ArchivDeutsches Ärzteblatt PP9/2013Interview mit Prof. Dr. Rainer Richter, Präsident der Bundes­psycho­therapeuten­kammer: „Die solidarische Absicherung ist eine große Errungenschaft“

POLITIK: Das Interview

Interview mit Prof. Dr. Rainer Richter, Präsident der Bundes­psycho­therapeuten­kammer: „Die solidarische Absicherung ist eine große Errungenschaft“

PP 12, Ausgabe September 2013, Seite 394

Osterloh, Falk; Rieser, Sabine

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Veränderung geschieht schrittweise – auch im Gesundheitswesen, weiß Rainer Richter. Er fordert, dessen Strukturen so zu verändern, dass psychisch Kranke mit komplexem Behandlungsbedarf ambulant versorgt werden können.

Fotos: Georg J. Lopata
Fotos: Georg J. Lopata

Welche gesundheitspolitischen Themen muss die nächste Bundesregierung vordringlich angehen?

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Richter: Der Fokus wird auf der Frage liegen, ob wir uns vom dualen Kran­ken­ver­siche­rungssystem verabschieden wollen beziehungsweise wie ein einheitlicher Markt für gesetzliche und private Kran­ken­ver­siche­rung aussehen könnte. Das zentrale Thema aus unserer Sicht ist aber, wie wir zu einer stärker integrierten Versorgung kommen. Multimorbide, schwer und chronisch kranke Menschen wünschen sich eine Versorgung, in der sich die verschiedenen Leistungserbringer verlässlich miteinander abstimmen. Die Hoffnung, dass Selektivverträge für viele Patienten zu einer solchen Versorgung führen, hat sich nicht erfüllt. Wir brauchen neue Ansätze, neue Lösungen für Selektivverträge, aber auch und vor allem Lösungen im kollektivvertraglichen Bereich.

Welche Herausforderungen kommen nach der Wahl vermutlich auf die Selbstverwaltung zu?

Richter: Die Parteien haben alle das Thema „Qualität“ entdeckt. Im stationären Bereich soll zum Beispiel die Qualität der Häuser bei der Planung und Finanzierung berücksichtigt werden. Schlechte Qualität soll dazu führen können, dass Krankenhäuser oder einzelne Abteilungen schließen müssen.

Die Fortschritte, die der Gemeinsame Bundes­aus­schuss allerdings bisher in Sachen sektorenübergreifender Qualitätssicherung gemacht hat, sind minimal. Seine Arbeit sollte effizienter werden. Wir brauchen zum Beispiel eine neue institutionelle Lösung für diese fachlich unabhängige Institution. Auch ist es an der Zeit, verstärkt Struktur- und Prozessqualität in den Blick zu nehmen – jedenfalls so lange, wie Lösungen zur Abbildung der Ergebnisqualität kaum gelingen.

Die größte Herausforderung aber wird sein: Wie machen wir Qualität sichtbar, ohne Fehlanreize zu setzen? Wie schaffen wir zusätzliche Anreize und Unterstützung für all diejenigen, die sich für Qualitätssicherung und -management engagieren beziehungsweise engagieren wollen?

Welche gesundheitspolitische Entscheidung ging in der zurückliegenden Legislaturperiode in die falsche Richtung?

Richter: Wer Planungssysteme einfach fortschreibt, bewegt sich nicht voran. Auch die neue Bedarfsplanung ist nicht sektorenübergreifend, nicht prospektiv und erst recht nicht bedarfsorientiert. Besonders schmerzhaft ist das für psychisch kranke Menschen, die auch nach der Reform der Bedarfsplanung unvertretbar lange auf einen Therapieplatz warten müssen. Immerhin wird sich in ländlichen Regionen einiges verbessern. Aber das ist Flickschusterei. Die Chance, einen neuen Ansatz für die Bedarfsplanung zu finden, damit sie ihrem Namen gerecht wird, wurde vergeben.

Welche aktuellen Positionen der Parteien gefährden die Versorgungsqualität im deutschen Gesundheitssystem und die Rahmenbedingungen der Tätigkeit von Psychologischen Psychotherapeuten?

Richter: Versorgung ist mehr als Ökonomie – auch wenn Krankenkassen manchmal versuchen, das der Gesundheitspolitik weiszumachen. Mit Psychotherapeuten ist eine Ruck-zuck-Medizin nicht zu machen. Zeit für die Gestaltung einer therapeutischen Beziehung und individuelle Behandlungspläne bleiben unsere Qualitätsstandards in der Therapie psychischer Erkrankungen. Die pauschalen Forderungen mancher Kassen nach immer kürzeren Behandlungen verkennen die Tatsache, dass auch psychische Erkrankungen eine häufig längere, manchmal lebenslange Behandlung erfordern. Derartige Forderungen würden bei chronischen körperlichen Erkrankungen – Diabetes mellitus Typ 2, Rheuma, Bluthochdruck – keinem einfallen. Sie bei psychisch kranken Menschen zu erheben, ist diskriminierend und fördert die Stigmatisierung.

Welche Partei beziehungsweise welches Parteienbündnis bietet die besten Lösungen für die künftigen Probleme des Gesundheitssystems?

Richter: Das Gesundheitssystem ist nur schrittweise veränderbar. Jede Veränderung baut auf vorherigen auf, so dass das System eher einer inneren Logik folgt, als dass es tatsächlich tiefgreifend politisch gestaltbar wäre. Aber das darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass es bei jeder Gesundheitsreform um die Balance zwischen Solidarität und Eigenverantwortung geht.

Die Bereitschaft zur Solidarität sollten wir fördern. Die solidarische Absicherung des Krankheitsrisikos ist eine große zivilisatorische Errungenschaft. Sie bietet mehr als 90 Prozent der Wohnbevölkerung in Deutschland Hilfe – so viel Hilfe, wie Patienten brauchen, und nicht nur so viel, wie sie bezahlen können. Nachholbedarf gibt es insbesondere für psychisch kranke Menschen. Zusammen mit diesen hoffen wir auf eine Politik, die keine Unterschiede mehr macht zwischen körperlichen und seelischen Erkrankungen und die eine konsequente Präventions- und Antistigma-Politik betreibt.

Wird sich das teilweise angespannte Verhältnis zwischen Ärzteschaft/Psychologischen Psychotherapeuten und Krankenkassen in den kommenden Jahren wieder verbessern?

Richter: Interessengegensätze und daraus resultierende Konflikte gehören zum Gesundheitssystem, nicht nur zwischen Krankenkassen und Leistungserbringern. Sie entstehen auch, wenn „neue“ Berufe ihren Platz fordern. In der Ärzteschaft sind auch zwölf Jahre nach dem Psychotherapeutengesetz immer noch Anpassungsstörungen zu beobachten. Aber auch Ärzte werden stärker zu Teamplayern werden. Die hergebrachte Standespolitik ist eigentlich schon überholt. Junge Ärztinnen und Ärzte, genauso wie Psychotherapeutinnen – neun von zehn Neuapprobierten sind künftig weiblich –, werden die Versorgung stärker kooperativ gestalten.

Die Krankenkassen sehen psychische Erkrankungen bisher vor allem als ökonomisches Problem. Ihre Betriebswirte entwickeln bisher wenig versorgungspolitische Fantasie. Ein paar Sozialpolitiker mehr würden da sicherlich weiterhelfen und es den Kassen ermöglichen, die Präferenzen ihrer Versicherten stärker zu berücksichtigen. Die Patientenorganisationen melden sich zunehmend zu Fragen der psychischen Gesundheit zu Wort. Das ist eine gute Entwicklung.

Welches Ihrer Anliegen hat in der letzten Legislaturperiode zu wenig Beachtung gefunden und gehört rasch auf die politische Agenda?

Richter: Psychisch kranke Menschen mit einem komplexen Behandlungsbedarf können im Schwerpunkt ambulant versorgt werden, wenn ambulant eine integrierte Leistungserbringung gelingt. An letzterem scheitert das Gesundheitssystem seit mehr als 40 Jahren. Psychisch kranke Menschen liegen im Krankenhaus länger und häufiger, als sie es bei ihrem Versorgungsbedarf eigentlich müssten. Aus unserer Sicht ist es an der Zeit, hier eine Lösung zu finden, die flächendeckend und damit kollektivvertraglich psychisch kranken Menschen eine ambulant orientierte und integrierte Versorgung bietet.

Das Interview führten
Falk Osterloh und Sabine Rieser.

Zur Person

Egal aus welcher Parteienkonstellation die nächste Bundesregierung hervorgeht, Prof. Dr. Rainer Richter wird zu vielen gesundheitspolitischen Fragestellungen gehört werden. Denn, salopp formuliert: Psychothemen boomen. Zurücklehnen kann er sich deshalb nicht. Richter wird nicht müde, darauf hinzuweisen, dass die psychotherapeutische Versorgung noch zu wünschen übrig lässt, beispielsweise bei Älteren und bei Patienten auf dem Land.

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