenten, „Mallorca-Pensionäre“ beziehungsweise Best Ager hinaus. Nach dem Erwerbsleben folgt mit dem Ruhestand ein Lebensabschnitt, bei dem disponible Zeit zum Konsum von touristischen Leistungen zur Verfügung steht, der aber von erheblichen gesundheitlichen Beeinträchtigungen gekennzeichnet sein kann.

Konzepte für Langzeitaufenthalte

Broschüre für russische Patienten mit Informationen über medizinische Angebote im Rheinland (siehe www.fb01.h-brs.de/medizintourismus.html)
Broschüre für russische Patienten mit Informationen über medizinische Angebote im Rheinland (siehe www.fb01.h-brs.de/medizintourismus.html)

Von der Deutsch-Griechischen Versammlung (DGV) werden aktuell neue gesundheitstouristische Konzepte zwischen Deutschland und Griechenland angestoßen, die mit den vorhandenen Raum- und Personalkapazitäten vor Ort zusammengebracht werden sollen. „Was im Einzelnen praktisch machbar ist, müssen Fachleute klären“, erläuterte der Beauftragte der Bundesregierung für die DGV, der parlamentarische Staatssekretär Hans-Joachim Fuchtel. Von griechischer Seite interessiere man sich für anspruchsvolle Konzepte im Bereich Langzeitaufenthalte, zum Beispiel bei gerontopsychiatrischen Erkrankungen, Mobilitätseinschränkungen, Dialysepflicht, künstlicher Ernährung und chronischen Krankheiten bis hin zur Kurzzeitpflege von Selbstzahlern in einem urlaubstypischen Ambiente.

Im Rahmen dieser Kurzzeitpflege sollen auch die betreuenden Angehörigen profitieren: Diesen wird damit eine Alltagsentlastung ermöglicht. Hinzu kommen das milde Klima und die gesunde mediterrane Küche. Erste Feldversuche mit Seniorenpflegereisen belegten einen erhöhten Erholungsfaktor für alle Beteiligten.

In einem Pilotprojekt unter Federführung des Pflegenetzes Heilbronn e.V. sollen nun auf Rhodos Langzeitaufenthalte ab Oktober für betreuende und pflegende Angehörige mit deren kranken beziehungsweise dementen, pflegebedürftigen Partner (zunächst nur Pflegestufe 0 und 1) etabliert werden. Bestehende Hotels werden zu „Pflegehotels“ umgewandelt mit Pflegebetten, Notrufsystem und Barrierefreiheit, angebunden an ein lokales Netzwerk wie Sanitätshäuser, Krankenhäuser, Arztpraxen, Physio- und Ergotherapeuten.

Damit würde auch die lokale Wirtschaft gestärkt werden. Nicht nur für arbeitsloses Hotelpersonal, sondern vor allem auch für arbeitslose Pflegefachkräfte ergeben sich dadurch neue Perspektiven vor Ort – ohne die Folgen des Braindrains –, wie die Erlangung deutscher Sprachzertifikate und Zusatzqualifikationen zum Altenpfleger oder Betreuer. So soll in das Projekt auch die Krankenpflegeschule auf Rhodos, etwa im Rahmen der dualen Ausbildung nach deutschem Vorbild, eingebunden werden. Wenn zudem die Ausbildungsplätze gleichzeitig mit Sprachunterricht angeboten werden, können zusätzlich auch für den deutschen Arbeitsmarkt qualifizierte Pflegekräfte gewonnen werden.

Unterstützung nicht nur im Gesundheitstourismus

Das Thema „Gesundheitstourismus in Griechenland“ steht zudem explizit auf der Agenda von Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter Daniel Bahr, der vor wenigen Wochen der griechischen Regierung die Unterstützung seines Hauses zusicherte. Anlass war die jüngste Unterzeichnung des Vertrages für Reformen im griechischen Gesundheitswesen, der neben Konsultationen im Gesundheitstourismus auch maßgebliche Unterstützungen bei der Einführung von diagnosebezogenen Fallpauschalen, E-Health und der Neustrukturierung des nationalen Kran­ken­ver­siche­rungsträgers für Gesundheitsdienstleistungen beinhaltet.

Andreas Frädrich

Gesundhheits- versus Medizintourismus

Zum neuen Gesundheitstourismus zählen Reiseformen, bei der sich gesunde Personen zumeist als Selbstzahler ambulant oder stationär in eine diagnostische, präventive, kurative oder rehabilitative Behandlung begeben und dabei auch attraktive touristische Rahmenbedingungen wie gesundheitsförderndes Klima, Küche, Kultur und Erlebnis von Flora und Fauna vorfinden. Diese indikationsunabhängigen Angebote zielen – neben der Primärprävention und der Gesundheitserhaltung – auch auf den Aufbau von Kompetenzen für eine gesundheitsfördernde Lebensweise ab und sind ein Gegentrend zur Hektik und Technisierung des Alltags.

Zielgruppen dieses Wachstumsmarktes sind etwa die LOHAS (Lifestyle of Health and Sustainability), die gesundheitliche Angebote wie Selfnessurlaub, Personal-Coaching und Krisenmanagement, Ernährungs- und Natururlaube nutzen, um die eigene physische und psychische Leistungsfähigkeit zu erhalten. Im Zentrum steht ein ganzheitlicher, gesunder Lebensstil mit den Schwerpunkten Bio und Entschleunigung. Als Anbieter kommen dabei nicht nur heilklimatische Kurorte, sondern etwa auch Klöster infrage.

Medizintourismus ist dagegen krankheitsinduziert beziehungsweise indikationsbezogen. Zielgruppe können zum Beispiel Patienten sein, die aufgrund gesetzlicher Beschränkungen oder moralischer Gründe Behandlungen nur in ausländischen Kliniken vornehmen lassen können. Es handelt sich um Patienten, die weltweit die beste Behandlungsmöglichkeit beziehungsweise Therapie im Vergleich zu ihrem Heimatland suchen oder deren Behandlung im Ausland preiswerter ist. Dieser Personenkreis begibt sich aus finanziellen, terminlichen oder medizinischen Gründen auf Reisen. Die unterschiedlichen Zielgruppen variieren erheblich und werden zumeist über die Aufenthaltsdauer definiert. Einige Patienten halten sich nur stunden- oder tageweise zur Behandlung oder Operation auf.

Deutsche Kliniken profitieren

Businessmodell: Viele Krankenhäuser in Deutschland betreiben – betriebswirtschaftlich nachvollziehbar – einen erheblichen Aufwand zur Gewinnung von ausländischen Patienten. Während medizinische Leistungen je Behandlungsfall durch die Fallpauschalen für deutsche Akutpatienten explizit geregelt sind, sind internationale Patienten Selbstzahler. Aus Sicht der Kliniken stellen ausländische Gäste ein interessantes Businessmodell dar, weil sie in diesem Patientensegment zusätzliche Umsatzquellen und attraktive Nebeneinnahmen generieren können.

Zusätzliche nichtmedizinische Angebote sind jedoch neue Prozesse, die oft schwer in etablierte Abläufe der Kliniken zu integrieren sind und die Prozess- und Strukturveränderungen erfordern. Vor allem Sprachbarrieren zwischen Arzt und Patient sind problematisch, manchmal entstehen daraus auch Haftungsprobleme mit juristischen und gesundheitlichen Folgen.

International bedeutsame Medizindestinationen werden vor allem über die Fernsehberichterstattung und prominente Suchmaschinenergebnisse im Internet bekannt. Auch internationale Messen wie die Arab Health in Dubai werden als Vertriebsweg genutzt. Neben medizinischen Schwerpunkten (wie Folgen von Diabetes oder bösartige Erkrankungen) gibt es regional Präferenzen bei ausländischen Patienten. Arabischsprachige Patienten kommen etwa bevorzugt nach Bayern und Hessen.

Patientenvermittler: Neben Mundpropaganda und Empfehlungswesen spielen vor allem Vermittlungsagenten im Medizintourismus eine Rolle. So arbeiten knapp zwei Drittel aller im Geschäftsfeld „internationale Patienten“ tätigen Kliniken mit Patientenvermittlern zusammen. Diese sind häufig sprachkundige Einzelpersonen oder kleine Agenturen mit guten Kontakten vor Ort, die gegen Provision Patienten an inländische Kliniken vermitteln und auch Dienstleistungen im Zusammenhang mit der Akquisition und Betreuung internationaler Patienten übernehmen.

Erforderliche Dienstleistungen wie Direktmarketing im Ausland, Übersetzungen von Arztbriefen aus dem jeweiligen Heimatland, Erstellen von Kostenvoranschlägen, Terminabsprachen, Abwicklung von Reiseformalitäten nebst Beantragung medizinischer Visa, interkulturelle Betreuung von Patienten und deren Begleitpersonen vor Ort, medizinisches Dolmetschen und auch Fakturierung werden so outgesourct.

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