ArchivDeutsches Ärzteblatt PP9/2013Interview mit Felix Jansen, Psychologischer Psychotherapeut: „Die Kostenerstattung bietet definitiv mehr Freiheiten“

POLITIK: Das Interview

Interview mit Felix Jansen, Psychologischer Psychotherapeut: „Die Kostenerstattung bietet definitiv mehr Freiheiten“

PP 12, Ausgabe September 2013, Seite 404

Bühring, Petra

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Ein junger Psychologischer Psychotherapeut aus Köln, ohne Praxissitz, über seine Erfahrungen mit Psychotherapie im Rahmen von Kostenerstattung und warum er persönlich keine Zulassung anstrebt

Nach dem Studium der Psychologie im holländischen Nijmegen absolvierte der 31- Jährige eine Ausbildung zum Verhaltenstherapeuten in Köln, die er im Frühjahr 2012 abschloss. Zusammen mit jungen Kollegen arbeitet er in der „Kölner Psychotherapiepraxis“ im Rahmen der Kostenerstattung; außerdem hat er eine halbe Stelle in einer psychiatrischen Akutklinik. Berufspolitisch engagiert sich Jansen im Landesvorstand Nordrhein der Deutschen Psychotherapeuten- Vereinigung. Foto: Murat Türemis
Nach dem Studium der Psychologie im holländischen Nijmegen absolvierte der 31- Jährige eine Ausbildung zum Verhaltenstherapeuten in Köln, die er im Frühjahr 2012 abschloss. Zusammen mit jungen Kollegen arbeitet er in der „Kölner Psychotherapiepraxis“ im Rahmen der Kostenerstattung; außerdem hat er eine halbe Stelle in einer psychiatrischen Akutklinik. Berufspolitisch engagiert sich Jansen im Landesvorstand Nordrhein der Deutschen Psychotherapeuten- Vereinigung. Foto: Murat Türemis

Niemand arbeitet freiwillig im Rahmen der Kostenerstattung, oder?

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Felix Jansen: Da muss ich Ihnen widersprechen. Ich persönlich arbeite freiwillig in der Kostenerstattung. Denn auch wenn es umständlicher und unsicherer ist – man hat natürlich gewisse Freiheiten. Ich habe nicht den Grundversorgungsauftrag innerhalb der vertragsärztlichen Versorgung wie ein Niedergelassener, der seine Stunden erfüllen muss. Ich muss mich nicht an die Rahmenbedingungen der Kassenärztlichen Vereinigung halten, sondern „nur“ an die der Krankenkassen. Die Kostenerstattung bietet definitiv mehr Freiheiten – auch in der persönlichen Lebensplanung.

Inwiefern?

Jansen: Nach der Approbation habe ich eine Halbtagsstelle in einer akutpsychiatrischen Klinik in Langenfeld angenommen. Montags biete ich hier in der „Kölner Psychotherapiepraxis“ – die wir zusammen mit anderen jungen Kollegen gegründet haben – Psychotherapie an. Wenn ich merke, dass ich mehr Zeit habe, kann ich einfach aufstocken. Da bin ich sehr flexibel. Außerdem brauche ich Zeit für meine berufspolitischen Aktivitäten innerhalb der Deutschen Psychotherapeute-Vereinigung und für Fortbildungen.

Wenn Sie die Möglichkeit hätten, hier in Köln eine Zulassung zu bekommen . . .

Jansen: . . . würde ich sie momentan nicht annehmen. Aber das hat auch den Hintergrund, dass ich mittel- bis langfristig nicht ausschließlich Psychotherapie machen will. Mich reizt das Thema Prävention und Gesund­heits­förder­ung, da will ich gerne einsteigen. Außerdem ist eine Niederlassung eine Verpflichtung und eine Bindung, und man muss viel Geld investieren. In Köln liegen die Kosten für einen Praxissitz zwischen 60 000 und 80 000 Euro. Aber auch ohne Zulassung könnte ich in Köln in Vollzeit Psychotherapie anbieten. Der Bedarf ist da. Wenn ich eine Niederlassung unbedingt wollte, könnte ich zurück an den heimatlichen Niederrhein gehen. Im Kreis Kleve sind aktuell neue Sitze entstanden. Aber ich bin 31, ich will flexibel durchs Leben gehen. Das möchte ich jetzt nicht aufgeben.

Wie haben Sie die Patienten auf sich aufmerksam gemacht?

Jansen: Wichtig ist zum einen die Internetpräsenz, also unsere Homepage. Und zweitens sind wir Klinkenputzen gegangen bei Ärzten: Hausärzte, Psychiater und Neurologen. Man kann etwa mit einem halben bis einem Jahr rechnen, bis die Abläufe so greifen, dass man regelmäßige Einkünfte erzielt.

Wie ist Ihre Erfahrung mit der Genehmigungspraxis der Krankenkassen?

Jansen: Es ist wichtig, wie man den Ablauf handhabt. Ich beantrage zuerst die Probatorik und warte dann erst einmal drei bis vier Wochen, bis die Bewilligung kommt. Wenn ich dann den Antrag geschrieben und abgeschickt habe, dauert es noch einmal drei bis fünf Wochen. Nach dem Inkrafttreten des Patientenrechtegesetzes geht es manchmal auch schneller.

Erleben Sie Unterschiede bei den Krankenkassen hinsichtlich der Bewilligung?

Jansen: Ja, ganz klar: DAK und Barmer-GEK bewilligen nach unserer Erfahrung gar nicht. Den Versicherten dieser Kassen, die uns anrufen, müssen wir dann sagen, dass es sehr schwierig ist, wir sie aber gerne trotzdem unterstützen. Schreiend ungerecht ist das.

Aber es geht auch anders: Mit der Techniker-Krankenkasse und der AOK hier in Köln läuft es sehr gut. Die Sachbearbeiter wissen über die Kostenerstattung Bescheid und kennen uns. Die Bewilligung ist kein Problem.

Wie reagieren Therapieplatzsuchende, wenn Sie sagen, dass die Kostenerstattung mit einem höheren Aufwand verbunden ist?

Jansen: Die meisten wissen es. Sie haben sich vorher informiert. Meist sagen sie, dass sie froh seien, einen Therapieplatz zu bekommen, dass ihnen der Rest egal sei. Ich spüre bei den meisten eine große Erleichterung.

Wie hoch ist denn der zusätzliche Aufwand?

Jansen: Erst einmal müssen die Hilfesuchenden bei ihrer Kasse anrufen und nachfragen, was sie benötigt. Jede Kasse hat eine andere Methode. Sie müssen dann Formulare ausfüllen und zusätzlich dann einen formlosen Antrag auf Bewilligung an die Kasse schicken. Der Versicherte muss aktiver werden als normalerweise – der Rest läuft über uns.

Müssen die Patienten nicht auch Absagen anderer Therapeuten nachweisen?

Jansen: Ja, das ist Grundvoraussetzung, um bei uns angenommen zu werden. Meistens müssen sie sieben bis zehn Anfragen nachweisen, damit die Krankenkasse zufrieden ist.

Ist es notwendig, einen schriftlichen Nachweis der Psychotherapeuten vorzulegen, die keinen Platz hatten?

Jansen: Nein, der Patient muss selbst eine Liste machen. Wir haben ein Formular, eine Tabelle, in die die Patienten eintragen können, welche Therapeuten sie kontaktiert haben. Die Kassen können die Therapeuten auch anrufen, um sich die Absagen bestätigen zu lassen. Man bekommt schlichtweg keinen Platz innerhalb von drei Monaten, obwohl Köln statistisch überversorgt ist.

Was würden Sie sich wünschen von der Selbstverwaltung und der Politik im Hinblick auf die langen Wartezeiten?

Jansen: Solange die Politik und die Selbstverwaltung nicht dafür sorgen, dass mehr Kassensitze geschaffen werden, finde ich es in Ordnung und wichtig, dass Psychotherapie im Rahmen von Kostenerstattung weiter wächst. Natürlich sollten mehr Praxissitze geschaffen werden – gegen alle Widerstände. Mir tun auch die niedergelassenen Kollegen leid, die so viele Anrufe von Menschen bekommen, die wirklich leiden, sich dann dazu durchringen, eine Therapie zu machen, und dann nur Absagen bekommen. Wir machen den Beruf, um Menschen zu helfen, mit dem eigenen Leid umzugehen und es zu lindern, und dann ist man dazu gezwungen, es noch zu vergrößern. Das ist eine untragbare Situation.

Das Interview führte Petra Bühring.

Kostenerstattung

Nach § 13 Absatz 3 SGB V können psychisch Kranke, die vergeblich einen Therapieplatz bei einem im Kassenarztsystem zugelassenen Psychotherapeuten gesucht haben, auch approbierte Psychotherapeuten, die in privater Praxis ohne Zulassung arbeiten, aufsuchen. Das SGB V sieht vor, dass gesetzliche Krankenkassen die Kosten für eine notwendige unaufschiebbare Leistung erstatten müssen, wenn diese im Sachleistungsprinzip nicht rechtzeitig erbracht werden kann.

Diese „Kostenerstattung bei Systemversagen“ hat in den letzten zehn Jahren enorm zugenommen, weil Hilfesuchende keinen regulären Therapieplatz finden. Nach Angaben der Bundes­psycho­therapeuten­kammer haben sich die Ausgaben der Krankenkassen hierfür von 2003 bis 2012 verfünffacht, von knapp acht Millionen Euro auf mehr als 41 Millionen Euro.

Um die Praxis einiger Kassen einzudämmen, Anträge auf Kostenerstattung einfach liegenzulassen, hat das Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­ium klargestellt, dass Anträge dann als genehmigt gelten, wenn sie nicht innerhalb von höchstens fünf Wochen von der Krankenkasse entschieden werden.

@Infoflyer im Internet: www.aerzteblatt.de/pp09404

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