ArchivDeutsches Ärzteblatt PP9/2013US-Gesundheitswesen: Überraschender Ausgabenrückgang

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US-Gesundheitswesen: Überraschender Ausgabenrückgang

PP 12, Ausgabe September 2013, Seite 406

Schmitt-Sausen, Nora

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Erstmals seit Jahren sinken in den USA die Gesundheitskosten. Die Umwälzungen durch Obamacare sollen mitverantwortlich für die positive Entwicklung sein.

Es sind Meldungen, die US-Präsident Barack Obama aufhorchen lassen: Mehr und mehr Studien belegen, dass die Gesundheitskosten in den USA, die seit Jahren schier ins Unermessliche zu steigen schienen, konstant sinken. Das Wachstum bei Gesundheitsausgaben lag nach offiziellen Angaben zwischen 2009 und 2011 lediglich bei je 3,9 Prozent. Zuvor lagen die Wachstumsraten über viele Jahre zwischen sechs und zehn Prozent jährlich. Die Gesundheitsforscher von Pricewaterhouse Coopers prognostizieren, dass die Gesundheitskosten im Jahr 2014 sogar noch geringer wachsen werden als 2013. Andere Studien – etwa der Harvard-Universität – kommen zu ähnlichen Ergebnissen, wobei niemand zu sagen vermag, ob die sinkenden Ausgaben von Dauer sein werden.

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Für den Rückgang der Ausgaben werden mehrere Gründe genannt: Die Rezession und die schwache Konjunktur hätten dazu geführt, dass sich die US-Bürger bei Gesundheitsausgaben zurücknahmen. Auch weniger Neueinführungen in der Medizintechnik und bei Medikamenten könnten von Bedeutung sein. Viele Experten rechnen den Rückgang den Umwälzungen zu, die seit der Unterzeichnung der Gesundheitsreform durch das System gehen.

Patienten müssen mehr aus eigener Tasche bezahlen

Obamacare, dessen primäres Anliegen die Ausweitung der Versorgung auf 95 Prozent der US-Amerikaner ist, verfolgt mehrere Ansätze, um die Kosten im System zu drücken. Das Gesetz soll Überversorgung und Verschwendung reduzieren, etwa bei Medicare, dem staatlichen Programm für Senioren. Zuwendungen für Versorgungseinrichtungen werden gekürzt, Bezahlmodelle geändert und höhere Beteiligungen finanzkräftiger Patienten eingefordert. Die Langzeitperspektive des Programms habe sich dank der Einsparungen nach offiziellen Angaben „leicht verbessert“. 500 Milliarden Dollar sollen in den kommenden zehn Jahren allein hier eingespart werden.

Doch die sinkenden Staatskosten sind nur eine Seite der Medaille. Trotz der positiven Ausgabenentwicklung sind die Belastungen für viele US-Bürger weiterhin immens. „Der Rückgang bei den Gesundheitskosten ist für den Durchschnittsbürger völlig realitätsfern“, sagte Drew Altman, Präsident der unabhängigen Kaiser Family Foundation, der „New York Times“. Die Gesundheitsexperten sähen nur die Gesamtsumme. Die Kosten, die von den Bürgern im Gesundheitssektor getragen würden, seien in den vergangenen zehn Jahren um 140 Prozent gestiegen. Dies liegt vor allem daran, dass die Anzahl der Leistungen, die die Patienten aus eigener Tasche bezahlen, deutlich zugenommen hat.

Ab 1. Januar 2014 greift in den USA die Pflicht zur Versicherung, bereits ab 1. Oktober können sich unversicherte Amerikaner für den Erwerb von Gesundheitsplänen einschreiben. Inwieweit sich die Ausweitung des Versicherungsschutzes auf die Preise der Versicherungen auswirken wird, ist unklar. Die Fragen, wie teuer die USA die Jahrhundertreform wirklich zu stehen kommt und welche Belastungen der Einzelne zu tragen hat, sind derzeit die der meist diskutierten Fragen im Gesundheitswesen.

Fest steht: In einigen Bundesstaaten wollen Versicherer die Kosten ihrer Versicherungsprämien für einige Bevölkerungsgruppen stark anheben. Die Policen sollen künftig um 20 Prozent und mehr steigen. Das „Wall Street Journal“ rechnet in einer Analyse gar vor, dass sich einzelne Versicherungsraten verdoppeln oder gar verdreifachen könnten. Betroffen sollen vor allem Patienten sein, die nicht über den Arbeitgeber versichert sind und sich privat versichern.

Ge­sund­heits­mi­nis­terin Kathleen Sebelius räumte ein, dass mit der neuen Versicherungspflicht die Versorgung für einige teurer wird. Fotos: picture alliance
Ge­sund­heits­mi­nis­terin Kathleen Sebelius räumte ein, dass mit der neuen Versicherungspflicht die Ver­sorgung für einige teurer wird. Fotos: picture alliance

Die Obama-Regierung wird nun überprüfen, ob diese hohen Steigerungen gerechtfertigt sind. Dazu sind die Behörden seit der Reform berechtigt. Anfang Mai kündigte die Regierung an, dass sie die Versicherer ab sofort dazu verpflichten wird, alle Preiserhebungen zu melden – und seien sie noch so gering – und sie wo möglich zurückzuweisen. In der Versicherungsindustrie löst dieser Vorstoß naturgemäß Entrüstung aus, Verbraucherrechtsinitiativen jubeln dagegen. „Wir gratulieren der Regierung zu den neuen Meldepflichten. Das ist ein großer Schritt in die richtige Richtung“, zitiert die „New York Times“ Carmen L. Balber von der Organisation Consumer Watchdog in Washington. Die Kaiser Family Foundation urteilte bereits im Herbst 2012, dass das staatliche Monitoring grundsätzlich eine positive Auswirkung auf die Entwicklung der Policen habe.

Allerdings: Dass mit der staatlich verordneten allgemeinen Versicherungspflicht die Versorgung für einige teurer werde, räumt die Regierung offen ein. Der Preis für das Ende der Diskriminierung auf dem Versicherungsmarkt gegenüber Menschen mit Vorerkrankungen, Frauen und älteren Patienten sei womöglich, dass Männer und junge Amerikaner künftig mehr zahlen müssten, sagte Ge­sund­heits­mi­nis­terin Kathleen Sebelius. Noch sei aber „alles Spekulation“.

Nicht nur im Versicherungswesen, auch im Kliniksektor betritt die amtierende US-Regierung im Zuge der Gesundheitsreform Neuland. Sie übt massiven Druck auf die Akteure aus. Das Ge­sund­heits­mi­nis­terium veröffentlichte im Frühsommer die Preise, die 3 000 Krankenhäuser landesweit für die 100 gängigsten Behandlungen nehmen – eine „bahnbrechende Initiative“, wie das renommierte „Time Magazine“ urteilte. Damit werde ein Stück der Geheimniskrämerei um Krankenhausrechnungen beendet.

Die Preisunterschiede bei Operationen sind riesig

Das Resultat der Studie: Die Preise für Verschreibungen, Eingriffe und Operationen variieren innerhalb der USA teils drastisch, selbst wenn die Häuser nur wenige Kilometer auseinanderliegen. So kostet beispielsweise die Behandlung eines leichten Herzinfarkts im New Yorker Stadtteil Brooklyn 44 000 Dollar und in einem Krankenhaus in Manhatten lediglich 16 000 Dollar. Die Kosten für ein künstliches Gelenk liegen zwischen 5 000 Dollar in Oklahoma und 220 000 Dollar in Kalifornien. Die Versorgung einer Lungenentzündung ohne Komplikationen schlägt in einem Krankenhaus in Philadelphia den Daten nach mit 124 000 Dollar zu Buche, im Bundesstaat Missouri kostet sie lediglich 5 000 Dollar. Im Landesdurchschnitt werden 24 000 Dollar für die Behandlung einer einfachen Lungenentzündung abgerechnet.

In welche Richtung sich die Gesundheitskosten für Land und Bürger entwickeln, wird sich verlässlich erst im Laufe des kommenden Jahres zeigen, wenn die Pflicht zur Versicherung kommt. Fest steht aber schon jetzt: Obamacare bringt des marode Gesundheitssystem der USA mächtig in Bewegung.

Nora Schmitt-Sausen

Kritik an Obamacare

Zu langsam, nicht durchdacht, schlecht vorbereitet, zu komplex: Wenige Monate bevor in den USA der Weg zur allgemeinen Versicherungspflicht bereitet sein muss, nimmt die Unruhe im Gesundheitswesen zu. In den US-Medien häufen sich Berichte über Verzögerungen, nicht klar definierte Regeln bei der Implementierung und Klagen über Mängel an offiziellen Informationen. Anfang Juli musste die Regierung Obama einen schweren Rückschlag einstecken. Ein zentrales Element der Reform wird um ein Jahr verschoben. Arbeitgeber mit mehr als 50 Mitarbeitern sind nun erst ab 2015 verpflichtet, ihren Angestellten Kran­ken­ver­siche­rungsschutz zu gewähren. Geplant war, dass diese Regel bereits ab dem kommenden Jahr gilt. Die Regierung beugte sich dem Druck der Arbeitgeber, die angesichts der Komplexität der Regel Bedenken hatten.

Auch der Ausbau der neuen regionalen Online-Versicherungsmärkte, über die sich unversicherte Privatpersonen bereits ab dem 1. Oktober für Policen einschreiben können, stockt. Viele Bundesstaaten weigern sich, die nötigen Strukturen dafür zu schaffen, Washington muss einspringen. Ein ähnliches Bild zeigt sich bei der geplanten Ausweitung von Medicaid, dem staatlichen Gesundheitsprogramm für sozial Schwache. Auch dieses Programm ist regional organisiert, aber viele, oft republikanisch regierte Bundesstaaten stellen sich gegen die Pläne Obamas.

Selbst populäre demokratische Politgrößen bezeichnen das Gesetz inzwischen als „extrem problematisch“ und prognostizieren große Schwierigkeiten rund um das Inkrafttreten der zentralen Säule der Reform, der Pflicht zur Versicherung ab Januar 2014.

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