ArchivDeutsches Ärzteblatt PP9/2013Selbstverletzendes Verhalten bei Jugendlichen: Hohe Anforderungen an die Therapie

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Selbstverletzendes Verhalten bei Jugendlichen: Hohe Anforderungen an die Therapie

PP 12, Ausgabe September 2013, Seite 414

Sonnenmoser, Marion

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Selbstverletzendes Verhalten ist bei Jugendlichen relativ weit verbreitet. Frühzeitige psychotherapeutische Behandlung ist hilfreich, ebenso Psychoedukation im Rahmen der Familie. Mehr Forschung zu Ursachen, Patientensubgruppen und zur Wirksamkeit von Therapieverfahren ist notwendig.

Foto: iStockphoto
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Zahlreiche Stressfaktoren gibt es im Leben von Jugendlichen, etwa Sorgen wegen der Schulnoten, Versetzung oder Ausbildung, Ärger mit Eltern, Lehrern oder Gleichaltrigen, Leistungsdruck und Zukunftsängste. Anstatt jedoch die dadurch hervorgerufenen emotionalen Spannungen und negativen Emotionen konstruktiv abzubauen, zum Beispiel durch Gespräche oder Sport, greifen einige Jugendliche zu Messern, Scheren und anderen Werkzeugen und verletzen sich selbst. Sie ritzen sich in die Unterarme, halten Wunden offen, verbrennen Zigaretten auf der Haut oder halten die Hand über offenes Feuer.

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Die meisten Eltern bemerken davon lange Zeit nichts, denn die Jugendlichen verstecken geschickt ihre Verletzungen, indem sie zum Beispiel langärmlige Kleidung tragen, sich nicht vor den Eltern umziehen und den Schwimmbadbesuch verweigern. Erst wenn eine Blutung nicht mehr zu stillen ist, Verletzungen sich entzünden oder der Notarzt gerufen werden muss, wird den Eltern das Problem bewusst. Sie sind erschrocken, verstehen die Beweggründe nicht und denken, ihr Kind wolle sich umbringen. Dies beabsichtigen die meisten betroffenen Jugendlichen jedoch keineswegs. Für sie scheint die Selbstverletzung eine Möglichkeit, um überbordende Emotionen zu regulieren.

Von Gefühlen ablenken

Durch selbstverletzendes Verhalten wollen sie sich von ihren Gefühlen ablenken oder negative Gedanken unterdrücken. Sie verletzen sich meistens so stark, dass Blut fließt, wobei sie offenbar während der Selbstverletzung keine Schmerzen empfinden. Zudem erhalten sie oft viel Aufmerksamkeit und Zuwendung, etwa durch Ärzte oder besorgte Familienmitglieder, und sie werden in ihrer Peergroup nicht selten als „etwas Besonderes“ angesehen (Kasten). Obwohl selbstverletzendes Verhalten sozial unerwünscht ist, erfährt es also dennoch eine gewisse Wertschätzung und bringt Vorteile auf sozialer Ebene für die Betroffenen mit sich, was zur Aufrechterhaltung des Verhaltens führt.

Selbstverletzendes Verhalten ist ein unter Jugendlichen relativ weit verbreitetes Phänomen. Etwa jeder fünfte deutsche Jugendliche dürfte sich schon einmal absichtlich verletzt oder Schmerzen zugefügt haben. Das Verhalten wird meist um das 13. Lebensjahr zum ersten Mal gezeigt. Zwei Drittel der Betroffenen sind weiblich, wobei der Anteil der männlichen Betroffenen zunimmt. „Die Ursachen und Funktionen des Verhaltens sind vielfältiger Natur“, sagen die Psychologen Prof. Dr. Franz Petermann und Dr. Sandra Winkel von der Universität Bremen. So spielen beispielsweise aus verhaltenstherapeutischer Sicht die Belohnung durch das Nachlassen aversiver emotionaler Zustände, die Aufmerksamkeit der Umwelt und der Druck der Peergroup eine Rolle. Tiefenpsychologische Deutungen gehen von gestörter Identität, Selbstbestrafung und Grenzsetzungen des Ichs aus. Neurobiologische Befunde weisen auf Veränderungen im Gehirn und hormonelle Dysregulationen hin. Dem selbstverletzenden Verhalten kann aber auch eine Persönlichkeitsstörung zugrunde liegen. Die Erklärungsansätze stützen insgesamt die Annahme, dass es sich bei selbstverletzendem Verhalten um eine dysfunktionale Emotionsregulation und um eine Impulskontrollstörung, möglicherweise auch um eine Form substanzungebundener Abhängigkeit handelt.

Erhöhtes Suizidrisiko

Selbstverletzendes Verhalten wird von vielen Betroffenen nach einiger Zeit wieder aufgegeben, jedoch nicht von allen. Bleiben die Betroffenen sich selbst überlassen, dann erhöht sich das Risiko, dass eine Selbstverletzung irgendwann einmal in einen Suizid mündet, weil sie Stress nicht funktional regulieren können und weil die Schwelle zu suizidalen Handlungen durch die Gewöhnung an die Selbstverletzungen herabgesetzt wurde. Liegt zudem eine psychische oder psych-iatrische Erkrankung vor, erhöht dies das Suizidrisiko zusätzlich. Außerdem gilt: Je länger das Verhalten andauert, umso mehr Funktionen können mit ihm verbunden werden, und umso schwieriger wird es, das Verhalten wieder aufzugeben. Erfolgt jedoch bereits in einem frühen Stadium eine psychotherapeutische Behandlung, dann bestehen gewisse Erfolgsaussichten.

Zur Behandlung selbstverletzenden Verhaltens gibt es unterschiedliche Ansätze, etwa psychoanalytische, psychodynamische, tiefenpsychologische, verhaltenstherapeutische, dialektisch-behaviorale und psychopharmakologische. Welcher Ansatz gewählt wird, hängt maßgeblich von den Ursachen des selbstverletzenden Verhaltens ab. Da das Störungsbild schwierig zu verstehen und zu behandeln ist, werden an den Therapeuten hohe Anforderungen gestellt. Allgemeine Prinzipien der Psychotherapie bei selbstverletzendem Verhalten bestehen darin, dessen Intensität und Häufigkeit zu reduzieren, eine Chronifizierung und Verstärkung zu verhindern und eine sichere, tragfähige Arbeitsbeziehung herzustellen. Ein wichtiges Element der Therapie ist der Umgang mit Emotionen und deren Regulation. Die Betroffenen lernen, wie sie mit überbordenden Emotionen umgehen können, ohne sich Schaden zuzufügen. Dazu werden sie zum Beispiel darin geschult, Stressoren zu identifizieren und Emotionen zu erkennen und zu benennen. Sie probieren alternative Handlungsmöglichkeiten bei Ritzdruck aus und üben schnell anwendbare, unschädliche Bewältigungsstrategien für den Krisenfall ein, wie etwa mit jemandem sprechen, die Gedanken aufschreiben oder beruhigende Musik hören. Die Therapie kann zum Beispiel ergänzt werden durch ein Training sozialer Kompetenzen, Visualisierungstechniken oder Entspannungsverfahren. Die Betroffenen können sich außerdem Rat und Unterstützung in Selbsthilfegruppen, im Rahmen sozialer Hilfen oder in entsprechenden Foren im Internet holen. Darüber hin-aus können auch Psychopharmaka dazu beitragen, die hohe emotionale Anspannung, Stimmungsschwankungen und verschiedene Begleitsymptomatiken zu verringern.

Im Rahmen der Behandlung sind psychoedukative Gespräche mit der Familie unerlässlich. Die Familie wird über verschiedene Formen der Selbstschädigung und den Unterschied zwischen selbstverletzendem und suizidalem Verhalten informiert. Es wird erklärt, welche Selbstverletzungen sofortiger medizinischer und psychotherapeutischer Behandlung bedürfen. Darüber hinaus wird vermittelt, dass eine adäquate Reaktion auf Selbstverletzungen darin besteht, ruhig und leidenschaftslos zu bleiben und die Verletzungen zu versorgen, dem Verhalten aber keine übertriebene Aufmerksamkeit zu schenken. Die Angehörigen sollten nicht versuchen, das selbstverletzende Verhalten zu unterbinden, sondern für den Jugendlichen da sein und sich selbst Hilfe zu suchen. Sollten familiäre Konflikte zur Entstehung oder Aufrechterhaltung des Verhaltens beitragen, so kann eine sozialpädagogische Familienhilfe oder ein Erziehungsbeistand zu einer Entspannung der familiären Situation beitragen.

Emotionale Kompetenzen

Zur Prävention selbstverletzenden Verhaltens empfiehlt sich unter anderem die Förderung emotionaler Kompetenzen, weil vor allem die Fähigkeit zur Emotionsregulation vor der Entwicklung emotionaler Störungen schützt und das Risiko für selbstverletzendes Verhalten reduziert. Die Förderung sollte schon früh einsetzen und mit Hilfe der Familien und Multiplikatoren wie Lehrern, Pfarrern, Sporttrainern oder Vereinsleitern, die dafür entsprechend geschult werden sollten, durchgeführt werden. Darüber hin-aus ist bei Jugendlichen, die sich in psychiatrischen Kliniken aufhalten, auf mögliche Anzeichen für selbstverletzendes Verhalten zu achten. Gruppen gefährdeter Jugendlicher müssen gegebenenfalls getrennt werden, damit es nicht zu einer Imitation durch andere Patienten kommt. Insgesamt wäre mehr Forschung zu Ursachen, Patientensubgruppen und zur Wirksamkeit von Therapieverfahren wünschenswert, um der hohen Komplexität selbstverletzenden Verhaltens bei Jugendlichen besser gerecht werden zu können.

Dr. phil. Marion Sonnenmoser

@Literatur im Internet:
www.aerzteblatt.de/pp/lit0913

ansteckendes Verhalten

Selbstverletzendes Verhalten verbreitet sich häufig wie „durch Ansteckung“ innerhalb von Schulklassen und auf Stationen. Dies geschieht dann, wenn selbstverletzendes Verhalten von Gleichaltrigen als mutig und ungewöhnlich bewundert wird, wenn dadurch die Zugehörigkeit zu einer Gruppe unterstrichen werden kann oder wenn es zu einer hohen emotionalen Zuwendung seitens des Betreuungsteams führt. Die dysfunktionale Gruppendynamik kann durch klare Regeln und durch einen Appell an die Kinder und Jugendlichen unterbrochen werden, sich nicht vor den Augen anderer Personen selbst zu verletzen und die Verletzungen und Narben nicht zur Schau zu stellen. Regelmäßige Gespräche zwischen Kindern und Betreuern über die emotionale Situation können dazu beitragen, selbstverletzendes Verhalten zu reduzieren.

Selbstverletzendes Verhalten ist bei Jugendlichen relativ weit verbreitet. Frühzeitige psychotherapeutische Behandlung ist hilfreich, ebenso Psychoedukation im Rahmen der Familie. Mehr Forschung zu Ursachen, Patientensubgruppen und zur Wirksamkeit von Therapieverfahren ist notwendig.

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