ArchivDeutsches Ärzteblatt PP9/2013Psychotherapie in Europa: Schweden – Psychotherapie wird kaum genutzt

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Psychotherapie in Europa: Schweden – Psychotherapie wird kaum genutzt

PP 12, Ausgabe September 2013, Seite 410

Sonnenmoser, Marion

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Foto: Fotolia/daboost, Fotolia/Christian Kipka
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Im Hinblick auf psychische Erkrankungen sind die Schweden biologisch-medizinisch orientiert. Demzufolge werden Betroffene in der Primärversorgung und in der Psychiatrie in erster Linie mit Psychopharmaka behandelt. Dass auch Psychotherapie wirksam ist, wird zwar anerkannt, aber nur selten umgesetzt.

Bis Anfang der 90er Jahre garantierte die staatliche Wohlfahrt der schwedischen Bevölkerung eine umfangreiche und vielfältige medizinische Versorgung. Wirtschaftskrise und Staatsverschuldung zwangen die Schweden jedoch zum Umdenken und zur Reform des aus Steuergeldern finanzierten Gesundheitssystems, zum Beispiel durch die Einführung von Selbstbeteiligung, Anreizsystemen und Wettbewerb. Während Befürworter das reformierte Gesundheitssystem als fortschrittlich und vorbildhaft preisen, bemängeln Kritiker umfassende Sparzwänge und Leistungskürzungen, Engpässe in der Grundversorgung, Personal- und Bettenmangel, schlechte Bezahlung und harte Arbeitsbedingungen für medizinische Fachkräfte sowie eine vergleichsweise hohe Beteiligung der Patienten an den Kosten.

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Lebensbedrohliche Konsequenzen der Reform

Für schwedische Patienten bedeutet die Reform, dass sie von Ärzten und Kliniken erst einmal abgewiesen und zur Selbsthilfe und Selbstmedikation angeregt werden. Sie müssen für viele Behandlungen Zuzahlungen leisten und sogar auf Routineoperationen sehr lange warten, mit zum Teil lebensbedrohlichen Konsequenzen. Darüber hinaus sind Patienten auf dem Land und in kleinen Dörfern medizinisch teilweise unterversorgt, obwohl es Anreizsysteme für Ärzte gibt, in ländlichen Gegenden zu praktizieren.

Im Hinblick auf psychische Erkrankungen ist man in Schweden biologisch-medizinisch orientiert. Demzufolge werden psychisch Erkrankte in der Primärversorgung und in der Psychiatrie in erster Linie mit Psychopharmaka behandelt. Dass auch Psychotherapie wirksam ist, etwa bei Angststörungen und Depressionen, wird zwar anerkannt, aber nur selten umgesetzt. „Psychologisch-psychotherapeutische Hilfe spielt in der Primärversorgung des schwedischen Gesundheitssystems kaum eine Rolle“, berichtet der Verhaltenstherapeut Dan Katz von der Schwedischen Gesellschaft für Verhaltenstherapie. Nur in Ausnahmefällen wird eine psychotherapeutische Behandlung in der Primärversorgung ergänzend zur psychopharmakologischen in Erwägung gezogen; hierbei wird der kognitiven Verhaltenstherapie vor psychodynamischer Psychotherapie, Psychoanalyse und anderen Therapierichtungen der Vorzug gegeben, und es werden teilweise niedergelassene Psychotherapeuten hinzugezogen. Für eine Psychotherapie müssen nicht selten Zuzahlungen geleistet werden, teilweise muss die Behandlung auch allein vom Patienten finanziert werden, da Kran­ken­ver­siche­rungen nicht dafür aufkommen.

Die meisten Psychotherapeuten in Schweden sind niedergelassen und praktizieren in der eigenen Praxis; in Krankenhäusern und psychiatrischen Kliniken sind hingegen nur relativ wenige tätig. Etwa die Hälfte ist psychodynamisch-psychoanalytisch orientiert; die Anzahl der kognitiv-behavioral, systemisch und integrativ-eklektisch behandelnden Therapeuten steigt seit einigen Jahren jedoch stetig an. Während die Berufsbezeichnung „Psychotherapeut“ geschützt ist, wird die Ausbildung und Qualifizierung von Psychotherapeuten nicht staatlich geregelt, mit der Folge, dass sich ein relativ unübersichtlicher Markt an Ausbildungsangeboten und Psychotherapieanbietern entwickelt hat.

Qualität der Ausbildung wird kaum kontrolliert

In den Beruf des Psychotherapeuten drängen vor allem Psychologen und Ärzte, aber auch Sozialarbeiter und Krankenschwestern. Sie können sich in verschiedenen Institutionen fortbilden, zum Beispiel in privaten Instituten, universitären Einrichtungen oder in Ausbildungsstätten, die von verschiedenen Fachgesellschaften oder vom öffentlichen Gesundheitswesen betrieben werden. Die Qualität und Seriosität der Anbieter und Ausbildungen wird nur selten kontrolliert, so dass es teilweise große Abweichungen gibt.

An europäischen und weltweiten Standards in der Ausbildung orientieren sich vor allem Fachgesellschaften und Universitäten. Sie bieten eine Zusatzausbildung mit theoretischen und praktischen Anteilen an, die fünf Jahre dauert und mit der Akkreditierung als Psychotherapeut abschließt. Staatliche Förderung erhielten in den vergangenen fünf Jahren vor allem solche Institute, die in kognitiver Verhaltenstherapie (CBT) oder in interpersoneller Psychotherapie (IPT) ausbildeten. Momentan gibt es circa 4 000 akkreditierte Psychotherapeuten sowie eine unbekannte Anzahl an weiteren Therapeuten ohne offiziellen Qualifikationsnachweis. Nach Meinung von Katz reichen diese Psychotherapeuten jedoch nicht aus, um eine durchgängige psychotherapeutische Versorgung in Schweden zu gewährleisten, weder heute noch in Zukunft. Wie in anderen Ländern, so steigt auch in Schweden der Bedarf an psychotherapeutischer Hilfe seit längerem kontinuierlich an, aber von staatlicher Seite geschieht noch nicht genug, um dieser Entwicklung Rechnung zu tragen.

Um mehr Psychotherapie in Schweden anbieten zu können, müssten sich zuerst bestimmte Haltungen und Gewohnheiten ändern, zum Beispiel diejenige, psychische Erkrankungen primär psychopharmakologisch zu behandeln. Darüber hinaus müsste es mehr Ausbilder, Supervisoren und Institutionen geben, die eine anerkannte und qualitätsvolle Ausbildung anbieten. In der Primärversorgung und in der Psychiatrie sollte Psychotherapie allgemein eine deutliche Aufwertung erfahren, und das Angebot sollte ausgebaut werden. Darüber hinaus sollte auch die Ausbildung in anderen Psychotherapieverfahren als der CBT und der IPT staatlich gefördert werden. Und schließlich müssten Psychotherapeuten eine andere Position innerhalb des Gesundheitswesens zugesprochen bekommen, das heißt, sie sollten stärker beachtet und wertgeschätzt werden und selbstverständlicher als bisher in die Behandlung psychisch Erkrankter eingebunden werden. Möglicherweise werden solche Veränderungen in absehbarer Zeit von immer mehr Patienten und Psychotherapeuten in Schweden eingefordert.

Dr. phil. Marion Sonnenmoser

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