ArchivDeutsches Ärzteblatt35-36/2013Friedrich Reck: „Tagebuch eines Verzweifelten“

KULTUR

Friedrich Reck: „Tagebuch eines Verzweifelten“

Dtsch Arztebl 2013; 110(35-36): A-1639 / B-1447 / C-1429

Goddemeier, Christof

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Illustration: Elke Steiner
Illustration: Elke Steiner

Der Arzt und Schriftsteller hat sich mit Abscheu und Hass gegen den Nationalsozialismus verwahrt. Er starb 1945 im Konzentrationslager Dachau.

Elitärer Einzelgänger, Gutsbesitzer, Monarchist, ökologischer Fundamentalist, Fortschritts- und Technikfeind – diese Begriffe kennzeichnen Facetten eines Menschen, der sich in einer als feindlich wahrgenommenen Umwelt für eine anhaltende Maskerade entschied, um seine Seele zu verbergen. Als sein „Tagebuch eines Verzweifelten“ posthum 1947 erscheint, zollen ihm auch „linke“ Autoren Respekt: Klaus Harpprecht nennt es „eine Reifeprüfung für den deutschen Leser“, Bernt Engelmann attestiert dem Autor eine „konsequent anti-nazistische Grundhaltung“.

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1884 wird Friedrich Reck auf dem Gut Malleczewen in Ostpreußen geboren. 20-jährig tritt er in das 5. Infanterie-Regiment in Jena ein und immatrikuliert sich für Staats- und Volkswirtschaftslehre. Doch der militärische Drill liegt Reck nicht, ab 1904 studiert er in Königsberg Medizin. Selbst von Diabetes betroffen, wurde er mit einem „Beitrag zur Genese der Zylinder des Koma diabeticum“ promoviert. Seine Erkrankung bewahrt ihn vor der Teilnahme am Ersten Weltkrieg. Zum Arzt fühlt Reck sich nach einigen Vertretungen nicht berufen.

Sympathie mit den Geschwistern Scholl

Seine Frau ermutigt ihn zum Schreiben. Die Romane „Frau Übersee“ und „Die Dame aus New York“ begründen Recks Ruhm als Schreiber leichter Unterhaltung ohne literarischen Anspruch. Er erwirbt ein Gut bei Truchtlaching im Chiemgau, wo er ab 1933 lebt. Ist sein Schreiben anfangs auf die Bedürfnisse eines großen Publikums ausgerichtet, wird Reck im Laufe der Zeit mit dieser Art von Serienproduktion zunehmend unzufrieden. „Ich kann nicht mehr (. . .) die besten Dinge, die ich zu sagen habe, für mich behalten und Romane für Dienstmädchen und Droschkenkutscher schreiben“, klagt er 1931. Die Fassade eines spielerischen und wohlhabenden Menschen aufrechtzuerhalten, strengt ihn mehr und mehr an, wie er dem Schriftsteller Leo Perutz anvertraut. In „Bockelson – Geschichte eines Massenwahns“ (1937) behandelt Reck die Herrschaft der Wiedertäufer im Münster des 16. Jahrhunderts. Gleichzeitig beschreibt er darin Merkmale totalitärer Herrschaft, in denen jeder Leser die nationalsozialistische Diktatur erkennen kann.

Für kurze Zeit sieht Reck wie andere Vertreter der „konservativen Revolution“ im Nationalsozialismus eine Möglichkeit, die drohende gesellschaftliche Nivellierung des Individuums aufzuhalten. Doch als er 1936 sein „Tagebuch eines Verzweifelten“ beginnt, ist jede Hoffnung bereits in Hass umgeschlagen. Auch bei Prominenten wie Ernst Jünger und Martin Heidegger weicht ein anfängliches Wohlwollen gegenüber dem nationalsozialistischen Regime einer Ernüchterung. Doch Recks Abscheu vor der „Herde böser Affen“, als deren Gefangene er die Deutschen sieht, ist beispiellos. „Selten ist (. . .) mit einem so wütenden Hass Gericht über eine Zeit gehalten worden (. . .)“, schreibt Joachim Fest. Recks Ablehnung gilt auch der Gruppe um Graf Stauffenberg. Ihr wirft er vor, dem „Erzzerstörer Deutschlands“ den Steigbügel gehalten zu haben. Seine ganze Sympathie gilt dagegen den Geschwistern Scholl und ihren Freunden. Ende 1944 wird Reck verhaftet. Am 16. Februar 1945 stirbt er im Konzentrationslager Dachau an Flecktyphus.

Christof Goddemeier

Zeile C: Friedrich Reck. Frankfurt a. M. 1994.

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