ArchivDeutsches Ärzteblatt PP9/2013Liebe: Das Grab mit den Händen – Über den Tod hinaus

KUNST + PSYCHE

Liebe: Das Grab mit den Händen – Über den Tod hinaus

PP 12, Ausgabe September 2013, Seite 386

Kraft, Hartmut

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS

Manche Themen und Motive nehmen einen seltsamen Weg. So lernte ich das „Grab mit den Händen“ im Atelier des Priesters und Künstlers Herbert Falken kennen. Er hatte in den 80er Jahren eine Serie von Zeichnungen zu diesem Monument der Liebe geschaffen, die mich auf Anhieb sehr beeindruckten. Umso erstaunter war ich, als er mir sagte, dass er dieses Grab nie mit eigenen Augen gesehen hatte. Die Serie seiner Bilder beruhte einzig auf einem kleinen Foto und einem dazugehörigen Artikel in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“. Ich entschloss mich, das über seine Grenzen hinaus bekannte Grabmal, das „Graf met de handjes“ in Roermond/Niederlande, so bald als möglich aufzusuchen. In einem kleinen lokalen Reiseführer „Grote Monumenten in Roermond“ wird es besprochen und ziert sogar dessen Cover.

Foto: Hartmut Kraft
Foto: Hartmut Kraft

Das Grab befindet sich auf dem alten Friedhof der Stadt, der in einen katholischen, evangelischen und jüdischen Teil aufgeteilt ist. Das Grab von J. W. C. van Gorkum, eines Colonels der Kavallerie, liegt auf dem kleineren, evangelischen Teil des Friedhofs. Er lebte vom 10. Januar 1809 bis zum 29. August 1880. Ungewöhnlich ist die zusätzliche Angabe auf dem Grabstein, dass er mit J. C. P. H. van Aefferden, einer Frau aus adligem Hause, verheiratet war. Der Grabstein wird von einem Aufsatz mit dem Wappen des Soldaten gekrönt. Es zeigt einen Helm mit Federbusch, darunter im Wappenschild einen Totenkopf mit gekreuzten Gebeinen.

Anzeige
Hartmut Kraft: Das Grab mit den Händen, Roermond. 2009. Digitaldruck auf Leinwand, 200 ×150 cm
Hartmut Kraft: Das Grab mit den Händen, Roermond. 2009. Digitaldruck auf Leinwand, 200 ×150 cm

Die bereits genannte Ehefrau J. C. P. H. van Gorkum wurde auf dem größeren, katholischen Teil des Friedhofs beerdigt. Sie lebte vom 28. Juni 1820 bis zum 29. November 1888. Auch sie führt das Wappen ihres Mannes im oberen Teil des Grabsteins, zusätzlich das ihrer Familie.

War schon die Heirat eines adligen, katholischen Fräuleins mit einem bürgerlichen, evangelischen Soldaten in Roermond ein Ärgernis, so sollte sich dieses auch nach dem Tod der Liebenden fortsetzen: Ihnen wurde das gemeinsame Grab verwehrt! Herr van Gorkum wurde von seiner Frau auf dem evangelischen Teil des Friedhofs bestattet, allerdings direkt an der Mauer, welche die beiden Friedhöfe wie verfeindete Familien trennt. Acht Jahre später, als seine Frau ihm folgte, wurde sie an eben dieser Mauer – Kopf an Kopf zu ihrem Ehemann – auf dem katholischen Teil des Friedhofs bestattet. Das Ehepaar – oder auch erst Frau van Gorkum – hatte verfügt, dass ihrer beider Grabsteine bis über die trennende Mauer hochgezogen werden sollten. Über die Mauer hinweg reichen sich die Liebenden nun ihre in Stein geformten Hände. Dabei hat sich der Steinmetz die Mühe gemacht, die Hand der Ehefrau aus einer im Abschluss der Jacke gewellten und mit Knöpfen versehenen Manschette herausschauen zu lassen, die Hand des Colonels aus einer einfachen, gerade geschnittenen. So waren die Liebenden im Leben, so bleiben sie auch im Tode vereint, allen gesellschaftlichen (bürgerlich versus adlig) und vor allem religiösen (katholisch versus evangelisch) Trennungsbemühungen zum Trotz. Ein Monument der Liebe.

Dr. med. Hartmut Kraft

1.
Kraft H: BIS ZULETZT – Neun Zwischenräume für Kunst, Kultur und Religion. Kassel: Museum für Sepulkralkultur 2009.
2.
Zehnder FG: Herbert Falken. Aus der Dunkelheit für das Licht. Köln: Wienand Verlag 1993.
1.Kraft H: BIS ZULETZT – Neun Zwischenräume für Kunst, Kultur und Religion. Kassel: Museum für Sepulkralkultur 2009.
2.Zehnder FG: Herbert Falken. Aus der Dunkelheit für das Licht. Köln: Wienand Verlag 1993.

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema